Heideggers Schwarze HefteDas vergiftete Erbe

Die "Schwarzen Hefte" aus dem Dritten Reich von Martin Heidegger wurden jetzt veröffentlicht. Sind sie wirklich so antisemitisch und nationalsozialistisch beseelt wie befürchtet? von 

Martin Heidegger um 1960

Martin Heidegger um 1960  |  © AFP/Getty Images

Er habe die "Katze noch gar nicht aus dem Sack gelassen", soll Martin Heidegger einmal seinen Freunden anvertraut haben, und seitdem durften die Philosophen rätseln. Was meinte er damit? Meinte er seine Denktagebücher, die geheimnisumwitterten schwarzen Wachshefte, die ganz zuletzt veröffentlicht werden sollten, gleichsam als Schlussstein im Gewölbe seiner philosophischen Kathedrale?

Wenn es sich so verhält, dann ist Heideggers Katze jetzt aus dem Sack. Die Schwarzen Hefte, fast 1300 Seiten stark, sind in der Welt, und auch wenn mancher Gedanke darin bekannt war: Die Hefte sind ein philosophischer Wahnsinn und in einigen Abschnitten ein Gedankenverbrechen. Es gibt nun keine Beruhigung mehr. Die treuherzige Geschichte, Heidegger habe sich nur kurz, nur für einen Wimpernschlag der Weltgeschichte, vom Faschismus verführen lassen, ist falsch. Selbst dort, wo er zu Hitler auf Distanz ging, tat er es nicht aus moralischer Empörung; er tat es, weil er sich vom Regime mehr erhofft hatte. "Aus der vollen Einsicht in die frühere Täuschung über das Wesen des Nationalsozialismus ergibt sich erst die Notwendigkeit seiner Bejahung, und zwar aus denkerischen Gründen."

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Diesen Satz bringt Heidegger 1939 zu Papier, also zu einem Zeitpunkt, als er der Fabel nach Hitler längst abgeschworen und tapfer geistigen Widerstand geleistet hatte. Tatsächlich sieht Heidegger sich getäuscht, weil der Nationalsozialismus in der "Seinsfrage" versagt habe, genauer: weil er selbst die Ausgeburt jener neuzeitlichen "Machenschaften" war, die er doch überwinden sollte – amerikanisiert, rechnerisch und bodenlos technisch. Die Braunhemden, erkennt er, sind auch nur vom altmodernen Schlag, sie verbreiten Radio und Kino, sie mechanisieren deutsche Bauernhöfe und malen anschließend "Blut und Boden"-Parolen drauf. "Im Wesentlichen" hat Hitler nichts geändert, noch immer laufen die Deutschen dem "Fremden" nach, anstatt mit Hölderlin den "letzten Gott" zu empfangen. Hitler, das weiß er nun, wird die verhasste "Neuzeit" nicht überwinden, er kann sie nur noch "vollenden" und eine neue Lage schaffen. "Warum", so Heidegger nach dem Überfall auf Russland, "sollte nicht die Reinigung und Sicherung der Rasse dazu bestimmt sein, eine große Mischung zur Folge zu haben: die mit dem Slaventum?"

"Schwarze Hefte"

Heute erscheinen im Frankfurter Verlag Klostermann zwei weitere Bände der von Martin Heidegger selbst so genannten Schwarzen Hefte. Der Philosoph hatte seine Denktagebücher streng geheim gehalten und nicht einmal engen Freunden zu Gesicht gebracht. Sie sollten, so hatte er testamentarisch verfügt, erst am Schluss der Werkausgabe veröffentlicht werden.

Sympathie für Hitler

Schon im Vorfeld kursierten allerdings in Frankreich Zitate aus den Schwarzen Heften und lösten allgemeines Erschrecken aus (ZEIT Nr. 1/14). In den vorab bekannt gewordenen Überlegungen äußerte Heidegger sich offen judenfeindlich; der Herausgeber der Bände, der in Wuppertal lehrende Philosoph Peter Trawny, sprach gar von einem "seinsgeschichtlichen Antisemitismus", der spätestens mit Beginn des Zweiten Weltkriegs manifest werde. Bislang war die Forschung mehrheitlich der Auffassung, Heidegger habe nur kurz mit Hitler sympathisiert.

