Die wollen was von uns, sagt Lars Klingbeil zufrieden. Der SPD-Netzpolitiker steht in einer Halle der Cebit unter einem leuchtenden Dach aus magentafarbenen Regenschirmen der Telekom. Das Interesse der IT-Firmen an der Politik sei endlich spürbar, sagt Klingbeil. "Die wollen über Datensicherheit reden, über Fachkräfte, auch aus dem Ausland, die wollen Hilfe für ihre Start-ups, die wollen – und wir wollen – eine neue Gründerzeit in Deutschland."

Mit Klingbeil ist fast der gesamte neu installierte Bundestagsausschuss Digitale Agenda auf die Computermesse nach Hannover gereist. Klassenfahrtslaune. Mit grimmiger Freude haben sie festgestellt, dass die IT-Branche nach den Schockwellen des NSA-Skandals der Politik nicht mehr die kalte Schulter zeigt. So politisch sei die Cebit noch nie gewesen, sagt auch Thomas Jarzombek, Klingbeils Kollege von der CDU.

Der Internet-Ausschuss könnte sich aus einer Kuriosität zu einer parlamentarischen Sensation mausern. Nicht weil man sich dort fraktionsübergreifend duzt, während des Tatorts um die Wette twittert und die gleichen Serien sieht. Eher deshalb, weil aus der Mischung von Parlamentariern, die hier zusammenkommen, eine Art Thinktank für Bürger und Regierung entstehen könnte, der die Tiefen der Netzpolitik vom Menschenbild bis zum Geschäftsmodell auslotet.

Der Ausschuss hat 16 Mitglieder, sieben von der Union, fünf von der SPD und jeweils zwei von Linken und Grünen. Klingbeil und Jarzombek, die sich wechselseitig "ein guter Mann" nennen, bilden so etwas wie das Scharnier der Truppe. Der Düsseldorfer Thomas Jarzombek, Jahrgang 1973, ist der einzige echte "Techie" im Ausschuss: Er ist nach dem Abbruch seines BWL-Studiums 1996 Systemadministrator geworden, hat eine IT-Service-Firma gegründet und bis heute durchgehalten. Seit je kennt er die Erfahrung, als Netzpolitiker belächelt zu werden. "In der Baupolitik musste jeder wissen, was eine Traufhöhe ist", meint er grinsend. "Aber wenn man in der Netzpolitik von IP-Adressen reden wollte, hieß es, komm jetzt nicht mit diesem Kleinkram. Das hat sich gewandelt." Jarzombek will allerdings sicherstellen, dass den Ausschuss nicht das Expertenschicksal ereilt: "Wir werden nicht der technische Dienstleister." Er selbst hat sich durch viele Gespräche mit dem heutigen CDU-Generalsekretär Peter Tauber aus dem Techie-Ghetto in die Gesellschaftspolitik vorgearbeitet. Wenn man ihn fragt, woran man eigentlich CDU-Netzpolitik erkennt – zumal in Zeiten, in denen die SPD das Wirtschaftsministerium mit ihrem Parteivorsitzenden besetzt hat –, muss er ein bisschen grübeln. "Klar", meint er, "inzwischen finden auch die Sozen Firmengründungen toll. Aber wenn das dann eine gewisse Größe erreicht hat, dann fremdeln sie doch noch."

Seine saarländische Parteifreundin Nadine Schön, das jüngste Mitglied des Fraktionsvorstands und des Internet-Ausschusses, war früher einmal studentische Hilfskraft des Verfassungsrechtlers Paul Kirchhof. Auch sie raunt etwas vom "Subsidiaritätsprinzip", das die Parteien trenne – für die CDU sei staatliche Hilfe nur der Notfall. In Halle 7 hat sie sich vor einem Bildschirm von Mobile Government aufgebaut. Dem Thema ist die gesamte Halle gewidmet. Hier wird in riesigen Lettern für die vom CSU-Verkehrsminister Dobrindt verkündete "Netzpolitische Allianz" geworben, die Deutschland großflächig mit Breitbandverbindungen ausstatten und das Netz schneller machen soll. Doch nicht nur Oppositionspolitiker zweifeln am Erfolg der Allianz. Die während der Koalitionsverhandlungen zugesagten zwei Millionen Euro haben sich in der Zwischenzeit pulverisiert, der Minister greift nun auf Gewinne aus der Versteigerung von Netzfrequenzen zurück, aber immerhin: Ein Anfang ist gemacht.

