Ein Aktivist im Dagobert-Duck-Kostüm wirft mit Falschgeld um sich: Aufnahme von einer Demo gegen die wachsende Ungleichheit im September 2012 in Berlin © Carstel Koall/Getty Images

Stolz auf die soziale Marktwirtschaft, die Wachstum und Wohlstand für alle schafft? Das war lange ein Grundgefühl in Deutschland. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) zeigt jedoch, dass es hierzulande mit dem Wohlstand für alle nicht so weit her ist: In der Euro-Zone gibt es kaum eine andere Nation mit so niedrigen privaten Vermögen und einer so hohen Vermögensungleichheit – und das, obwohl in Deutschland inzwischen so viele Menschen arbeiten wie nie zuvor.

Die in der Studie genannten Fakten sind ernüchternd: Deutschland hat zwar relativ hohe Einkommen und eine der höchsten Sparquoten in Europa, aber auch die geringsten privaten Vermögen. Mehr als ein Viertel der Deutschen besitzt überhaupt kein Vermögen oder ist verschuldet. Nur etwa jeder Dritte hat ein Eigenheim, nur jeder Zweite eine Lebensversicherung oder einen Bausparvertrag. Vermögend kann man eigentlich nur das obere Drittel der Bevölkerung nennen, hingegen hat die große Mehrheit der Deutschen keine nennenswerte private Absicherung.

Zum Teil lässt sich das historisch erklären: Westdeutsche mussten 1945 und Ostdeutsche 1990 bei null beginnen und ihre Existenz neu aufbauen. Ein zweiter Grund ist das tiefe Vertrauen der Deutschen in den Staat. Viele denken, dass die Vorsorge für Alter, Krankheit und Pflege vor allem die Pflicht des Gemeinwesens ist. Dabei ist bereits heute klar, dass der demografische Wandel – die zunehmende Alterung der Bevölkerung – die soziale Leistungsfähigkeit des Staates immer weiter reduzieren wird. Angesichts dieser Tatsache betreiben zu wenige eine ausreichende private Vorsorge; die gescheiterte private Rentenvorsorge ist dafür nur ein Beispiel.

Dass viele Deutsche kein ausreichendes Vermögen haben, hat auch mit ihrer Aversion gegen Schulden zu tun. "Auf Pump zu leben" wird fast als etwas Unmoralisches gesehen. Dabei sind Schulden ökonomisch per se nichts Schlechtes. Sich Geld zu leihen, um damit Bildungsausgaben zu finanzieren oder ein Eigenheim zu erwerben, ist meist eine hervorragende Investition, die sich langfristig durch ein höheres verfügbares Einkommen und eine bessere Vorsorge auszahlt. In Deutschland liegt die Eigenheimquote bei 38 Prozent, wünschenswert wären 70 Prozent oder mehr wie bei unseren europäischen Nachbarn. Wie bei der privaten Altersvorsorge steht auch hier die Politik in der Pflicht – indem sie genügend Wohnraum sichert und andere Barrieren für den Eigenheimerwerb abbaut. Deutschland ist eines der wenigen Länder in Europa, das – abgesehen vom Wohn-Riester – keine direkte Wohneigentumsförderung betreibt.

Deutsche sparen zwar viel, aber sie tun es wenig gewinnbringend. Es wird viel über die gegenwärtige "Niedrigzinsphase" geklagt, und tatsächlich liegen die Zinsen für ein Sparguthaben nach Abzug der Inflation bei null oder sogar im Minusbereich. Bei diesen Klagen wird freilich übersehen, dass derjenige, der 2013 in die Aktien des deutschen Dax-Index investierte, eine Rendite von 23 Prozent erwirtschaften konnte. Auch andere Finanzanlagen und Immobilien haben enorm an Wert gewonnen. Zudem waren deutsche Banken und Investoren sensationell schlecht bei ihrem Versuch, deutsche Vermögen gewinnbringend im Ausland zu investieren: Seit 2000 hat Deutschland auf solche Investitionen netto 400 Milliarden Euro verloren, das sind knapp 20.000 Euro für eine vierköpfige Familie.

Die Antwort auf die niedrigen Zinsen sollte also nicht sein, mehr zu sparen, sondern intelligenter zu sparen. Eine größere Offenheit für andere Anlageformen als das Sparbuch oder Tagesgeld und mehr Bildung in Finanzfragen wären dabei dringend notwendig.

Wichtiger zur Erklärung der anhaltend großen Ungleichheit hierzulande als all diese eher individuellen Gründe sind aber die niedrige Chancengleichheit und geringe soziale Mobilität in Deutschland. In kaum einem anderen europäischen Land ist es so schwierig für Menschen aus sozial schwächeren Schichten, sich in die oberen Einkommensgruppen hochzuarbeiten. Es ist ein Skandal, dass in einer sich "sozial" nennenden Marktwirtschaft 70 Prozent der Akademikerkinder die Universität besuchen, aber nur 20 Prozent der Kinder von Eltern ohne akademischen Abschluss.