Einflussreich

War einer der einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts dem Nationalsozialismus also doch länger verfallen, als dies seine Verteidiger immer behauptet hatten? Die nun veröffentlichten Schwarzen Hefte beginnen im Jahr 1931 und enden 1941. Sie umfassen in der Gesamtausgabe (GA) bislang drei Bände: GA 94 (536 Seiten, 58,– €), GA 95 (456 Seiten, 48,– €) und GA 96 (286 Seiten, 37,– €).

Heidegger schreibt dies 14 Jahre nach der Veröffentlichung von Sein und Zeit, einem Buch, das ihm 1927 über Nacht zu internationalem Ruhm verholfen und ihn auch für viele jüdische Studenten zum philosophischen Gottvater gemacht hatte. Heideggers Beschreibung des "In-der-Welt-Seins" war bahnbrechend und traf den Nerv der Zeit. Emmanuel Levinas zählt Sein und Zeit zu den "vier, fünf schönsten Büchern" der Philosophiegeschichte, denn Heidegger hatte eine blass gewordene Philosophie wieder existenziell dringlich gemacht: Der Mensch ist kein Ding, er ist ein "Selbstverhältnis" und muss seine "Geworfenheit" durch eine authentische Selbstwahl beglaubigen. So beginnt Heidegger mit der "Sorge um sich", er beginnt mit dem Subjekt. Und 1941 berauscht er sich an der Vorstellung, "die Technik" möge die Erde in die Luft sprengen, damit das "jetzige Menschentum" verschwinde, als "Reinigung des Seins von seiner tiefsten Verunstaltung".

Was ist geschehen, wie kommt es zu dieser apokalyptischen Radikalisierung? Auch wenn Heideggers Denkweg oft beschrieben wurde, so sind die Schwarzen Hefte doch ein Protokoll aus erster Hand, sie ratifizieren sein Denken ungefiltert und mit schockierender Klarheit. Die Hefte beginnen im Oktober 1931 und zeigen den Philosophen in der Krise; der Ton ist ratlos, sein brachiales Selbstbewusstsein erschüttert. "Was sollen wir tun?" lautet der erste Satz, und Heidegger kämpft einen "einsamen" Kampf: gegen Kollegen wie Karl Jaspers, der Sein und Zeit als Gebrauchsanweisung zur privaten Selbsterhellung missdeute. Und er kämpft gegen sich selbst. Wütend nennt er Sein und Zeit eine "Schreiberei", die nicht ursprünglich genug gedacht sei. "Der grauenhafte 'Erfolg' ist ja nur, daß noch mehr und noch bodenloser über das 'Sein' geschwatzt wird."

Das "hysterische Existenzgetue" ödet ihn an, es passt nicht mehr in die neue "Weltbedrängnis". Was sich in seinen Vorlesungen schon andeutet, bekommt nun eine scharfe Kontur: Heidegger hat in Sein und Zeit das Subjekt überschätzt; der Glaube, der Mensch könne sich durch eine authentische Wahl zum "Eigentlichen" befreien, ist ein Irrglaube. Denn was ist jetzt, Anfang der dreißiger Jahre, noch der Mensch? Der Mensch "hat sich weggeschlichen aus dem Wesen", er sei nur "eine kleine, an den Strand geschwemmte Muschel". Die "letzten Menschen rasen durch Europa", und deshalb müsse das "Getue um den Menschen" verschwinden. Heidegger ist nun wieder der philosophische Riese auf den Schultern geistiger Zwerge – unter ihm Heerscharen von Seinsvergessenen und Massenmenschen, Aufschneidern und Schreihälsen. Sechs Millionen Menschen haben keine Arbeit, aber Heidegger sieht überall die geistige "Not der Notlosigkeit".

An dieser Stelle muss man kurz innehalten und einen Freiburger Studenten erwähnen, der 1968 rebellischen Studenten die Stichworte liefern wird: Herbert Marcuse war fasziniert von Heidegger, denn er glaubte, dieser liefere ihm das analytische Besteck für das Verständnis des kapitalistischen Menschen. Aber jetzt ist er entsetzt und bereitet seine Flucht in die Schweiz vor. Marcuse sieht, dass sein Lehrer einen irrwitzigen Fehler begeht: Heidegger, schreibt er 1934 in der Zeitschrift für Sozialforschung, streicht das Subjekt durch und übergibt es dem totalitären Staat. "Der Kampf gegen die Vernunft treibt ihn den herrschenden Gewalten blind in die Arme."

