DIE ZEIT: Frau Fasang, es ist bekannt, dass die soziale Herkunft den Bildungserfolg von Kindern beeinflusst. Nun haben Sie herausgefunden, dass auch soziale Netzwerke der Eltern eine Rolle spielen. Erklären Sie uns das.

Anette Fasang: Wir wissen zum einen, dass Eltern aus der Mittelschicht meist eine hohe Verantwortung für ihren Nachwuchs übernehmen. Wenn sie sich mit Gleichgesinnten vernetzen, achten sie gegenseitig auf ihre Kinder und darauf, dass sie gewisse Normen einhalten, also pünktlich sind und ihre Hausaufgaben machen. In ärmeren Vierteln ist das jedoch weniger der Fall. Wir haben Daten einer großen amerikanischen Studie ausgewertet, die zeigen, dass sich an diesen Orten enge soziale Beziehungen zwischen Eltern negativ auf den Bildungserfolg der Kinder auswirken. Die Menschen werden mit Arbeitslosigkeit, Gewalt und Drogen konfrontiert. In Gegenden, wo sich diese Probleme häufen, können enge soziale Beziehungen solche negativen Effekte verstärken.

ZEIT: Heißt das, Kinder in ärmeren Vierteln laufen Gefahr, ihren Schulabschluss nicht zu schaffen, nur weil sich ihre Eltern mit Eltern aus dem gleichen Milieu anfreunden?

Fasang: Wir haben herausgefunden, dass diese Kinder eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, ihren Schulabschluss nicht zu schaffen. Und wenn sie einen Abschluss schaffen, ist der Notendurchschnitt schlechter als bei anderen Kindern. In Schulen mit geringem Armutsanteil haben informelle Elternnetzwerke einen kleinen positiven Einfluss. Ab etwa zehn Prozent Armutsanteil in den Klassen kippt dieser positive Einfluss informeller Elternnetzwerke ins Gegenteil. In Schulen, in denen über 30 Prozent der Schüler in Armut leben, verringern enge soziale Netzwerke der Eltern die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Kinder einen Schulabschluss schaffen gegenüber anderen Mitschülern um bis zu fünf Prozent.

ZEIT: Das klingt nicht so dramatisch ...

Fasang: ... ist es aber. Denn angesichts der Tatsache, dass die meisten Schüler in den USA den Highschool-Abschluss schaffen, sind fünf Prozent ein unerwartet starker Effekt.

ZEIT: Wo genau liegen die Nachteile für die Kinder, wenn sich ärmere Eltern nur mit ihresgleichen austauschen?

Fasang: Wenn die Eltern keine Kontakte in die Mittelschicht haben, fehlen nicht nur ihnen, sondern auch ihren Kindern die Vorbilder für den Bildungserfolg. Sie wissen dann nicht, warum es sich lohnt, einen guten Schulabschluss zu machen und zu studieren. Die soziale Ungleichheit wird damit von einer Generation zur nächsten weitergegeben. Das ist bildungspolitisch brisant, weil man bislang immer angenommen hatte, ein Zusammenhalt der Eltern untereinander sei für Kinder grundsätzlich förderlich. Aber unsere Untersuchung hat gezeigt, dass davon nur diejenigen profitieren, die ohnehin sozial bessergestellt sind.

ZEIT: Inwieweit sind die Ergebnisse Ihrer Untersuchung auf Deutschland übertragbar?

Fasang: Wir vermuten hierzulande ähnliche Effekte, möglicherweise besonders stark in Gegenden mit einem hohen Anteil von ökonomisch benachteiligten Migrantenfamilien. Da, wo sich Ghettos bilden, ist die Gefahr negativer Bestärkung am größten.

ZEIT: Was lässt sich daraus schlussfolgern: Wegziehen? Nicht mehr mit anderen Eltern reden?

Fasang: Niemand kann oder sollte Eltern den Umgang mit anderen Eltern verbieten. Politische Einflussnahme auf persönliche Netzwerke von Eltern sind weder ethisch vertretbar noch praktisch durchsetzbar. Aber Stadtpolitiker sollten darauf achten, Ghettobildungen zu vermeiden und versuchen, Wohngebiete und Schulen stärker zu durchmischen.

ZEIT: Welche Rolle können Schule oder Lehrer spielen?

Fasang: Eine große! Die Schulen sollten enger mit den Eltern zusammenarbeiten, das ist Erfolg versprechend für alle Kinder.