Es war der Moment, in dem Kitasamba zornig wurde. Aus dem Nichts beschwor er einen Nebel, der die Konturen meines Vordermanns ausradierte wie Gekritzel auf weißem Papier. Dann jagte er Böen über die Gletscherzunge und beschoss uns mit Eisschrapnellen. Bestimmt war es auch der Berggott, der dafür sorgte, dass mein linker Fuß plötzlich aus dem Steigeisen glitt. Einen übleren Zeitpunkt dafür gab es nicht: Die Stahlzacken steckten in blankem Eis mit einer Steigung von 50 Grad. Überall unter, neben und über uns prangte jener Gletscher, auf dem Kitasamba zu Hause ist. In knapp 5.000 Meter Höhe zwang er uns dann zum Umkehren. Was nur meine Schuld gewesen sein konnte. Denn beim frühen Aufbruch mit Stirnlampen hatte ich Kitasambas Namen ausgesprochen, obwohl uns die Träger davor warnten. Dies würde den Herrscher über Afrikas höchsten Gebirgsstock erzürnen und Stürme zur Folge haben, drohten sie. Und tatsächlich hatte nichts vernünftiger geklungen als das. Nicht hier, nicht in dieser Landschaft. Aber der Reihe nach.

Als im Dorf Nyakalengija im äußersten Westen Ugandas unser Gepäck an die Träger verteilt wird, brennt die Äquatorsonne die ersten Bergrücken des Ruwenzori aus dem Morgendunst. Unser Ziel liegt irgendwo dahinter: die 5.109 Meter hohe Margheritaspitze, der höchste Gipfel des Massivs und der dritthöchste Afrikas. Anders als die Nummern eins und zwei – der Kilimandscharo und der Mount Kenya – ist der Ruwenzori kein solitärer Vulkan und deswegen Afrikas höchstes Gebirge.

Der Weg hinauf gilt als einer der mühseligsten, die der Alpinismus zu bieten hat – steil, glitschig, voller Schlamm und Morast. Es gibt nur wenige Gegenden, in denen so viel Regen fällt: An 300 Tagen im Jahr schüttet es hier fast unaufhörlich. Gerade ist Trockenzeit, doch das bedeutet lediglich, dass es nun auch Regenpausen gibt.

Entlang der Dorfstraße reihen sich Adobehütten und schrankgroße Läden aneinander. In kreischbunte Kleider gehüllte Frauen balancieren Feuerholz auf ihren Köpfen, Hühner rucken durch blutroten Staub, irgendwo dröhnen Trommeln. Die winkenden Kinder sind die Einzigen, die sich für unsere losmarschierende Gruppe interessieren. Die Erwachsenen starren uns nur todernst an, als verstünden sie nicht, was wir da oben wollen. Und eigentlich wissen wir es ja selber kaum – sechs Bergsteiger, die nichts so sehr eint wie die Gewissheit, dass ihnen acht zähe Tage bevorstehen.

Der Ruwenzori ist eins der letzten kaum erforschten Gebiete der Erde. Und sagenumwoben von jeher. Vor 2.000 Jahren schrieb der griechische Geograf Ptolemäus von den Mondbergen im Innern des Schwarzen Kontinents, in denen der Nil entspringe. Seitdem suchten Forscher immer wieder nach dessen Quellen, zogen aber stets daran vorbei. Erst 1888 bekam der Afrikaforscher Sir Henry Morton Stanley als erster Europäer das mysteriöse, nur an 20 Tagen im Jahr wolkenfreie Gebirge zu Gesicht.

