Die Nachbeben der Abstimmung vom 9. Februar sind auch einen Monat später zu spüren. Selbstbewusst treten die Sieger im In- und Ausland vor die Fernsehkameras und feiern den Sieg der unabhängigen Schweiz – der Mythos hat über die Realität gesiegt. Denn, wie Alt-Bundesrätin Calmy-Rey in der Arena im Schweizer Fernsehen zu Recht betonte: In einer globalisierten Welt meint Unabhängigkeit nicht, sich abzuschotten, sondern Einfluss auf den Lauf der Dinge zu nehmen.

Die politische Debatte um die Zukunft der Schweiz in Europa dreht sich um grundsätzliche – aber etwas abstrakte – Fragen. Etwa um jene nach der richtigen Balance von Selbstständigkeit und wirtschaftlicher Abhängigkeit. Oder man sucht nach Erklärungen dafür, wieso den Stimmbürgern die nationale Identität näher liegt als die ökonomischen Fakten.

Die Annahme der SVP-Initiative hat aber bereits ganz konkrete Folgen: Zum Beispiel für den Studenten der Universität Zürich, der bei uns in der Müller-Möhl-Foundation arbeitet.

Wie viele Studenten, die ihren Horizont im Ausland erweitern wollen, wollte der junge Mann mit dem Austauschprogramm Erasmus an einer anderen europäischen Uni studieren. Die EU-Kommission aber hat nach dem Ja des Schweizer Stimmvolkes unser Land von diesem Programm ausgeschlossen. Hiesige Studenten werden fortan wie ihre Kommilitonen aus Drittstaaten behandelt. Selbst wer schon einen Platz an einer europäischen Uni auf sicher hatte, wird nun in der Schweiz bleiben müssen.

Klar, dies mögen Einzelschicksale sein, und es bleibt noch die Hoffnung auf eine "stille Beteiligung" an Erasmus, welche die Schweiz bis 2011 kannte.

Tatsächlich steht aber mehr auf dem Spiel. Ich habe es an dieser Stelle schon mehrfach geschrieben: Die Schweiz besitzt nur zwei wichtige Rohstoffe: die Bildung und die Wissenschaft. "Die Wissenschaft ist die Basis des Wohlstands von morgen, der Wirtschaft von morgen", sagte der Präsident der ETH-Lausanne, Patrick Aebischer, in der Zeitschrift Bilanz . "Wenn wir nicht schnell eine Lösung finden, dann erleben wir das Grounding des Schweizer Forschungsplatzes." Aebischer weiss, wovon er spricht. Das von seiner Universität geleitete Human Brain Project, für das die Europäische Union 500 Millionen Euro beisteuert, ist infrage gestellt.

Sicher, die Suppe wird selten so heiß gegessen, wie sie gekocht wird. Die EU hat auch ein Interesse an den Abkommen mit der Schweiz. Trotzdem: In Wirtschaft, Politik, Bildung und Wissenschaft herrscht eine große Verunsicherung. Oder wie es Patrick Aebischer sagt: "Die Rechtsunsicherheit gefährdet die Stabilität."

Unser Wohlstand wird von talentierten Menschen gesichert – und nicht vom Kapital allein.

Darum trifft es genau die Falschen, wenn unsere Studenten sowie die Bildungs- und Forschungsinstitutionen die Zeche für das Ja zur Initiative gegen die Masseneinwanderung bezahlen müssen. Wir brauchen nun praktikable Lösungen, auf die sich Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Verbände und Kantone rasch einigen müssen. Das gelingt uns allerdings nur, wenn wir alle Interessensgruppen an einen Tisch bringen. Bundesbern ist gefordert.