Fürstenfelde ist ein Ort ohne Tankstelle, aber mit einem Zigarettenautomaten. Als real existierendes Fürstenwerder ist es nach Stanišićs Angaben leicht zu finden. Fürstenfelde ist zwar einzigartig, aber nicht singulär. Wie Marthalers östlicher Schüler sammelt Stanišić ein prototypisches Personal, zeigt seine Tätigkeiten und Gewohnheiten, seine Sprache und Gefühlswelt: Herr Schramm, erst NVA, jetzt Rentner, Anna Kranz, eine steinalte Malerin, die sich mit Tee und Schnaps auf den Beinen hält und "immer nur das malt, was sie weiß". Frau Schwermuth ist die Chronistin und Archivarin, sie hütet im "Haus der Heimat" das historische Material. Johann, ihr 16-jähriger Sohn, Azubi im Einzelhandel, die Musik der Streets im Ohr, läutet nebenher die Kirchenglocken, die der alte Glöckner kaum noch bewegen kann. Herr Ditzsche züchtet Rassehühner, ein Bäcker und der Buchhändler treten auf, ein paar Nebenfiguren sitzen auf Autoreifen, reden und trinken, eineinhalb Neonazis verschlafen den richtigen Augenblick, eine Frau von einer Partnervermittlung besucht Herrn Schramm, ein urkomisches Treffen, und der Fährmann ist tot. "Es gehen", ein typischer Stanišić-Satz, in dieser Gegend "mehr tot, als geboren werden." Und noch eine Feststellung dieses an Sozialanalysen reichen Buchs: die "hübschen Worte fehlen". Das macht nichts, denn spannender ist sowieso, was hier die Leute verschweigen.

Der Autor mischt sich unter die letzten Überlebenden, die sich in "Tätigkeiten beweisen, die keinen Nutzen haben", die im Heimatmuseum die Chronik behüten wie den Schatz im Silbersee und für Atheisten die Kirchenglocken läuten. Der Autor ist der ethnologisch geschulte Sympathisant. Interessiert an den Mythen, Ritualen, Verwandtschaftsbeziehungen, an der Wiederkehr der Geschichte und am Witz, der in der Wirklichkeit steckt. Saša Stanišić bindet seine Erzählung locker an die Vorbereitungen zum jährlichen Annenfest. "Anna" wird verbrannt, wie es schon Mitte des 16. Jahrhunderts in der Dorfchronik steht.

Vor dem Fest ist ein Geschichtsbuch, vom Mittelalter bis heute, durchsetzt mit Fabeln und Berichten aus der Chronik. Ein Buch über Krieg, Plünderungen, "Herkunft, Heimat, Hobby, Hitler, Hoffnung, Hartz IV", über Helden, die nicht immer Helden sein können, weil es anderes zu tun gibt. Saša Stanišić, der erfahrene Geschichtenbewahrer, erweckt einen verschlossenen Ort zum Leben, beschreibt dessen Schönheit, Tragik, Leere und Kraft. Ein Buch wie wenige andere. Politisch versiert und stilistisch ein Kunststück. Vor dem Fest ist Mensch, Tier und Natur zugewandt, vollkommen illusionslos und trotz mutmaßlicher Übertreibung vollkommen wahr.