Deutschland ist dafür ausersehen, das "Geschick des Abendlandes" zu wenden

Genau so war es. Wo Heidegger in Sein und Zeit vom Einzelnen spricht, da sprechen die Schwarzen Hefte von "Volk" und "Staat", und wo früher von "Entscheidung" die Rede war, da wartet nun das "Geschick" des "Seins". Denn wenn die Menschen unfähig sind, ihr "Da-Sein" aus innerer Kraft zu erschließen, dann muss das "Sein" den Menschen von außen "in sein Wesen stoßen". 1931 will Heidegger den "Menschen hindurchjagen durch die ganze Fremdheit des Wesens von Sein", doch dazu bedarf es einer nationalen Revolution, die in der "Verkommenheit des abfließenden Zeitalters" das "Geschick des Abendlandes" wendet und den "Wiederanfang" wagt. "Wenn das anbrechende deutsche Dasein groß ist, dann trägt es Jahrtausende vor sich her ..."

Deutschland steht an der Zeitmauer, aber zu Heideggers großem Verdruss will das Volk nichts davon wissen. Den Deutschen fehlt der "Mut zum Schicksal", sie flüchten sich ins Katholische oder in "Kulturerlebnisse". "Wir stehen vor dem Nichts – allerdings, aber so, daß wir mit dem Nichts und diesem Stehen nicht Ernst machen." Deshalb muss jemand kommen, der Ernst macht und die Deutschen von ihrer Entfremdung entfremdet. Endlich, 1933, ist der Retter da.

Bei Adolf Hitler gerät Heidegger ins Schwärmen, offenbar hat ihn das Sein selbst vorbeigeschickt. Es sei eine "Beglückung", dass "der Führer eine neue Wirklichkeit erweckt hat, die unserem Denken die rechte Bahn und Stoßkraft gibt". Ein "herrlicher erwachender volklicher Wille steht hinein in ein großes Weltdunkel", und ein "großes Glauben geht durchs junge Land". Die "Welt geht wieder der Wahrheit" entgegen und bindet Deutschland zurück an die "ursprünglichen Mächte".

Für die Nazis ist Heidegger eine Trophäe – der berühmteste deutsche Philosoph bekennt sich zum "Führer" und verschafft dem Regime intellektuelle Reputation. So wird Heidegger 1933 Rektor der Universität Freiburg, aber er fühlt sich "zur Übernahme gedrängt" und ahnt, dass er höchstens "das ein oder andere" verhüten könne. Das Rektorat scheitert nach kurzer Zeit, Heidegger glaubt sich isoliert, um ihn herum nur "Lärmer, Macher, Streber, Gaukler, Deutler", all die Mäßigen und Mittelmäßigen, die "vertraulich tun mit der kleinen und faden Erregtheit der Menge und ihrem dünnen Vergnügen; die im Trüben treiben und das Törichte begaffen".

Heidegger ist abgestoßen von den Vulgärnationalsozialisten, und deshalb versteht er sein Denken als "Metapolitik", die weiter denke, als die NS-Hohlköpfe dies je vermöchten. An der seinsgeschichtlichen "Notwendigkeit des Nationalsozialismus" duldet er keinen Zweifel, aber er fürchtet, dass der nationalrevolutionäre Aufbruch zum Erliegen komme. "Der Nationalsozialismus ist ein barbarisches Prinzip. Das ist sein Wesentliches und seine mögliche Größe. Die Gefahr ist nicht er selbst – sondern dass er verharmlost wird in eine Predigt des Wahren, Guten und Schönen." Bald beschwert er sich über Wagners "Unterleibsmusik" und einen "Amerikanismus der Biederkeit"; ein "Zeitalter, in dem der Boxer als der große Mann gilt", habe für tiefere Fragen keinen Sinn. Und 1938, die Konzentrationslager waren längst mit Sozialdemokraten und Kommunisten gefüllt, notiert er: "Es fallen keine Entscheidungen mehr, die sich der Wahrheit des Seins aussetzen." Das "Seyn", das "stille Herdfeuer im verlassenen Hause des 'Seienden'", zieht sich zurück. "Das Dunkelste ist das Feuer und die Glut."

