Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © C. Bertelsmann

Falls Sie zufällig Buchautor sind und ein Thema suchen: Das Thema ist egal. Man kann aus jedem Thema ein gutes oder ein schlechtes Buch machen. Dafür gibt es Tausende Beispiele. Schreiben Sie halt einen Roman über einen Mann, der einen Keks in eine Tasse Tee taucht. Oder über jemanden, der sich in einen Käfer verwandelt.

Der Schriftsteller und Kolumnist Maxim Biller hat vor ein paar Wochen in der ZEIT geschrieben, dass die deutschsprachige Gegenwartsliteratur nichts taugt. Sie sei kraftlos, sie behandele die falschen Themen, die Autoren mit Migrationshintergrund würden meistens nur "Onkel-Tom-Literatur" verfassen. Das ist eine Anspielung auf den Roman Onkel Toms Hütte, der einiges zur Abschaffung der Sklaverei in den USA beigetragen hat.

Ich habe zuerst gedacht, der Text von Biller sei ein Beitrag zum Karneval. Was ist der Mann noch mal gleich von Beruf? Schriftsteller? Wer hindert ihn eigentlich daran, der deutschsprachigen Literatur zu dem von ihm vermissten Weltrang zu verhelfen? Wenn ein Tischlermeister sagt, in unserem Land gibt es keine guten Tische mehr, die Beine sind immer schief, würde ich ihn auch dazu ermuntern, einen guten Tisch zu bauen und auf diese Weise den anderen zu zeigen, wie man es macht.

Wo ist denn eigentlich, hätte Marcel Reich-Ranicki vermutlich gefragt, der große Roman von Maxim Biller, das Werk, von dem man sagen könnte, es wird ihn überleben? Irgendwas, das man mit den Büchern von Wolfgang Herrndorf, Daniel Kehlmann, Christian Kracht oder Uwe Tellkamp vergleichen könnte? Da ist nichts. Und dabei geht er schon auf die sechzig zu und schreibt seit Jahrzehnten. Das Werk von Maxim Biller besteht hauptsächlich aus hübschem Kleinkram, der von dem, was er die "Rezensions-Nomenklatura" nennt, meistens extrem freundlich aufgenommen wird. Es ist ja auch hübsch. Ein bisschen kraftlos vielleicht, aber hübsch. Vor etwa 15 Jahren hat Maxim Biller schon mal fast das Gleiche über die deutsche Literatur geschrieben, da nannte er das, was in Deutschland geschrieben wird, "Schlappschwanz-Literatur". Seitdem wartet die Welt vergeblich auf seine Erektion.

Sein größter literarischer Erfolg war, dass der New Yorker mal zwei Kurzgeschichten von ihm gedruckt hat, aber das ist auch schon Jahre her. Schon klar, nicht jeder Fußballer kann ein Maradona sein. Aber wenn der Ersatzstürmer des FC Augsburg aufsteht und Mesut Özil vorwirft, er spiele Onkel-Tom-Fußball, macht der arme Kerl sich lächerlich.

Die deutschen Kritiker, Verleger, Lektoren und Buchhändler, schreibt Biller, seien die "Enkel von Nazisoldaten", eine "raffinierte Machtmaschine", die, offenbar ganz im ererbten Geiste ihrer Großväter, gute Literatur unterdrücke. Ich habe gelernt, dass Intelligenz nicht vererbt wird, dass Geschlecht nicht vererbt wird, eigentlich wird gar nichts vererbt, das ist alles nach der heute gängigen Meinung anerzogen, mit einer einzigen Ausnahme, und die heißt Nazigesinnung. Nazitum ist als einzige Eigenschaft erblich, eine wirklich verrückte Laune der Natur. In 15 Jahren, wenn Maxim Biller seinen Text zum dritten Mal veröffentlicht, wird er es allerdings an den Schaltstellen des Literaturbetriebs schon mit den "Urenkeln der Nazisoldaten" zu tun haben. In spätestens 40 Jahren haben dann die "Ururenkel der Nazisoldaten" ihre Knobelbecher angezogen und lektorieren jedes gute Buch kurz und klein, vor allem die Kinderbücher, mit deren Hilfe die Horrorgeneration der Nazi-Urururenkel großgezogen wird.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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