Als der Zug aus Bremen in den Kölner Hauptbahnhof einfährt, steht Claudia Kessler im Gang und rückt zentimeterweise an den Mann heran, der direkt vor ihr an der Zugtür steht. Die Bahn hält, Kessler muss zwei tiefe Stufen runterklettern und dann einen großen Schritt hinüber auf das Gleis steigen. Sie sagt: "Wie kann es sein, dass wir Spitzentechnologie für die Raumfahrt konstruieren, aber keine einfache Treppe bauen können?"

Claudia Kessler, 49 Jahre alt, arbeitet in einer Branche, in der es auf Präzision ankommt. Man tüftelt, bis alles reibungslos funktioniert. Unnötig komplizierte Konstruktionen wie diese Treppe passen nicht in ihr Weltbild.

Kessler ist Geschäftsführerin der deutschen Niederlassung des Unternehmens Hernandez Engineering Space, kurz HE Space, einer Zeitarbeitsfirma für Raumfahrt. Gegründet wurde das Unternehmen 1982 von den Nasa-Veteranen Scott Millican und Mike Hernandez in den USA. Ein Jahr später expandierten sie nach Deutschland. Kessler ist seit zehn Jahren dabei.

Ihre 150 Mitarbeiter arbeiten vor allem als Luft- und Raumfahrttechniker und sind in Unternehmen an 13 Standorten in Europa tätig: etwa in München, Luxemburg, in Nordwijk in den Niederlanden und in Paris. Auch ein Astronaut, der Däne Andreas Mogensen, der im September 2015 zur Internationalen Raumstation (ISS) fliegen wird, arbeitete lange Zeit für Kessler.

"Frauen machen im Stillen einen guten Job und hoffen, entdeckt zu werden"

Die ungewöhnliche Zeitarbeitsfirma wird gebraucht, weil Raumfahrt eine Nomadenbranche ist: Ist ein Satellit gebaut oder eine Mission beendet, ziehen die Ingenieure zum nächsten Auftrag.

In Deutschland hat es einen Raumfahrt-Hype wie in den USA und der früheren Sowjetunion nie gegeben. Dort wurde der Kampf ums All zum Symbol für das bessere Gesellschaftssystem. Lange sah es so aus, als würde die Sowjetunion den Kampf gewinnen: Mit dem Sputnik schickte sie den ersten Satelliten ins All, bald darauf flog Hündin Laika in den Weltraum, wenig später der erste Mensch, Juri Gagarin. Doch 1969 wurden die USA vor den Augen einer halben Milliarde mitfiebernder Fernsehzuschauer zum Sieger des Wettlaufs, als das Raumschiff Apollo mit Neil Armstrong an Bord auf dem Mond aufsetzte.

In den USA löst die Raumfahrt in der Bevölkerung bis heute stärkere Emotionen aus als in Deutschland. Hierzulande geht es in der Raumfahrt eher um die Weiterentwicklung von Wetter- oder Navigationssatelliten und um medizinische Experimente.

Weltraumfahrt ist in Deutschland eine Männerbranche. Claudia Kessler will das ändern. Das Problem beschreibt sie so: "Frauen machen im Stillen einen guten Job und hoffen, entdeckt zu werden." Aber so laufe es nicht. Viele Chefs, sagt sie, passten in eine dieser Kategorien, entweder Beschützer ("Ich schicke einen männlichen Kollegen zum Weltraumbahnhof nach Baikonur. Da ist es kalt und hässlich, und Sie müssen dauernd mit Männern Wodka trinken") oder Bewahrer, der im Stillen denkt: "Wenn ich die Kollegin befördere, müsste ich jemanden finden, der den Job genauso gewissenhaft macht."

Unter den Ingenieuren gibt es in der Branche zehn Prozent Frauen. In Führungspositionen haben es nur zwei Prozent geschafft. Kessler ist eine der wenigen, die auch in wichtigen Organisationen oben mitspielen, zum Beispiel als Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt.

Zusammen mit der Esa-Direktorin Simonetta Di Pippo gründete sie 2009 Women in Aerospace Europe (WAE). Einen Verein, mit dem sich Frauen in der Raumfahrt über Kongresse, Unternehmensbesuche und Mentorenprogramme vernetzen, sich von freien Jobs berichten und gegenseitig fördern. Heute hat WAE 300 Mitglieder in 30 Ländern. Kessler ist die Vorstandsvorsitzende. Unter "ihren" Ingenieuren hat sie einen Frauenanteil von 40 Prozent erreicht. Durch ihr großes Netzwerk bewerben sich bei HE Space besonders viele Frauen. "Sie achtet auch auf die Stillen. Es wird nicht derjenige befördert, der sich vordrängelt", berichtet eine Mitarbeiterin.

Seitdem es WAE gibt, hat die International Astronautical Federation, eine der wichtigsten Organisationen der Branche, erstmals zwei Frauen in ihren Aufsichtsrat aufgenommen. "Ich glaube, wir zeigen vielen, dass sich in ihrer Personalpolitik dringend etwas ändern muss", sagt Kessler.