Ob ihre Musik am Ende noch Jazz zu nennen ist, kümmert die drei Musiker von Rusconi herzlich wenig. Manchmal klingen sie so wuchtig wie eine Rockband, dann so ätherisch wie durchreisende Singer-Songwriter mit leichtem Gepäck. Das Trio aus Klavier, Bass und Schlagzeug mag eine klassische Formation des Jazz sein, aber das neue, sechste Album von Rusconi schlägt zu Beginn ganz andere Töne an.

Claudio Strüby, eigentlich Schlagzeuger, singt ein Lied und spielt Gitarre dazu. Fabian Gisler setzt warm und voll mit seinem Kontrabass ein. Stefan Rusconi, sonst Pianist, greift zur Diddley Bow, jenem archaischen Instrument aus Holzbrett, Stahlsaite, Flasche und Tonabnehmer, wie Jack White von den White Stripes es sich in dem Gitarristenfilm It Might Get Loud vor laufender Kamera zusammennagelte.

"Mancher Hörer wird denken, er habe vielleicht die falsche CD eingelegt", sagt Fabian Gisler – eine Vorstellung, die ihn amüsiert.


Die Platte ist an der Oberfläche so ernst und anspruchsvoll, wie es sich fürs Genre gehört; Jazz ist ja doch etwas für Fortgeschrittene. Unterschwellig ist sie ganz schön verspielt. Etwa das Stück Change. Ein Blick ins Kleingedruckte der Besetzungsliste zeigt, dass die drei Musiker mal eben alle Instrumente getauscht haben. Der Pianist spielt Gitarre, der Schlagzeuger Klavier, der Bassist Schlagzeug. Ihre je eigene, in Jahren des Jazz-Studiums erworbene Virtuosität steht ihnen da nicht zur Verfügung. "Das Gitarrensolo unseres Pianisten", sagt der Bassist, "wird man so nie von einem Gitarristen hören."

Der Schlagzeuger Claudio Strüby, der seit wenig mehr als einem Jahr Gitarre spielt, schwärmt von "dieser kindlichen Naivität".

"Entdecken, spielen, Freude an der Sache haben, großzügig zueinander sein", so sagt es der Pianist Stefan Rusconi.

Unbefangen experimentieren sie mit Stimmung, Atmosphäre, Klang

Kinderbilder schmücken das Album History Sugar Dream. "Wir kennen uns sehr gut", sagt Claudio Strüby, "und fanden es interessant, Bilder von uns aus einer Zeit zu sehen, in der wir uns noch nicht kannten." Sich zu öffnen, das fällt den Mittdreißigern nach zehn Jahren des Zusammenspiels leichter als zu Beginn. "Totales Vertrauen" empfindet Strüby. "Ich könnte alles machen und hätte die Unterstützung der Jungs."

Das gegenseitige Halten und Aushalten ist ihnen die Voraussetzung, auf der Bühne und im Studio neue Seiten aneinander entdecken zu können. Wer lehnt sich denn bei einer Jam-Session oder in einer zusammengewürfelten Band aus dem Fenster? Unter Fremden geht es oft nur um das Abrufen des verlässlichen Könnens. Niemand will sich blamieren, und beeindrucken will man schon auch. Rusconi scheinen sich von Sicherheitsdenken und Imponiergehabe mehr und mehr befreit zu haben. Unbefangen experimentieren sie mit Stimmung, Atmosphäre, Klang, ohne den Hörgenuss zu schmälern. Free Jazz spielen sie definitiv nicht; ihre Freiheit hat immer Struktur, wenn auch selten die erwartete.

Die Selbstfindung der Band wird eindrucksvoll dokumentiert durch ihre Diskografie. Die ersten Alben, Stop & Go zum Beispiel aus dem Jahr 2006 oder One Up Down Left Right, 2008, lösen das Versprechen des Klaviertrios noch ein: akustische Besetzung, hübsche Melodien, gekonnt verarbeitet, ganz schön – nur eben ...

Kleiner Exkurs: Welche Klaviertrios haben sich denn in den letzten 25 Jahren in die Ohren gespielt? Das Esbjörn Svensson Trio, Jazz im Gestus des Pop; das Tingvall Trio, nordisch grundierte Schwingung der Seele; das Vijay Iyer Trio, raffinierte rhythmische Verschränkung; das Feel Trio von Cecil Taylor, Berserkern ohne Geländer. Und dann die Trios von Brad Mehldau, Michael Wollny, Pablo Held. Alle loten das Piano-Bass-Trommel-Delta auf eine je besondere Weise aus. Die frühen Rusconi wirken da vergleichsweise brav, als wüssten sie noch nicht genau, wohin.

Der Wandel kommt 2010 mit It’s A Sonic Life. Stefan Rusconi hat sich immer für Sonic Youth begeistert, jene New Yorker Geräuschrocker, die seit den Achtzigern nach einer Ästhetik jenseits der Klischees suchten. Er gewinnt seine Freunde dafür, ein paar Coverversionen einzuspielen. Dabei entfernen sich Rusconi so sehr vom Jazz wie Sonic Youth von Punk und Rock.

Unterdessen geschah Eigentümliches mit dem Namen der Band. Als Stefan Rusconi Trio waren sie gestartet, so wie Piano-Trios traditionell nach dem Pianisten heißen. Erst verlor sich das Stefan, und man firmierte als Rusconi Trio. Dann verschwand auch das Trio, und seither steht auf den Platten und Plakaten nur noch Rusconi. Der Pianist erzählt mit einem bübischen Lächeln von der Überlegung, den Namen seiner Frau anzunehmen. Dann hieße keiner mehr Rusconi bei Rusconi. Wäre das nicht sehr komisch?

