Zwischen Los Angeles und Papeete habe ich mich schließlich mit ihm bekannt gemacht. Zu groß war die Nähe zwischen 31 A und 31 B geworden, als dass ich noch weiter wortlos hätte schrumpfen können. Tinikau, ein Marquesaner von der Insel Ua Pou, war trotz seines niedlichen Namens ein Berg von einem Mann. Wenn er einfach nur dasaß, verschwand ich hinter seinem Ellenbogen. Er trug Turnschuhe, groß wie Einkaufskörbe, einen zeltartigen braunen Strickpullover und hinter dem Ohr eine weiße Gardenie. Die Stewardess von Air Tahiti Nui hatte die Blütenknospen den Passagieren nach Papeete beim Einsteigen in Paris auf einem Tablett angeboten. Meine war längst untergegangen.

Tinikau hatte Urlaub in Europa gemacht: Paris, Rom, London. "Was denn, im Winter?", fragte ich. Er lachte. "Ja, wunderbar, diese Kälte!" Nun war er auf dem Heimweg nach Ua Pou. "Wir haben eine Piste für kleine Flugzeuge, ungefähr so geformt wie eine Halfpipe." Seine flache Hand beschrieb einen schwungvollen Bogen. "Es gibt nur zwei Piloten in ganz Polynesien, die dort landen können." Ich staunte entsprechend. Das müsste aufregend sein. Trotzdem war ich ganz froh, dass ich von Papeete mit dem Schiff auf die Marquesas reisen würde, nicht mit dem Flugzeug und nicht neben Tinikau.

Die sechs bewohnten und ein paar unbewohnte Inseln der Marquesas, die zu Französisch-Polynesien gehören, sind das am weitesten vom nächsten Festland entfernte Gestreusel. Wie Gestirne in einem Himmel, der ein Ozean ist, liegen sie bei 9° Süd und 139° West. Ihre Namen klingen wie ein Zauberspruch: Nuku Hiva, Fatu Hiva, Hiva Oa, Tahuata, Ua Huka, Ua Pou. Kleine Dörfer liegen dort unter Palmen am Strand, und an jedem Morgen, der übers Meer angeschmust kommt, stecken sich die Marquesaner eine Hibiskusblüte ins Haar und pflücken eine Mango vom Baum, während ihnen die Südseewellen die Füße küssen. Dachte ich mir.

Es gibt ein paar Flugzeugpisten, aber nur einen einzigen Frachter, der die Inseln regelmäßig anläuft, sie mit Gütern versorgt und auch Passagiere mitnimmt: die Aranui 3, 117 Meter lang, 17,60 Meter breit, 7418 Bruttoregistertonnen – mein Schiff. Alle drei Wochen legt sie von Tahiti ab und macht sich auf die 3000 Kilometer lange Rundreise. Erkenntnis 1: Auf den Marquesas lebt kein Mensch nur von Obst und Blütenduft. Im Hafen von Papeete lädt die Aranui 3 Diesel, Zement, Autoreifen, Bier, Limo und Mineralwasser, Reis, Mehl, Öl, Nudeln, Nutella, Dosentomaten, T-Shirts, Gummischlappen, Kühlschränke und Kinderfahrräder. Sie wird zurückkehren mit Bananen, Nonifrüchten und vielen Säcken Kopra, des gedörrten Fruchtfleisches der Kokosnüsse, aus dem Öl gewonnen wird.

Der Fracht gehören die vorderen zwei Drittel des Schiffs. Über den Ladeluken ragen zwei gelbe Kräne. Landungsboote, ein Schlepper und ein Gabelstapler sind dort vertäut. Im Heck liegen Restaurant, Bar, Salon und 88 Kabinen, alles schick und patent wie in einer Jugendherberge. Es gibt sogar einen kleinen Pool für Bewegungsbäder im Einklang mit dem Schwanken des Schiffs und eine Bibliothek mit zwei Computern, die in der elektronischen Diaspora, in die wir hineinsteuern, kaum von Nutzen sind. In der Bar klampft am Abend die Bordband, bestehend aus einem Kellner, einem Mechaniker, Stephen von der Rezeption, dem Lektor Johann, der nachmittags im Salon über die Entdeckungsreisen der Polynesier im Pazifik spricht, und Nui aus Tahiti, die singt und tanzt und ihr Haar schwenkt, das bis zum Saum ihres Minirocks reicht. Der Dresscode ist leger. "Keine Schuhe, kein Hemd – kein Problem" steht als Devise über dem Tresen. Der Barmann trägt auch keins.

