Carsten Maschmeyer © Frederik von Erichsen/dpa

"Malstunde", sagt Carsten Maschmeyer und greift zu einem grünen Filzstift. Seine Glückskurve startet auf niedrigem Niveau: Er wächst ohne leiblichen Vater auf – in einem Mutter-Kind-Heim in einer Bremer Mietskaserne. Als er sechs Jahre alt ist, findet seine Mutter einen neuen Partner. Die Glückskurve macht einen Sprung nach oben, endlich hat der Junge einen Vater, Maschmeyer malt ein Kleeblatt daneben. Doch dann bekommt er vom Stiefvater vor allem Prügel, die Kurve stürzt ab, Maschmeyer malt einen Blitz an den Rand.

DIE ZEIT: Herr Maschmeyer, welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Kindheit?

Carsten Maschmeyer: Ich wuchs ohne Vater auf, das galt damals als Schande. Zum Glück gab es meinen Opa, der meine Mutter sehr unterstützt und ermutigt hat, mich alleine großzuziehen.

ZEIT: Als Ihre Mutter einen neuen Mann fand, waren Sie sechs Jahre alt. Sie mussten verschweigen, dass er nicht Ihr leiblicher Vater war. Dabei schlug er Sie häufig.

Maschmeyer: Eine schwere Zeit, aber ich habe meinem Stiefvater verziehen. Zwei Jahre vor seinem Tod nahm er mich zur Seite und bat mich um Entschuldigung. Er hat es ehrlich bereut. Wir haben uns versöhnt.

ZEIT: Wie hängt das Unglück zu Beginn ihres Lebens mit ihrem späteren Erfolg zusammen?

Maschmeyer: Als Kind habe ich Armut, Hunger und Einsamkeit erlebt. Ich war Schlüsselkind und wurde gehänselt. Die anderen Jungs hatten Jeans, ich trug Tuchhosen; die hatten coole Boots, ich trug Schnürschuhe, die die anderen als Kasperschuhe bezeichneten. Das hat eine starke Sehnsucht nach Freiheit und Unabhängigkeit in mir geweckt. Ich wurde dadurch hungriger und ehrgeiziger als meine Mitschüler. Ich wollte ausbrechen aus dem Leben, in das ich hineingeboren wurde. Dafür habe ich gekämpft.

ZEIT: Ihre Mutter hat Sie nicht unterstützt?

Maschmeyer: Sie hatte mich vermutlich unheimlich lieb, aber sie konnte es mir in meiner Kindheit nicht gut zeigen. Nur wenn ich gute Noten nach Hause brachte, sagte sie: "Junge, das hast du gut gemacht." Ich dachte, dass ich nur geliebt werde, wenn ich etwas leiste. Das habe ich später auf den Beruf übertragen: Ich wollte schon damals ein besonders erfolgreicher Berater sein, ein besonders erfolgreicher Direktor und später eine Firma erfolgreich führen.

ZEIT: Kam mit dem Erfolg auch das Glück?

Maschmeyer: Es gab immer wieder Phasen in meinem Leben, in denen Erfolg und Glücksgefühl zusammenkamen. Als Jugendlicher entdeckte ich den Sport und wurde ein guter Mittelstreckenläufer. Ich brachte es zum niedersächsischen Landesmeister. Ich fand gute Freunde beim Sport und verdiente mein erstes Geld – als "Hase", der andere zieht. Zum ersten Mal konnte ich mir etwas leisten. Ich hatte die ersten Freundinnen, machte Abitur und jobbte an der Supermarktkasse und später als Finanzberater. Ich spürte: Mit Fleiß, Ausdauer und Mut kann man im Leben viel erreichen.

Maschmeyer zeichnet die Glückskurve steil nach oben. Doch dann endet der Höhenflug jäh, die Kurve bricht ein.

ZEIT: Was war passiert?

Maschmeyer: Ich fing 1978 bei der Vermögensberatung OVB an, um mir mein Studium zu finanzieren. Die Kunden waren so zufrieden und es machte mir so viel Spaß, dass ich das Studium abbrach und hauptberuflich Finanzberater wurde. 1985 ernannte man mich zum Landesdirektor. Als ich mit meiner Mannschaft 50 Prozent der Umsätze erzielte, wurde ich dem Inhaber zu stark. Ich bekam zwar eine Millionenabfindung, aber ich saß frustriert zu Hause.