In solchen Sätzen kündigt sich ein Einstellungswechsel an, den Heidegger dann unter dem Eindruck der Kriegsereignisse vollziehen wird. Er bekommt Zweifel, ob der Nationalsozialismus die verachtete "Neuzeit" überwindet – oder doch nur "vollendet". Heidegger wittert einen "Verbleib beim jetzigen Menschentum", ein Ausweichen vor der Wahrheitsfrage, denn "niemand will sich mehr opfern". Der "Nationalsozialismus ist keine fertige Wahrheit, er muss noch ein Geheimnis haben und etwas zu verschweigen". Wenn "aber das Gegenwärtige schon das Erreichte und Gewollte wäre, dann bleibt nur ein Grauen vor dem Verfall übrig". Die "Bewegung" müsse im Kampf bleiben. Doch "wo steht der Feind und wie wird er geschaffen?"

Seite für Seite rechnet Heidegger nun ab mit den vergnügungssüchtigen, "vermenschten Menschen", die sich mit ihrem toten christlichen Gott in der "Not der Notlosigkeit" verhausen. Niemand, der anfängt mit dem "Wiederanfang"; stattdessen hat sich unter Hitler die Seinsvergessenheit "verfestigt". Die Nationalsozialisten stecken mit ihren Stiefeln fest in den Endmoränen der Neuzeit – im Zeitalter des Rechenhaften mit seinem Nationalismus, Biologismus und primitiven Rassismus.

Und dann, mit Beginn des Zweiten Weltkriegs, gibt es keinen Zweifel mehr: Der Nationalsozialismus ist für Heidegger nicht der Überwinder, er ist bloß eine Variante jener "Neuzeit", die er doch ursprünglich bekämpfen sollte. Damit treibt Deutschland in ein Untergangsschauspiel, in dem die Metaphysik der Moderne unter wechselnden Masken mit sich selbst im Kampf liegt – jener "bodenlose" Geist der "machinalen Oekonomie", den die "schlechthin ungebundenen" Juden mit ihrer "zähen Geschicklichkeit des Rechnens und Schiebens und Durcheinandermischens" mit zu verantworten haben. Nach Hitlers Überfall auf Europa steht für Heidegger fest: Die Juden sind eine feindliche Macht und haben sich überall eine "Unterkunft im 'Geist'" erobert. Doch zum "ursprünglichen" Denken sind sie unfähig. "Je anfänglicher die künftigen Entscheidungen und Fragen werden, um so unzugänglicher bleiben sie dieser 'Rasse'."

Einige dieser antisemitischen Ausfälle sind Ende vergangenen Jahres bekannt geworden und riefen prompt die Allianz der apologetischen Aufpasser auf den Plan. Die judenfeindlichen Zitate, so der Vorwurf, seien aus dem Zusammenhang gerissen, im Übrigen sei Heideggers Antisemitismus weltbekannt und beschränke sich auf die unter katholischen Gotteskindern übliche Judenfeindschaft. Doch dieser hermeneutische Trick, Heideggers Antisemitismus erst festzustellen, um ihn dann luftdicht verpackt von seiner Philosophie abzuspalten, verfängt nicht mehr. Die Judenfeindschaft in den Schwarzen Heften ist kein Beiwerk; sie bildet das Fundament der philosophischen Diagnose.

