Nur auf den ersten Blick sieht Cushing aus wie eine typische Kleinstadt im Herzen der Vereinigten Staaten. Das Nest mit seinen 7.800 Einwohnern liegt im Bundesstaat Oklahoma und besteht im Wesentlichen aus ein paar Straßenzügen, dem rustikalen Steer Inn und der Copper Penny Trading Company, wo neben Schaukelstühlen und Modeschmuck auch gebrauchte Cowboystiefel zu finden sind. Aber Cushing spielt eine entscheidende Rolle in der Weltwirtschaft. "Wir sind die wichtigste Pipeline-Kreuzung der Welt", sagt Brent Thompson, der Präsident der lokalen Handelskammer. So viele Ölleitungen verlaufen kreuz und quer unter den Häusern und Grundstücken, dass Cushings Einwohner praktisch gehalten sind, die Behörden zu befragen, bevor sie ihren Garten umgraben.

Rund um den Ort ragen Hunderte weißer, runder Tanks in die braungraue Prärie. Manche so groß, dass man ein Flugzeug darin verstecken könnte. In den Tanks lagert Erdöl – insgesamt bis zu 80 Millionen Barrel, etwa 13 Milliarden Liter. Damit könnte man ganz Deutschland einen Monat lang versorgen.

Allein in den vergangenen fünf Jahren sind Dutzende neuer Tanks dazugekommen. "Ein richtiger Bauboom", berichtet Thompson. Auslöser ist der Energieboom, den die USA gerade erleben, weil sich mithilfe einer neuen Fördermethode, des sogenannten Frackings, auch Gas- und Ölfelder erschließen lassen, deren Gesteinsschicht bis vor wenigen Jahren als unergiebig galt. Cushing profitiert vor allem vom Bakken in North Dakota, einer 360 Millionen Jahre alten ölhaltigen Schieferformation, 3000 Meter tief unter dem Präriegras, aus der täglich bis zu einer Million Barrel Öl an die Erdoberfläche gepumpt werden.

Dank des Frackings – das sehr effektiv, aber wegen Eingriffen in die Umwelt auch sehr umstritten ist – können die Amerikaner riesige Ressourcen heben. Bis 2020 dürfte es so weit sein, dass die USA mehr Erdöl fördern als Saudi-Arabien. Auch beim Erdgas werden sie den weltgrößten Produzenten Russland wohl bald ablösen, weil die neuen heimischen Quellen so ergiebig sind.

Dabei hatte die US-Regierung noch vor sechs Jahren darüber debattiert, ob Gas importiert werden müsse, um den Bedarf zu decken. Nun gibt es sogar Überlegungen, Öl und Erdgas zu exportieren und das seit dem Ölschock der siebziger Jahre geltende Ausfuhrverbot aufzuheben.

Die Export-Diskussion hat in den jüngsten Tagen weiter Fahrt aufgenommen, denn seit sich der Konflikt des Westens mit Russland um die Ukraine zuspitzt, steigt auch der geopolitische Wert der amerikanischen Bodenschätze. Es geht um die Energieversorgung Europas: Russland deckt einen bedeutenden Teil des europäischen Erdgas- und Ölbedarfs. In Washington befürchten Politiker aller Parteien nun, dass Europa sich wegen dieser Abhängigkeit von Moskau in Bezug auf die Ukraine unter Druck setzen lassen könnte. Vor allem Konservative fordern, Europa eine Alternative zu russischem Öl und Gas zu bieten.

John Boehner etwa, Sprecher des Repräsentantenhauses für die Republikaner, forderte mit Bezug auf Präsident Barack Obama: "Wenn er wirklich unseren Verbündeten helfen will, dann unterschreibt er umgehend die ihm vorliegenden Exportgenehmigungen." Die radikalkonservative Tea Party sieht im Öl gar ein Instrument, den von ihr beklagten Machtschwund Amerikas zu bremsen. Auf Fox News richtete sich Tea-Party-Liebling Sarah Palin direkt an Präsident Obama und forderte ihn auf, seine "Mami-Hosen" auszuziehen. Obama solle dem "mit Bären ringenden, nach Öl bohrenden" Putin nun endlich die Stirn bieten und umgehend bislang umstrittene Pipeline-Projekte genehmigen. Dabei ist die Überlegung, Öl und Gas für geopolitische Zwecke einzusetzen, gar nicht mal neu: Schon 2011 gründete Hillary Clinton, damals Obamas Außenministerin, eine eigene Abteilung für Energie-Diplomatie.

Doch trotz aller lautstarken transatlantischen Solidaritätsbezeugungen und Drohgebärden gegen Russland wird die Öl- und Gasschwemme in den USA den Verbündeten in Europa wohl nur wenig helfen. Das liegt an fehlender Infrastruktur, vor allem beim Erdgas, die erst aufgebaut werden müsste. Vor allem aber haben US-Konzerne kein gesteigertes Interesse daran, die Energiesicherheit Europas zu garantieren. Sie wollen den unverhofften Vorteil im internationalen Wettbewerb viel lieber für sich nutzen – was prächtig funktioniert.