Im Restaurant gibt es keine Tischordnung. "Machen Sie sich mit Ihren Mitabenteurern bekannt", ermuntert die Reiseleitung. Man sitzt so lange durcheinander – Franzosen, Engländer, Australier, Deutsche, Schweizer, zwei Schweden, ein Inder, ein Holländer –, bis man ein Nest aus netten Menschen gefunden hat. Es überwiegen die älteren Herrschaften, "the wrinklies", die Fältlichen, wie ein rüstiger Engländer seinesgleichen nennt. Hauptsache, sie schaffen den Ritt über die schwankende Gangway.

Ausgezeichnet von der Queen

Aber noch muss sich keiner beweisen. Noch sind wir auf See, und die Aranui dieselt mit 12,5 Knoten nach Nordosten. Auf dem Sonnendeck bittet Kapitän Vatea Sitjar zum Empfang. Zu dieser Gelegenheit trägt Kevin Carroll, eine würdige Erscheinung mit weißem Bart und dicht gewelltem, weißem Haar, einen gebügelten Khakianzug und über der rechten Brusttasche seine sämtlichen Orden. Dreißig Jahre habe er in der Royal Australian Air Force gedient, sagt er. Dreimal habe ihn die Queen ausgezeichnet. Auf allen Seereisen habe er als Ehrengast an der Tafel des Kapitäns Platz genommen. Und jetzt das: ein Plastikstuhl, ein Plastikbecher mit Fruchtpunsch, und der Kapitän trägt ein Polohemd mit eingehängter Sonnenbrille im Ausschnitt. Keine Mütze, keine goldenen Kordeln, keine Kapitäns-Tafel. Kevin fragt mich, ob es klug war, diesem rumänischen Seemann unser beider Leben anzuvertrauen.

Dabei wird die Aranui gerade wegen ihres Mangels an Kreuzfahrt-Glamour von den meisten Passagieren verehrt. Der lockere Dresscode gilt auch fürs Servicepersonal. Tave trägt eine Blume hinterm Ohr, Hina einen grünen Schlips, Moana eine Kette aus Wildschweinhauern um den Hals. Er ist von der rechten Schläfe bis über die Wange tätowiert. Ja, es stimmt, sagt er, früher musste ein junger Mann zu seinem ersten Tattoo ein Menschenopfer mitbringen. Heute sticht Moana einen Rochen oder Delfin schon für 20 Euro. Er hat sein Besteck dabei und bietet den Passagieren seine Kunst an. Auch die Älteren überkomme auf so einer Reise unerwartete Kühnheit – das Problem sei die Haut, sagt Moana und schiebt zur Verdeutlichung die Tischdecke vor sich in Falten.

Erkenntnis 2: Die Marquesaner waren kriegerische Kerle, und ihre Inseln sind keine Schmuseflecken mit Palmenwedeln in einem türkisblauen Atoll, sondern schroffe, wie grüne Festungen aus der Tiefe gestiegene Vulkane in der brodelnden Brandung des Pazifiks. Bevor wir Land sichten, warnt die Reiseleitung bereits vor Buchten, deren Herrlichkeit von starken Unterströmungen, Haien und der gemeinen Sandmücke beeinträchtigt wird. Ein Hinweis auf den Steinfisch, der, äußerst selten, aber durchaus aktiv, im flachen Wasser auf den Barfußgänger lauere, um ihm seinen tödlichen Stachel in die Sohle zu bohren, führt mich in die Bordboutique und zu einem Paar rosa Plastikschuhe. Als Abenteurer muss man ästhetische Kompromisse eingehen können.