Heidegger trauert um das abwesende "Sein", aber nicht um die Menschen

Mit diabolischem Scharfsinn versucht Heidegger nämlich nachzuweisen, dass alle Kriegsparteien demselben Denken entspringen – ebenjener "Rechenhaftigkeit" der jüdisch infizierten abendländischen "Metaphysik", die sich auf dem europäischen Schlachtfeld in einer "Despotie des Niemand" selbst zugrunde richtet. Anders gesagt: Für Heidegger gleichen sich die Kriegsgegner aufs Haar. Die "imperialistisch-kriegerische" Denkweise (Hitler) und die "menschheitlich-pazifistische Denkweise" (des Westens) sind "nur die zueinandergehörigen und je als Vorwand vorgebrachten 'Gesinnungen'", also "Ausläufer" desselben wurzellosen Denkens, das er den Juden zur Last legt. "Daher kann sich auch beider das 'internationale Judentum' bedienen" – also jene "Rechenhaften", die für Heidegger die "Entrassung der Völker" betreiben und deren leere Rationalität offensichtlich noch den Faschismus durchdringt. Das Weltjudentum führt Krieg, aber sterben müssen die anderen. "Das Weltjudentum, aufgestachelt durch die aus Deutschland hinausgelassenen Emigranten, ist überall unfaßbar und braucht sich bei aller Machtentfaltung nirgends an kriegerischen Handlungen zu beteiligen, wogegen uns nur bleibt, das beste Blut der Besten des eigenen Volkes zu opfern." Angesichts dieser Sätze fragt sich Peter Trawny, der Herausgeber der Schwarzen Hefte, in seinem Buch Heidegger und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung (Klostermann), ob der Philosoph behaupte, die Nazis seien "von den Juden verführte Deutsche". Vermutlich ja.

Es ist wie so oft in Heideggers Werk. Mit lyrischer Trauer belauscht der Waldgänger das letzte Weh des dahinschwindenden "Seyns", aber für das Leiden der Menschenwesen findet er keine Worte. "Moral" ekelt ihn an, denn Moral ist nur der Glitzerlack über der "händlerischen Rechenhaftigkeit der englisch-amerikanischen Welt". Es ist quälend zu sehen, wie Heidegger dabei einen großartigen Gedanken ruiniert, seine schon in Sein und Zeit formulierte Kritik am neuzeitlichen Subjekt, das durch sein Rechnen und Vorstellen die Welt immer schon zurichtet und nur duldet, was ihm gleicht. Heidegger, der Allesdurchschauer, ist in den Schwarzen Heften selbst dieses arme, sich im Spiegel seiner Vorstellungen verlaufende Subjekt – was er zum rettenden "Seyn" fetischisiert, das ist seine eigene Projektion und genau darauf berechnet, stets das Gegenteil dessen zu sein, was als humanes Versprechen in der Welt ist: Demokratie, Recht und Freiheit.

Kein Wort verlor Heidegger nach dem Weltkrieg über die Ermordung der europäischen Juden, vielleicht aus Unvermögen, vielleicht aus Scham. Oder einfach deshalb, weil er sich treu geblieben war. Trawny berichtet, Heidegger sei immer noch der Überzeugung gewesen, das "Weltjudentum" habe Deutschland im Zweiten Weltkrieg in die Knie zwingen wollen, und tatsächlich obsiegt für ihn 1945 abermals der Geist der Moderne, der "Wille zur Macht innerhalb der planetarisch gesehenen Geschichte. In dieser Wirklichkeit steht heute Alles, mag es Kommunismus heißen oder Faschismus oder Weltdemokratie." All diese Schamlosigkeiten haben nicht verhindert, dass Heidegger wieder zu Ehren kam, und in Lutz Hachmeisters Buch Heideggers Testament (Propyläen Verlag) ist jetzt nachzulesen, wie dreist und bauernschlau er sich dabei in Szene setzte. Selbst Rudolf Augstein ging beim berühmten Spiegel-Interview, das 1966 geführt wurde, seiner Vertuschungsstrategie "auf den Leim". Man fand sich sympathisch, denn auch Augstein konnte die "Schwarzen" unter Adenauer nicht ausstehen – jene Christkatholischen, die für den konfessionellen Neuheiden Heidegger schon immer die Pest waren.

Und nun? Trawny sieht Heideggers "gesamte Erbschaft" bedroht, aber sein Werk besteht ja nicht nur aus Schwarzen Heften. Allerdings: Die geräuschlose Wiedereingliederung Heideggers in die konservativen Kontinuitäten der deutschen Geistesgeschichte hat einen Rückschlag erlitten, nun helfen auch die stilecht aufgerüschten Fleißarbeiten nationaler Selbstversöhner nicht mehr, die Heidegger als spirituelle Deckungsreserve für kapitalistische Sinnkrisen ins Schaufenster stellen. Das Unfassbare bleibt, und es wird eher größer. Wie konnte es geschehen, dass sich ein deutscher Philosoph – nach Lessing und Kant, nach Heine und Hegel – bei vollem Bewusstsein in die globale Vernichtung hineinfantasierte und die Auslöschung der vom undeutschen Geist verdorbenen Welt zum Letztbeweis für die "Größe des Seyns" veredelte? Aber so war es. 1941, nachdem Deutschland die Welt in Brand gesteckt hat, bringt Martin Heidegger, der "größte Denker des Jahrhunderts", der "Held des geheimen Deutschland", der "Hölderlin im Turm der Philosophie", der "geniale Fortsetzer des Griechentums", diesen Satz zu Papier: "Alles muss durch die völlige Verwüstung hindurch. Nur so ist das zweitausendjährige Gefüge der Metaphysik zu erschüttern."

