Hans-Jochen Schiewer hat eine lange Ausbildung genossen. Inklusive Schulzeit dauerte sie vier Jahrzehnte. An der Uni musste er sich auf einem halben Dutzend Stationen mit befristeten Verträgen bewähren. Als er endlich seine erste feste Stelle erhielt, eine Professur für Germanistik, war der Dauerazubi grau an den Schläfen und 46 Jahre alt.

Heute ist Hans-Jochen Schiewer fast weiß auf dem Kopf und selbst Chef einer dieser seltsamen Arbeitgeber namens Hochschule. Seine eigene Ochsentour hat der Rektor der Universität Freiburg nicht vergessen. Es könne nicht angehen, dass "die Universitäten ihren Nachwuchs bis Anfang vierzig in Unsicherheit und Unselbstständigkeit halten", kritisiert Schiewer heute. An seiner Hochschule will er das nicht länger hinnehmen. Mehr feste Stellen verspricht er, und "endlich verlässliche Karrierewege in der Wissenschaft".

Ach, der wissenschaftliche Nachwuchs! Die Klage über die düsteren Aussichten junger Gelehrter gehört zur deutschen Universität wie der Lehrstuhl oder die Habilitation. Schon Max Weber schrieb, er kenne kaum einen Beruf, bei dem der Zufall so viel mehr als die Tüchtigkeit über die Zukunft entscheide, als bei dem des Wissenschaftlers. Und als vergangene Woche die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) feststellte, Deutschland verliere "die besten Wissenschaftler durch Abwanderung", da machten die Gutachter als wichtigen Grund dafür die prekäre Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses aus.

Wie in kaum einem anderen Land teilt eine tiefe Kluft die akademischen Statusgruppen in Deutschland voneinander. Auf der einen Seite steht eine kleine Zahl verbeamteter Professoren mit hohem Renommee und großer Freiheit; auf der anderen drängt sich die Masse der wissenschaftlichen Mitarbeiter, die auf wackeligen Posten weisungsgebunden und ohne klare Perspektive ausharren. Unzählige akademische Reformversuche – von der Assistentenbewegung 1968 bis zum Elitewettbewerb – haben die hierarchische Struktur der Universität nicht aufbrechen können. Jetzt aber gibt es Anzeichen, dass sich das ändern könnte. Und Reformer wie Hans-Jochen Schiewer stehen plötzlich nicht mehr allein auf weiter Flur.

• Von der Hochschulrektorenkonferenz über die Gewerkschaften bis zur Max-Planck-Gesellschaft haben einschlägige Organisationen den sogenannten akademischen Mittelbau als größte Schwachstelle des deutschen Wissenschaftssystems erkannt.

• Mehrere Bundesländer verpflichten ihre Hochschulen mit Gesetzen und Vereinbarungen auf faire Arbeitsbedingungen für ihre jungen Wissenschaftler. So sollen in Hamburg die offiziellen Promotionsstellen in Zukunft "grundsätzlich drei Jahre" laufen. Mindestens die Hälfte der Arbeitszeit muss der Doktorand seiner Dissertation widmen dürfen. Die entsprechenden codes of conduct erinnern ein wenig an die Selbstverpflichtungen bengalischer Textilfabriken zu Mindeststandards in der T-Shirt-Produktion – nur dass es hier um faire Bedingungen für Forscher geht. Die baden-württembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer verspricht: "Wir wollen ein Stück deutscher Universitätskultur verändern."

• Im Bundesforschungsministerium denkt man über einen "Pakt für den Nachwuchs" nach, um Universitäten zu helfen, das Los ihrer Jungforscher zu verbessern.

Erste Hochschulen, wie die Universität Bremen, haben damit bereits begonnen. Andere garantieren ihren besten Talenten schon Anfang oder Mitte dreißig eine Professur auf Lebenszeit. Bewähren sich die jungen Kollegen auf dem sogenannten Tenure-Track, ist ihnen der akademische Adelstitel sicher. Am ehrgeizigsten zeigt sich dabei die TU München. Die bayerische Exzellenz-Uni will bis zum Jahr 2020 gleich hundert solcher Tenure-Track-Stellen einrichten. International gilt diese Art der Karriereleiter als der Königsweg. Dabei hält die Uni einem hoffnungsvollen Jungforscher quasi eine Dauerprofessur frei.