Was nicht alles der Fall ist: Es kann einem etwas auffallen oder auch einfallen, und manchmal überfallen einen sogar gewisse Gefühle. Der Unfall wiederum ist die Initialzündung für Robert Musils Roman Mann ohne Eigenschaften, und der Abfall ist in Form von Plastik für die Weltmeere ein großes Problem. Sicher kann man auch einfach von einem Dach fallen, wie der Künstler Bas Jan Ader es einmal in einem Video gezeigt hat, oder von einem Ast. Am Ende aber fällt man, was "ja bekanntermaßen nicht ganz erklärt und nach wie vor unabwendbar" ist, einfach in den Schlaf. So zumindest heißt es in Dorothee Elmigers Buch Schlafgänger. Nach ihrem klug-versponnenen Debüt Einladung an die Waghalsigen entwirft Elmiger hier, nicht minder waghalsig, ein dichtes, mitunter undurchschaubar verwickeltes Geflecht von Stimmen – fernab aller Figurenpsychologie, unter Verzicht auf eine klare Handlung und voll perspektivischer Brechungen: "Nahe der Reuss in Luzern wird der Festgenommene in eine Nebenstraße gezerrt und liegt dann auf dem Asphalt, während in der Küche das Wasser kocht, dann der Tee aufgebrüht und zur Hälfte getrunken wird."

Den titelgebenden Schlafgängern auf jeden Fall fällt es äußerst schwer, in den Schlaf zu fallen. Schlafgänger nämlich nannte man Neuankömmlinge in den Großstädten des 19. Jahrhunderts, die noch nicht über die Mittel verfügten, sich ein eigenes Bett zu leisten, und sich deswegen stundenweise hier und dort das eines anderen armen Menschen mieteten. An gesunden Schlaf ist unter solchem Zeitdruck freilich nicht zu denken, höchstens an lichte Halbschlafvisionen: "und die Türme versanken im Boden, und die Kontinente reichten ins Meer hinein, meine Augen öffneten und schlossen sich, als atmeten sie mitsamt dem Körper, als sei ich im Begriff, für lange Zeit zu verschwinden".

Ebenfalls im 19. Jahrhundert, genauer: im Jahr 1855 gründete ein gewisser Victor Considerant in Texas, auf dem Gebiet des heutigen Dallas, eine Kolonie namens La Réunion. Hier sollte, inspiriert von den Ideen Charles Fouriers, ein frühes sozialistisches Gesellschaftsmodell verwirklicht werden. Der Versuch scheiterte bald. Knapp hundert Jahre später wiederum wurde in dem niederländischen Ort Winschoten der bereits erwähnte Künstler Bas Jan Ader geboren, ein Pionier der Video- und Konzeptkunst. Er starb 1975, als er auf einem kleinen Segelboot den Atlantik überqueren wollte. So war auch dies am Ende einer der vielen von ihm vollzogenen "Fälle": ein Unfall eben.

Was nun haben Bas Jan Ader, Victor Considerant und die sicher nicht nur historischen Schlafgänger gemeinsam? Wobei noch gar nicht die Rede war von denen, die nächtens Flüsse und Wälder durchqueren, um heimlich Grenzen zu überschreiten, von den Flüchtlingen, die auf dem Weg nach Europa unsichere Boote betreten und nicht selten enden wie Bas Jan Ader: auf dem Grund des Meers.

Von all jenen nämlich ist in Schlafgänger auch die Rede, denn um Grenzüberschreiter geht es in den Sätzen, die Elmiger einem Logistiker, einer Schriftstellerin, einem Journalisten in den Mund legt, Menschen, die ebenfalls zwischen Europa, Afrika und Amerika unterwegs sind, zu Vorträgen zum Thema "Der Akt des Fallens in der Literatur" etwa – allerdings mit gültigem Reisepass.

Hier ist es vor allem der Logistiker, der Probleme mit dem Schlaf hat. Die Schriftstellerin wiederum muss sich den ja immer höchst zweideutigen Vorwurf gefallen lassen, ihre Bücher handelten "von allem und von nichts", eine knifflige Angelegenheit, in der Tat, so hat der Journalist ihr Werk zwar ausführlich studiert, die angekündigte Rezension jedoch nie in Angriff genommen: "Vielmehr bestätigten mich die gesammelten Passagen in meiner Überzeugung, die journalistische Arbeit sei zwar wichtig, stelle aber in diesem Augenblick eine unzureichende Reaktion auf die Verhältnisse dar."

Eine entschieden angemessenere Reaktion auf die Verhältnisse, die frappierende Gleichzeitigkeit der Ereignisse, das Nebeneinander von Bootsflüchtlingen und Vortragsreisenden, von Kunst und Literatur, von Geschichte und Gegenwart, von allem eben, was der Fall ist, ist sicher Schlafgänger von Dorothee Elmiger.