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Leserkommentare
  1. Von "Dokumenten der Niedertracht" spricht Kaube in der FAZ, Trawny äußert sich in "Kulturzeit extra"(19.3) desillusioniert, allein Safranski versucht in der gleichen Sendung, das Ausmaß des Desasters etwas abzuschwächen, vielleicht auch, weil er diese Hefte in seiner Heidegger - Biographie nicht berücksichtigen konnte, und diese Biographie doch jetzt stark an Wert verloren hat.
    Man wird Heidegger neu lesen müssen, die Franzosen werden es tun und es wird dort erbitterte Diskussionen geben, da ein Großteil der neueren französischen Philosophie von Heidegger inspiriert ist. (Was für ein Desaster!) Und auch hierzulande wird man vieles überdenken müssen.
    Vor allem wird man zur Philosophie zurückkehren müssen, die Heidegger ja überwunden zu haben glaubte. Weg vom Fan-Sein, von der Heiligen-Verehrung hin zu kritischem Denken.

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  2. H. war ein Kritiker der machtbesessenen Moderne, die allein dem naturwissenschaftlichen, "rechnenden" Denken Wahrheit zugesteht. Mensch u. Umwelt würden als bloße Verfügungsmasse zur Machtsteigerung angesehen - dies würde in grausamen Kriegen enden. Er sah anfangs in totaler Verkennung in den Nazis eine Revolte gegen diese Weltanschauung. H. kritisierte auch Teile der jüdischen Elite als führende Vertreter des rein naturwissenschaftlichen "rechnenden Denkens" u. hatte hier offensichtlich privat Vorurteile. Die Ermordung der zumeist tiefgläubigen Juden geschah aber nicht deswegen, sondern aufgrund des virulenten christlichen Antisemitismus u. der "rechnenden" Nazi-Rassebiologie. Beides lehnte H. aber als primitiv ab - anders als zig millionen Deutsche.

    3 Leserempfehlungen
  3. 3. [...]

    Entfernt. Bitte äußern Sie sich differenziert zum konkreten Artikelinhalt. Danke, die Redaktion/sw

  4. Herrje, das ist ja entsetzlich. Wie kann so ein kluger Mann auf solche menschenverachtenden, hanebüchenen, jeder Vernunft spottenden Ansichten kommen? Welcher Teufel hat ihn geritten?
    Hat er sich tatsächlich, wie es im Lichte dieser neuen Quelle erscheint, so sehr in sein Gedankengebäude verrannt, dass er jegliche Menschlichkeit, die Bildung, den Humanismus, all das, was in der europäischen Philosophiegeschichte jahrhundertelang galt, aufgeben will für dummes Schwadronieren über das "aggressive Weltjudentum" und die Apokalypse, die "Europa reinigen soll"?
    Mein Gott, ich bin wirklich fassungslos. Dieser Mann, wenn sich durch detaillierte Exegese der Hefte das wirklich bestätigt, dieser Mann hätte dann seinen Platz in der Ruhmeshalle der Philosophie endgültig verwirkt.

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  5. vielen Dank für den klaren und lehrreichen Artikel!

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  6. besteht sein grundlegender Irrtum nicht vor allem darin, das "rechnende Denken" dem Judentum zuzuschreiben? Ich will überhaupt nicht bezweifeln, dass das hochgradig ekelhaft ist, aber die historische Schwachsinnigkeit dieser Zuschreibung entwertet doch nicht zwangsläufig auch die Kritik am Rechnenden Denken? Hab ich da was nicht verstanden oder liegt der Skandal am Ende vielmehr darin, dass man diese Zuweisung annimmt, wenn man nun sagt, man müsse ihn nun völlig neu lesen?

