Nur an der Tankstelle ist Venezuela noch ein Paradies. Seit Wochen toben Straßenschlachten zwischen Gegnern und Anhängern des linkspopulistischen Staatschefs Nicolás Maduro. Mindestens 17 Menschen sind getötet, Hunderte verletzt worden. Händler rationieren mittlerweile den Verkauf von Lebensmitteln. Doch die Zapfsäulen des staatlichen Ölmonopolisten PDVSA zeigen seit 17 Jahren dieselben Spottpreise: 0,097 Bolívar (umgerechnet 0,011 Euro) kostet ein Liter Super, Diesel ist noch billiger. So etwas gibt es nirgendwo sonst auf der Welt. Und bald wohl auch in Venezuela nicht mehr.

Gerade hat "Hugo Chávez’ Sohn", wie sich Maduro nennt, "gerechte Preise" für Benzin angekündigt. Der hoch subventionierte Sprit dürfte also teurer werden, womöglich um das 15- bis 25-Fache. Und das mitten in der Staatskrise, bei bereits 56 Prozent Inflation. Vor allem aber ist der Benzinpreis in Venezuela sakrosankt. 1989 löste seine Erhöhung Krawalle mit mehreren Hunderten Toten aus. Aber die Regierung und ihr maroder Ölriese PDVSA sehen keinen anderen Weg aus der Misere.

Venezuela droht die Pleite. Die PDVSA – Eigentümerin der größten Erdölreserven der Welt – liegt danieder. An die 300 Milliarden Barrel (je 159 Liter) lagern in Venezuelas Boden, mehr als in Saudi-Arabien. Doch die PDVSA schafft es nicht, den Schatz zu heben. Ihre Ölproduktion sinkt von Jahr zu Jahr. Förderte der Staatskonzern 2006 im Tagesdurchschnitt 3,3 Millionen Barrel, waren es 2013 der Internationalen Energieagentur zufolge nur noch 2,5 Millionen Barrel, nach 2,75 Millionen Barrel im Jahr davor. Das ist eine Katastrophe für den Staat, dessen Deviseneinnahmen zu 90 Prozent aus dem Verkauf des Öls stammen und dessen Haushalt die PDVSA zu fast 60 Prozent finanziert.

"Die Henne der goldenen Eier" nannten die Venezolaner früher ihren staatlichen Ölkonzern. Heute steht die goldene Gans für die Misswirtschaft der Chavistas. Seit die Linkspopulisten das einstige Paradeunternehmen kontrollieren, fällt die Ölausbeute. Kosten und Schulden steigen dramatisch. Noch zur Jahrtausendwende war "die PDVSA einer der effizientesten, finanzstärksten Konzerne", sagt Igor Hernández, Energieökonom der Privatuni IESA. "Jetzt ist die Produktion je Mitarbeiter so niedrig wie seit 1948 nicht mehr."

Hinzu kommen zahlreiche Unglücke. Etwa im Sommer 2012, als die Druckwelle einer Explosion die Karibikstadt Punto Fino erschüttert. Der Himmel über der PDVSA-Raffinerie Amuay steht in Flammen, nachdem sich ein Gasleck entzündet hat. 47 Menschen kommen ums Leben. Zwar spricht die Regierung von Sabotage, doch angesichts der schwarzen Serie der PDVSA glaubt ihr kaum jemand.

Mehr als 100 schwere Brände, Explosionen oder Lecks und mindestens 81 Tote haben Beobachter gezählt, seit der Staat 2002 den Konzern unter Kontrolle gebracht hat. Der Industrievereinigung OGP zufolge sind die Unglücksquoten sechsmal höher als bei den Ölfirmen der Nachbarländer. Die Sicherheit werde sträflich vernachlässigt, klagt der Gewerkschaftsführer des Unternehmens, Francisco Luna. "Alles ist verrostet, Teile werden erst ersetzt, wenn sie kaputtbrechen", klagt er. "Die einzige Instandhaltungsmaßnahme ist, alles rot anzustreichen."

Rot ist die Farbe der Linkspopulisten, und auch die der PDVSA, seit 2003 ein Streik Tausender Mitarbeiter gegen Chávez scheiterte und der Präsident die Ölfirma rigoros zu politisieren begann. Zuerst ersetzte Chávez eine Reihe Topmanager durch Günstlinge, angeführt von seinem Energieminister Rafael Ramírez. Dann ging es auch unteren Chargen an den Kragen. Rund 20.000 Ingenieure, Geologen oder Chemiker verloren ihre Jobs. Tausende wanderten aus: nach Kanada, Kolumbien, in die USA. "Geht nach Miami", rief ihnen Chávez später hinterher. Riesige Banner mit seinem Konterfei wurden am PDVSA-Tower in Caracas angebracht. Und der "Comandante" kündigte an, er werde das Erdöl "dem Volk zurückgeben".