Der Sozialdemokrat Klingbeil, Jahrgang 1978, will nun mit dem Vorurteil aufräumen, dass seine Partei Manschetten vor größeren Unternehmen hätte. Auf der Cebit hat er sich einen Nachmittag lang in die Halle 16 zu den Firmengründern gesetzt. Klingbeil hat eher das Gefühl, dass gerade in der Union gelegentlich mit der aus seiner Sicht irrigen Idee eines nationalen Internets geliebäugelt werde. Und dass sich die CDU zum Thema doppelte Staatsbürgerschaft eine Haltung leiste, die nicht mehr in die Zeit passe. Der vom CSU-Minister Alexander Dobrindt propagierte Breitbandausbau sei eine gute Sache, "aber das ist eben nicht alles. Für Sozialdemokraten ist auch wichtig, dass die Gesellschaft fit gemacht wird für das, was auf uns zukommt." Massenhafte Einwanderung von Fachkräften wird dazugehören.

Die politischen Unterschiede dürften dem Digitalausschuss die Arbeit erschweren. "Es wäre ja schön, wenn das hier ein Thinktank würde", meint der Grüne Obmann Konstantin von Notz. "Ich habe aber die Befürchtung, dass viele Dinge gar nicht groß diskutiert werden können." Die drei großen Problemblöcke: Netzneutralität, Datenschutz und Datensicherheit – da gibt es eben auch zwischen den Regierungsfraktionen Reibereien, die sie vielleicht nicht im Ausschuss fortführen wollen. Halina Wawzyniak von der Linken (1973 geboren) wiederum sieht sich als Vertreterin der User, als Digital Native, die im Ausschuss vor allem geltend machen will, dass ein Computer zum Existenzminimum gehört. Auch und gerade ein Hartz-IV-Empfänger sei darauf angewiesen wie auf einen Kühlschrank.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Der Wille zur Zusammenarbeit ist im Ausschuss trotzdem groß, gerade weil man sich bei der Arbeit in der Enquetekommission Internet und Digitale Gesellschaft in der vergangenen Legislaturperiode kennen- und schätzen gelernt hat und weil Netzpolitiker einander oft näherstehen als manchen eigenen Parteifreunden. Deshalb ärgert es den SPD-Mann Klingbeil, dass die Netzcommunity sich unentwegt über den "Internetminister Dobrindt" lustig mache. "Was wollt ihr eigentlich?", hat er da schon mal zurückgefragt. "Seid ihr erst zufrieden, wenn Constanze Kurz vom Chaos Computer Club Ministerin wird?" Es gäbe in der digitalen Elite eine Tendenz, sich abzugrenzen vom Rest der Gesellschaft. "Auch dieses Geschäftsmodell steht jetzt infrage."

Politik und Netzavantgarde begegnen sich mittlerweile öfter. Die CDU betreibt den Verein C-Netz, die SPD den Kreis D64, und wenn von beiden niemand auf der Weihnachtstagung des Chaos Computer Clubs auftaucht, löst das neuerdings Erstaunen aus. "Früher hätte es geheißen, was machen denn die Politniks hier?", meint Klingbeil. "Jetzt fragen die: Wo wart ihr denn?"

Bislang möchte der Ausschussvorsitzende Jens Koeppen nicht, dass die Netzpolitiker öffentlich tagen. Sobald sie das aber tun und wenn dann auf der Balustrade Experten, interessierte Bürger, Journalisten und Nerds sitzen, erwächst der Bundesregierung aus diesem kleinen Kreis von Abgeordneten womöglich eine freche Kontrollinstanz.