Nach unserer Abmeldung in der Rangerstation schließt sich der Dschungel über uns wie das Meer über einem Taucher. Metallicgrüne Vögel schwirren durch die Chlorophyllgewölbe, Schimpansen zanken jenseits des Mobuku-Flusses, der irgendwann im Nil aufgehen wird. Vorn marschiert Hezron. Der Mittdreißiger steht unseren vier Führern vor und erklärt uns seine Welt mit der steifen Oberlippe eines englischen Kolonialgelehrten. Erst zeigt sein Bambusstab auf Elefantenspuren, dann auf ein dreifach gehörntes Chamäleon. Wie die Spielzeugfigur eines Triceratops verharrt es auf einem Ast. Später queren Ameisenstraßen unseren Weg, auf denen Blätter und Maden transportiert werden. "Wenn du hier verletzt liegen bleibst, ist das dein Ende", sagt Hezron und zwirbelt sein Bärtchen. "In zwei Tagen haben afrikanische Treiberameisen einen Menschen bis aufs Skelett entfleischt."

Hezron trägt Zivil, seine Unterführer stecken in paketdienstbraunen Drillichuniformen. Die Männer gehören zum Bergvolk der Bakonjo, das nach seinem Selbstverständnis als einziges den Ruwenzori besteigen darf. Ausnahmen wie uns erbitten sie bei Kitasamba, zu dem der schmächtige Träger Isebani Kontakt hält. Jeden Abend befragt er die Gottheit in einem Ritual. Vielleicht schaut er deswegen immerzu drein, als denke er etwas Großes und Wichtiges.

Früher verdingte sich Isebani als Jäger – die Pirsch war lange der einzige Grund, den Ruwenzori zu erklimmen. Mit den Jahren entwickelten sich so jene vagen Pfade, auf denen wir heute unterwegs sind. Dann wurde die Jagd auf den Rotducker, eine ziegengroße Antilope, verboten. Darum stellen sich die Bakonjo den wenigen Touristen als Bergführer zur Verfügung. Wenn einer von ihnen loszieht, gibt sein Dorf ihm eine Art Einkaufszettel mit. Offenbar ist in den Bergen gegen jedes Leiden ein Kraut gewachsen. Immer wieder bleibt unser Führer Josephat stehen und erläutert die Heilpflanzen. Er kennt Blätter gegen Kopfschmerzen, Knospen gegen Husten, Stängel gegen Unfruchtbarkeit und Wurzeln gegen Schlangenbisse. Sogar bei Ehekrisen weiß Josephat Rat: Jeden Abend ein Tässchen Tee von diesen lippenstiftroten Blüten dort, und Scheidung sei kein Thema mehr.

Je höher wir kommen, desto düsterer und wunderlicher wird es um uns. Heidekraut wuchert hier 25 Meter hoch und verkeilt sich zu monumentalen Kuppeln über unseren Köpfen. Lindgrüne Flechten wehen wie Vorhänge von seinen Zweigen, Stämme und Äste sind mit kubikmetergroßen, grün, rot und gelb leuchtenden Moospolstern bepackt, aus denen wiederum Farne und Orchideen sprießen. Als ich mich einmal mit der Hand abstützen will, sinke ich in einem der Polster bis zur Schulter ein wie in Daunenkissen. Kein Wunder, dass die Träger das Moos manchmal als Schlafsack nutzen.

Abends erreichen wir die erste Schutzhütte, die wie alle Behausungen am Ruwenzori eine zugige Mischung aus Wellblechruine und Bretterverschlag ist. Die Träger lagern schon um ein Feuer, dessen Flammengeflacker ihre tiefschwarzen Gesichter wie Masken aussehen lässt.

Warum Ruwenzori in der Sprache der Bakonjo "Regenmacher" bedeutet, erleben wir am nächsten Tag: Es schüttet millimeterdicht. Jeder Schritt schmatzt im Schlick, der ganze Wald plätschert und gurgelt und gluckst. Es hört sich an, als verdaue er sich selbst. Doch was haben wir erwartet? Der Ruwenzori ist das große Wasserwerk für weite Teile Nord- und Ostafrikas. In der Regenzeit halten die Wälder das Wasser wie ein Schwamm zurück, in der Trockenzeit geben sie es an die vielen Zuflüsse des Nils ab.