Martin Heidegger um 1960 © AFP/Getty Images

Er habe die "Katze noch gar nicht aus dem Sack gelassen", soll Martin Heidegger einmal seinen Freunden anvertraut haben, und seitdem durften die Philosophen rätseln. Was meinte er damit? Meinte er seine Denktagebücher, die geheimnisumwitterten schwarzen Wachshefte, die ganz zuletzt veröffentlicht werden sollten, gleichsam als Schlussstein im Gewölbe seiner philosophischen Kathedrale?

Wenn es sich so verhält, dann ist Heideggers Katze jetzt aus dem Sack. Die Schwarzen Hefte, fast 1300 Seiten stark, sind in der Welt, und auch wenn mancher Gedanke darin bekannt war: Die Hefte sind ein philosophischer Wahnsinn und in einigen Abschnitten ein Gedankenverbrechen. Es gibt nun keine Beruhigung mehr. Die treuherzige Geschichte, Heidegger habe sich nur kurz, nur für einen Wimpernschlag der Weltgeschichte, vom Faschismus verführen lassen, ist falsch. Selbst dort, wo er zu Hitler auf Distanz ging, tat er es nicht aus moralischer Empörung; er tat es, weil er sich vom Regime mehr erhofft hatte. "Aus der vollen Einsicht in die frühere Täuschung über das Wesen des Nationalsozialismus ergibt sich erst die Notwendigkeit seiner Bejahung, und zwar aus denkerischen Gründen."

Diesen Satz bringt Heidegger 1939 zu Papier, also zu einem Zeitpunkt, als er der Fabel nach Hitler längst abgeschworen und tapfer geistigen Widerstand geleistet hatte. Tatsächlich sieht Heidegger sich getäuscht, weil der Nationalsozialismus in der "Seinsfrage" versagt habe, genauer: weil er selbst die Ausgeburt jener neuzeitlichen "Machenschaften" war, die er doch überwinden sollte – amerikanisiert, rechnerisch und bodenlos technisch. Die Braunhemden, erkennt er, sind auch nur vom altmodernen Schlag, sie verbreiten Radio und Kino, sie mechanisieren deutsche Bauernhöfe und malen anschließend "Blut und Boden"-Parolen drauf. "Im Wesentlichen" hat Hitler nichts geändert, noch immer laufen die Deutschen dem "Fremden" nach, anstatt mit Hölderlin den "letzten Gott" zu empfangen. Hitler, das weiß er nun, wird die verhasste "Neuzeit" nicht überwinden, er kann sie nur noch "vollenden" und eine neue Lage schaffen. "Warum", so Heidegger nach dem Überfall auf Russland, "sollte nicht die Reinigung und Sicherung der Rasse dazu bestimmt sein, eine große Mischung zur Folge zu haben: die mit dem Slaventum?"

Heidegger schreibt dies 14 Jahre nach der Veröffentlichung von Sein und Zeit, einem Buch, das ihm 1927 über Nacht zu internationalem Ruhm verholfen und ihn auch für viele jüdische Studenten zum philosophischen Gottvater gemacht hatte. Heideggers Beschreibung des "In-der-Welt-Seins" war bahnbrechend und traf den Nerv der Zeit. Emmanuel Levinas zählt Sein und Zeit zu den "vier, fünf schönsten Büchern" der Philosophiegeschichte, denn Heidegger hatte eine blass gewordene Philosophie wieder existenziell dringlich gemacht: Der Mensch ist kein Ding, er ist ein "Selbstverhältnis" und muss seine "Geworfenheit" durch eine authentische Selbstwahl beglaubigen. So beginnt Heidegger mit der "Sorge um sich", er beginnt mit dem Subjekt. Und 1941 berauscht er sich an der Vorstellung, "die Technik" möge die Erde in die Luft sprengen, damit das "jetzige Menschentum" verschwinde, als "Reinigung des Seins von seiner tiefsten Verunstaltung".