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    Sie haben m.E. den Fehler erkannt! H. sieht nicht alle Juden als dem "rechnenden Denken" (= reine Naturwissenschaft) verfallen. Naturwissenschaft ist nicht jüdisch, das wusste H. Schon gar nicht die Millionen armen tiefgläubigen Juden im Osten huldigten einem atheistischen Wissenschaftskult. H. bezieht sich auf die Geisteseltite der Juden, die das moderne rechnende Denken prominent vertrat. Er kritisierte z.B. auch das "rechnende Denken" der Deutschen.

  7. Die Programme von idealistischen Denkern sind immer anfällig dafür ins Unmenschliche zu fallen, wenn man sie vom Philosophischen ins Politische überträgt. Während die philosophischen Denker zuvor es anderen überlassen haben, sich dieses Vorgangs schuldig zu machen, lädt Heidegger nun selber die Schuld auf sich.

    Diesen Zusammenhang, diese Gefahr, die von idealistischen Theorien ausgeht, erahnt Karl Popper, wenn er über "The Open Society and Its Enemies" schreibt. Dabei ist jedoch festzuhalten, dass es nicht die Ideen der Denker sind, die totalitär sind, sondern der Versuch, sie ins Reale umzusetzen, der sie totalitär macht. Man sollte dem Rechnung tragen, wenn beispielsweise Karl Marx sagt: "Alles, was ich weiß, ist, dass ich kein 'Marxist' bin." Und es wäre bestimmt nicht im Sinne Kants gewesen, wenn sich Adolf Eichmann im Prozess um die Kriegsverbrechen im 2. Weltkrieg auf ihn beruft. Es ist ebenfalls stark zu bezweifeln, ob der blinde Gehorsam in der klassischen chinesischen Staatsideologie von Konfuzius gewollt gewesen wäre.

    Woran ist aber Heidegger gescheitert? Heideggers Ziel scheint mir am besten mit den Worten des "ältesten Systemprogramms des deutschen Idealismus" (ä.S.d.I.) beschrieben:

    "Zu gleicher Zeit hören wir so oft, der große Haufen müsse eine sinnliche Religion haben. Nicht nur der große Haufen, auch der Philosoph bedarf ihrer. Monotheismus der Vernunft und des Herzens, Polytheismus der Einbildungskraft und der Kunst, dies ist's, was wir bedürfen!
    [...]

  8. [...] Ehe wir die Ideen ästhetisch, d. h. mythologisch machen, haben sie für das Volk kein Interesse; und umgekehrt, ehe die Mythologie vernünftig ist, muß sich der Philosoph ihrer schämen."

    Es war der Versuch Heideggers eine "sinnliche Religion" zu stiften, die an Stelle des an Kraft verlierenden Katholizismus treten sollte. Großzügig lässt sich die "Ästhetisierung" der Ideen an Hand seiner Sprachschöpfung (Da-sein, In-der-Welt-sein) und der Richtung, aus der er kommt, nämlich der Phänomenologie, ableiten. Auch für seine Zuneigung zu Hölderin lässt sich im ä.S.d.I. etwas finden:

    "Die Poesie bekommt dadurch eine höhere Würde, sie wird am Ende wieder, was sie am Anfang war – Lehrerin der Menschheit; denn es gibt keine Philosophie, keine Geschichte mehr, die Dichtkunst allein wird alle übrigen Wissenschaften und Künste überleben."

    Hier wird Heideggers Intention der "Destruktion" deutlich, die zur Inspiration für den französischen Dekonstruktivismus wurde. Es war Heideggers sprachphilosophische Absicht, sich der mit Jahrhunderten von geisteswissenschaftlichen Konstruktionen belasteten Begriffe zu entledigen bzw. diese zu destrukturieren, um so zu Begriffen zu kommen, die das ursprüngliche Sein im phänomenologischen Sinne aufzeigen sollten.

    In diesem Zusammenhang ist vll. auch jene Stelle in Assheuers Artikel, dem für die tolle Analyse an dieser Stelle gedankt sei, zu verstehen: »Wütend nennt er Sein und Zeit eine "Schreiberei", die nicht ursprünglich genug gedacht sei.«

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