Der älteste Vorwurf, den man dem Feminismus macht, ist der, den meine Kollegin Mariam Lau letzte Woche in ihrem Leitartikel anlässlich des Weltfrauentages vorbrachte: Er raubt den Frauen den Mut zu Beziehungen. Im Kern heißt das, der Feminismus zerstört die Liebe. Das klingt gut, weil plausibel, ist aber trotzdem falsch.

Die Liebe bestimmt heute unsere Beziehungen, unseren Alltag. Wir leben in den allermeisten Fällen mit den Menschen zusammen, die wir lieben. Das ist nicht immer einfach, geht auch oft schief, aber niemals hat es eine Epoche gegeben, in der die Gefühle des Einzelnen das Leben so sehr bestimmten wie heute, in präfeministischer Zeit schon gar nicht. Wie soll der Feminismus also zerstört haben, was blüht wie nie?

Auch im Umgang mit Kindern zeigt sich, wie wichtig die Liebe uns heute ist. Vor ein paar Jahrzehnten waren Kinder noch familiäre wie gesellschaftliche Randfiguren, galten vielen als Quälgeister, die am Katzentisch essen mussten. Heute stehen sie im Zentrum, werden von ihren Eltern vergöttert, und, ja, sie werden auch romantisiert. In Deutschland kann es einem aber passieren, dass das Kind einen zum Sozialfall macht: Das Bundesamt für Statistik rechnet jedes Jahr vor, dass man seine eigene Armutsgefährdungsquote erhöht, wenn man ein Kind in die Welt setzt.

Mariam Laus Kritik setzt also am falschen Gegenstand an. Der Feminismus versteht die Beziehungen zwischen Männern und Frauen schon lange nicht mehr als "unterdrückerisches Machtverhältnis", als "Machtgefälle, das mit jedem Sexakt neu bestätigt wird". Der Feminismus von heute mag Sex und Männer und schlägt nicht die Schlachten der 1970er Jahre. Er prangert an, was sich in bald 50 Jahren nicht verändert hat: etwa die ökonomische Benachteiligung der Frauen.

Nicht wenige Frauen werden als Mütter finanziell abhängig von ihrem Partner – in einer Gesellschaft, die nichts so sehr verachtet wie Bedürftigkeit. Das neue Unterhaltsgesetz, das 2008 in Kraft trat, erzieht Mütter zur Selbstständigkeit nach der Scheidung. Leider vergisst die deutsche Gesetzgebung, Mütter vor der Scheidung zur Selbstständigkeit zu erziehen. Stattdessen zahlt der Staat ihnen Betreuungsgeld und raubt ihnen mit dem Ehegattensplitting den Lohn.

Es ist also manchmal sehr vernünftig, sich gegen Kinder zu entscheiden. Und damit wären wir beim zweitältesten Vorwurf an dem Feminismus: Er hält die Frauen vom Kinderkriegen ab.

Meine Kollegin bedauert, dass viele Frauen nicht den Mut hätten, Kinder zu bekommen. Fände sie es schöner, wenn Frauen wieder diese wundersamen Wesen wären, als die wir sie im 19. Jahrhundert kannten? Damals tobten Kriege, der Frühkapitalismus verschliss die Arbeiter in den Fabriken, doch die bürgerlichen Frauen spielten Harfe und bestickten Kopfkissenbezüge. Wer Frauen heute vorwirft, sich nicht todesmutig in die Familiengründung zu stürzen, der wünscht sich Ähnliches von ihnen: dass sie außerhalb der Gesellschaft stehen und die Bewahrerinnen des Guten und Schönen sind.

Was ist eigentlich mit den Männern und ihrem Mut zu Familie und Verbindlichkeit? Diese Frage taucht in Mariam Laus Text gar nicht auf.

Die Statistik erfasst die kinderlosen Männer nicht: Weil ein Mann noch spät im Leben Kinder bekommen kann, gibt es keine statistische Altersgrenze (bei Frauen liegt sie laut Statistischem Bundesamt bei 49 Jahren). Aber eine gründliche Befragung zur Kinderlosigkeit von Männern gibt es vor allem deshalb nicht, weil der kinderlose Mann im Gegensatz zur kinderlosen Frau keine Sozialfigur ist, an der andere sich pausenlos abarbeiten dürfen.

Überhaupt lässt man den Mann ziemlich in Ruhe seine persönlichen Entscheidungen treffen, während eine Frau sich heute offenbar immer noch daran messen lassen muss, ob sie eine gute Ehefrau und Mutter ist. Beharrlich verweigern Männer sich immer noch dem Gespräch über ihre eigene Rolle. Wo ist denn der Mann, der sich neben Alice Schwarzer in die Talkshows setzt und ihr erklärt, was es heißt, ein Mann zu sein, und der ihren Schauermärchen von Freiern und Pädophilen konsequent etwas entgegenhält? Wo ist der Mann, der sich selbst zum Thema macht? Nein, die Männer schweigen vornehm zum Rollenschlamassel, regieren weiter die Welt, führen die Konzerne, machen die Kohle, als wäre nichts gewesen, während Frauen sich gegenseitig vorwerfen, das mit der Ehe und dem Kinderkriegen nicht auf die Reihe zu bekommen.

Was will das Weib? Mit dieser Frage endet der Artikel meiner Kollegin. Es ist ein Zitat: Sigmund Freud stellte diese Frage seiner Patientin und Freundin Marie Bonaparte, denn er selbst kenne auch nach 30-jährigem Studium darauf keine Antwort. Allerdings ist das fast 100 Jahre her. Es war also zu einem Zeitpunkt, als Frauen nur in Ausnahmfällen das Wort ergriffen, weshalb man auf sie blickte, wie man auf den Stamm Eingeborener blickte, deren Sprache man nicht verstand.

Die letzten Jahrzehnte aber hat die Frau sich die Finger wund geschrieben darüber, was sie will und was sie nicht will: kein Frauenthema, zu dem es noch kein Buch gibt. Es wäre also an der Zeit, die Gegenfrage zu stellen: Was will denn der Mann? Will er reden oder machen? Will er Geld oder Glück? Will er Treue oder Abenteuer? Will er Liebe oder Macht? Am 29. Mai ist der sogenannte Herrentag. Ein schöner Anlass, statt Bier zu trinken und den Bollerwagen durch die Gegend zu ziehen, ein paar Antworten zu geben.