Wer heute in ein Auto steigt, begibt sich in eine Höhle. Sie umhüllt ihn mit Sicherheit, versorgt ihn mit klimatisierter Luft, mit Musik und Bildern, sie schützt ihn und zeigt ihm den Weg, sie ist weich, schmeichelt dem Körper und riecht gut. Die moderne Gebärmutter. Das Hineinschlüpfen in dieses surreale Behältnis ist ein tagtäglich millionen-, milliardenfach wiederholter Akt. Und eine Vorübung für das Zeitalter, das heraufzieht.

Allen Digital Natives, also jenen, die mit dem Internet aufgewachsen sind, gerade ihnen sei gesagt: Das radikal Neue habt ihr noch vor euch.

Es deutet sich mit den Bemühungen von Amazon, Facebook und Google um Drohnen und andere Roboter an. Mit der Tatsache, dass die Menschen dazu übergegangen sind, teilautonome Systeme auf den Mars zu schicken, in Lufträume über umkämpften Gebieten, ja sogar – als chirurgische Roboter – in ihre eigenen Leiber. Ganz allmählich entsteht da eine Technosphäre aus Sensoren und Aktoren: Rastersonden, Kameras, Mikrofone, Tastaturen auf der Eingangsseite, Lichter, Lautsprecher, Räder, Panzerketten oder Waffen auf der Ausgangsseite, untereinander vermittelt durch Netzprotokolle und Künstliche Intelligenz. Soeben geht die Meldung durchs Netz, dass eine internetfähige Zahnbürste auf den Markt kommt.

Informatiker, Philosophen und Juristen treffen sich derzeit auf Kongressen, um diesen neuen Innenraum der Menschheit zu entwerfen; sie beraten darüber, wer für autonome Systeme Verantwortung trägt, oder darüber, ob Roboter Gefühle darstellen sollen, ob sie den Menschen mit Höflichkeit, Humor, Vorsicht begegnen sollen und wie man mit ihnen in Zukunft am besten kommuniziert.

An Universitäten wird mit Geräten experimentiert, die es erlauben, Roboter mittels menschlicher Hirnströme zu steuern: Die Maschine zeigt dem Menschen ein Objekt, der reagiert positiv, wenn es das gesuchte ist, Software verarbeitet das Hirnsignal und schließt daraus, dass der Roboter das Objekt ergreifen soll. So sehen Anfänge aus.

Der französische Wissenschaftsphilosoph Thierry Hoquet befasst sich bereits seit Jahren mit dem, was er "Cyborg-Philosophie" nennt: mit dem Nachdenken über kommende Kombinationswesen, in denen Mensch und Technik einander nahe rücken wie noch nie, etwa indem sich Menschen Hirnprothesen einpflanzen, mit künstlichen Muskeln umgeben, ihren Sehsinn ans Internet anschließen.

Das wird keine harmonische Synthese, vermutet Hoquet, es wird schwierig werden und bestimmt nicht perfekt, weder körperlich noch seelisch, noch ästhetisch. Die Datenbrille Google Glass gibt uns eine Ahnung davon. Sie wirkt wie ein Fremdkörper im Gesicht, für den, der sie trägt, wie auch für sein Gegenüber. Aber sie wirft die Frage nach dem Menschen der Zukunft auf.

Noch auf dem Klo wischen wir am Smartphone herum

Button Presser (Tastendrücker) von Walter Crane, 1907 ©Walter Crane

Im Jahr 1907 wurde eine Skizze gedruckt, die aus heutiger Sicht sensationell ist. Sie stammt von dem 1845 in Liverpool geborenen Grafiker Walter Crane, heißt "Der Tastendrücker – Phantasieportrait des zukünftigen Menschen" und zeigt ein Männchen mit übergroßem Kopf, das mit den Zehen eine alphabetische Tastatur bedient. Die Finger münden in diverse Werkzeuge sowie in Ohrhörer, die es einstöpselt: Multitasking. Über die Nasenlöcher saugt das Männlein "Pepsin" und "Elixir" ein. Am Hut trägt es eine Straußenfeder und im Gesicht ein debiles Grinsen.

Tja, das sind wohl wir, die heutigen Multitaskingmännchen. Unbeholfen wie die Cyborgs stolpern wir durch die Straßen und wischen unablässig auf unseren Smartphones herum.

Warum eigentlich? Es gibt da einen beunruhigenden Nutzungszwang, der unabweisbar wie ein Tick werden kann. Schon das Dummtelefon, Urahn des Smartphones, schien ja die Menschen zu beherrschen: "Magisch zieht sie es an das schwarze Ding, wenn die Glocke schreit; sie müssen, es ist stärker als sie", schrieb Kurt Tucholsky 1930. Doch was da herrscht, das ist nicht eine Sache, nicht eine Technik, es ist das Konkurrenzverhältnis. Denn wer sein Leben nicht mittels Technik optimiert, erleidet Produktivitätsnachteile. Also füllen wir Tastendrücker jede Pause mit Aufmerksamkeitsatomen, im Zug, im Wartezimmer, auf dem Klo.

Nicht von Apparaten ist hier die Rede, sondern von Verhältnissen. Das ist der Kern der Sache.