Im Darknet, jener Welt jenseits des World Wide Web, die nicht über Google zu finden ist, kannten ihn seine Kunden als den "Pfandleiher". Das war sein Händlername auf der "Silk Road", dem bekanntesten Onlineschwarzmarkt für Drogen.

Bis nach Mexiko sprach sich herum, dass der Pfandleiher einer der großen Dealer auf der Cyber-Seidenstraße sei. Ein Magazin aus Tijuana nannte ihn den "Capo Nummer 1" unter den Silk-Road-Händlern, mit angeblich Hunderten zufriedenen Kunden in aller Welt. Nur ein Gesicht hatte der Pfandleiher nicht. Wer hinter dem Pseudonym steckte, war lange nicht bekannt – bis zum Sommer des vergangenen Jahres.

4. Juli 2013, ein verschlafener Ort zwischen Donau und Isar, Kreis Deggendorf, Niederbayern. Die Sonne ist kaum aufgegangen, da pirschen sich zwischen Kirche und Kegelbahn Polizisten mit schwarzen Sturmhauben an ein Einfamilienhaus heran. Monatelang hat das LKA einen jungen Mann überwacht, nun folgt der Zugriff: Das Spezialeinsatzkommando zertrümmert die Terrassentür, dringt in das Haus ein und nimmt Sascha F. fest. Die Ermittler sind sich sicher: Er ist der Pfandleiher.

Von diesem Montag an muss sich der 24-Jährige vor dem Landgericht Deggendorf verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, von Ende 2011 bis Mitte 2013 auf der Silk Road als Händler unterwegs gewesen zu sein. Wegen bandenmäßigem Betäubungsmittelhandel drohen ihm fünf Jahre Gefängnis und mehr. Es ist der erste Prozess in Deutschland gegen einen Drogendealer des Onlineschwarzmarkts. Nach Informationen der ZEIT soll Sascha F. kiloweise Kokain, Speed, MDMA und andere Drogen aus den Niederlanden bezogen und anonym über das Darknet verkauft haben. Einen Teil der Ware habe er selbst abgepackt und per Post an die Kunden verschickt, sagt ein Ermittler. Bisweilen habe er auch als eine Art Makler fungiert, der die verschlüsselten Bestellungen entgegennahm, während andere aus dem Cyber-Drogenring die Ware lieferten: vakuumverpackt.

Hochrechnungen des LKA Bayern zufolge könnte Sascha F. mit dem Dealen um die 5,5 Millionen Euro eingenommen haben. Als Vollzeithändler bezeichnete sich der Pfandleiher auf der Silk Road. Die Staatsanwaltschaft hat F. jedoch nicht wegen jeder möglichen Einzellieferung angeklagt, sondern nur in zwölf besonders schwerwiegenden Fällen. Sascha F.s Anwältin bestreitet, dass ihr Mandant durch den Drogenhandel zum Millionär wurde. Aber grundsätzlich sei er geständig und bereit, vor Gericht auszusagen – auch gegen Hintermänner.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Wer heute die Internetadresse der Silk Road eingibt, findet nur noch ein Stoppschild des US-Justizministeriums: "Diese versteckte Seite wurde beschlagnahmt." Die amerikanischen Behörden haben die Plattform am 1. Oktober 2013, drei Monate nach der Festnahme von Sascha F., in der Operation Marco Polo dichtgemacht. An jenem Tag verhaftete das FBI in einer Bibliothek in San Francisco auch Ross U., einen schmächtigen Ingenieurwissenschaftler, 29 Jahre alt. Die US-Ankläger halten ihn für den Mastermind und Betreiber der 2011 gestarteten Handelsplattform. Das würde ihn zum obersten Boss des Pfandleihers und Hunderter weiterer Dealer machen. Im Darknet soll Ross U. den Namen einer Fantasyfilmfigur getragen haben: "Dread Pirate Roberts", der grausame Pirat Roberts. "Ich wollte eine Website schaffen, auf der Menschen anonym einkaufen können, ohne eine einzige Spur zu hinterlassen, die zu ihnen führen könnte", heißt es in einem Tagebuch, das die Ermittler auf U.s Rechner fanden.

Um die Silk Road zu erreichen, mussten Nutzer den Tor-Browser benutzen, eine Art Tarnkappe für das Internet. Ihre Adresse schickten die Käufer per verschlüsselter Nachricht an die Verkäufer. Bezahlt wurde auf der Silk Road mit der Digitalwährung Bitcoin. Damit sind anonyme Transaktionen möglich, spezielle Börsen tauschen die virtuellen Münzen in reales Geld zurück.