Über die Jahre ist der Bandleader mit seinen Begleitern zu einem Kollektiv verschmolzen. Heute teilen sie die Rechte, "egal, wer schreibt, alles durch drei". Rusconi ist der Kern von Rusconi – weder Stefan noch Fabian, noch Claudio.

Bei Konzerten geben sie Einblick in den Alltag hörender Musiker

Auf ihrer Homepage stellen sie sich vor als "three guys from Switzerland", die für ihr Leben gern Musik machen und hören. Das klingt niedlich, niedlicher als die Schweiz selber mit ihren antieuropäischen Untertönen. Stefan Rusconi, von seiner Heimatstadt Zürich vergangenes Jahr mit einem üppigen Stipendium ausgezeichnet, spürt, anders als viele Schweizer, "eine Liebe" zu Deutschland. "Hier haben früh Leute an uns geglaubt, und es ist ein krass großes Land."

Rusconi spielten in Bielefeld wie in Rostock, in Lübeck wie in Kiel, in Bochum, Heidelberg und Regensburg. Gerade waren sie in Bremen: "Da kommt hinterher eine siebzigjährige Frau zu mir, hält meine Hand und sagt: ›So viel Energie heute Abend.‹ " Dieses deutsche Publikum – oder sagen wir mit Blick auf den Gelben Engel lieber: ein im Internet abgestimmt habender Teil des deutschen Publikums – verlieh ihnen den Echo-Preis für den "Live-Act des Jahres 2013".

Stefan Rusconi pendelt seit einiger Zeit zwischen Zürich und der Musikerhauptstadt Berlin, wo er in Kreuzberg wohnt, nahe dem Friedhof an der Bergmannstraße, auf dem er täglich seine halbstündige Luftschnapp-Runde dreht und manchmal auch Trompete übt, ganz hinten in der Ecke, wo es die Ruhe der Lebenden nicht stört. "In Berlin fühle ich mich freier", sagt er. "Ich werde nicht so schnell beurteilt. In der Schweiz läuft alles über Status und Geld."

Claudio Strüby, der in Zürich lebt, verbringt viel Zeit in Prag. Auch von dort kommen Impulse. "Würde ich keine andere Musik mehr hören, müsste ich aufhören zu spielen", sagt er.

Musik aus Musik – Strüby war es, der beim Überjazz Festival in Hamburg vor anderthalb Jahren mitten im Set vor 400 Zuschauern zum Plattenspieler ging, der vorn auf der Bühne stand, und zur Abwechslung eine Schallplatte auflegte.

Wer ein Smartphone mit Musikerkennungs-App dabeihatte, konnte das Stück als Vater identifizieren, eine Totenklage von Soap and Skin aus Österreich. Der Saal lauschte ergriffen. Es war wie damals, zu Jugendzeiten. Man lümmelt mit den Freunden daheim um die Anlage, und dann spielt einer was vor: Kennt ihr das?

Sie machen das gern bei Konzerten, Einblick in den Alltag hörender Musiker geben. Verrückt sind die resultierenden Live-Mitschnitte später im Radio. Wenn plötzlich, zwischen zwei Rusconi-Stücken, Neil Young oder Louis Armstrong ertönt: Stimmt da was mit dem Sender nicht?

Vormittags um elf legten sie los. Es gab Pausen, Essen, Wein, Zeit

Fabian Gisler lebt mit Frau und drei kleinen Kindern im "Musikerwohnhaus" in Basel. Die von der Stiftung Habitat umgebaute frühere Fabrik verfügt über neun Wohnungen, schallgedämmte Zimmer, Übungsräume und Tonstudio. Zehn Tage lang waren Stefan Rusconi und Claudio Strüby als Gäste im Haus, um das neue Album aufzunehmen. Vormittags um elf legten sie los. Es gab Pausen, Essen, Wein, Zeit bis in den Morgen. "In der Nacht", sagt Stefan Rusconi, "ist man eher an etwas Neuem dran."

"Diese Arbeitsweise als Band ist nicht jazztypisch", sagt Fabian Gisler. "Der typische Jazzmusiker ist sehr auf sich bezogen."

Einmal hatten sie Lust auf ein Blasinstrument. Sie fragten Marcus Weiss, auch aus dem Haus. Und so kommt es, dass ein Professor für Baritonsaxofon, der sich sonst der Neuen Musik widmet, mit einem feinen Solo über völlig freie Akkordfolgen in dem Stück Sojus Dream zu hören ist.

Ähnlich lief es beim vorigen Album, Revolution, als der englische Art-Rock-Gitarrist Fred Frith, der an der Basler Hochschule für Musik Improvisation lehrt, als Gast im Hause wohnte. Rusconi kannten ihn nicht, nur seine Musik. Sie klingelten bei ihm. Es war der Beginn einer Freundschaft, die sie jetzt Ende März zu zwei gemeinsamen Auftritten beim NDR in Hamburg führt.

Wer dafür keine Karten mehr bekommt, kann über ihre Website die CD bestellen oder das von ihnen heiß geliebte Vinyl. Das Album lässt sich zudem digital herunterladen. Der Download kostet nur das, was man geben möchte. So gehen Rusconi auch geschäftlich ihren eigenen Weg.