Freitag, 26. Juni 1863 – Von London nach Paris

Beim Erwachen um vier Uhr morgens war im Hause Geraschel zu hören, um vier Uhr dreißig frühstückten die Reisenden, und um sechs fuhren gut 130 Touristen, die unter Mr. Cooks Führung und mit seinen Tickets nach Genf reisen wollen, vom Bahnhof London Bridge ab nach Newhaven, und um neun waren alle bei ihren Bemühungen zu beobachten, es sich auf dem Dampfer nach Dieppe bequem zu machen. Mr. Tom (nach einer Weile nur noch "der Professor" genannt), der nun, wo wir ein gutes Stück auf See waren, die Damen in seiner Gewalt zu haben glaubte, ergriff eine frühe Gelegenheit, alle Betroffenen davon in Kenntnis zu setzen, dass er fortan, um die Strapazen der Reise zu lindern, alle Konventionen an den Küsten Englands zurücklassen und, da er den Club als Mitglieder einer "Gesellschaft von Freunden" ansehe, bis zu seiner Rückkehr auch deren Anredeformen übernehmen werde. (...)

Nichts auf unserer gesamten Reise bot einen uns fremderen Anblick als die bunten Grüppchen in wunderlichen Kostümen, die auf dem Pier unsere Ankunft erwarteten. Da waren Künstler in ihren weiten blauen Blusen, Soldaten in den verschiedensten Uniformen, einige davon ungemein lachhaft in ihren üppigen Bloomer-Kostümen, die bis zur Mitte der Waden reichten, gefolgt von zehn Zentimeter braunem Leder und danach einer ausladenden weißen Gamasche, die wie ein Terrinendeckel auf dem Stiefel saß, das alles keck gekrönt von einem Tschako. Welche Schüler des heiligen Crispinus oder welche Kommandobehörde könnte einen lächerlicheren Aufzug erdenken!

Man kann sich vorstellen, wie froh wir waren, das Element zu wechseln, auch wenn weder Mr. Tom noch wir den routinierten Klaps und die Handbewegung verstanden, mit denen der Douanier ihn höflich aufforderte, das Zollhaus aufzusuchen und den wissbegierigen Beamten den Inhalt einer sehr nachlässig verpackten Schachtel zu eröffnen. Wie groß war ihr Erstaunen, als sie darin Käsekuchen fanden, echte Yorkshire-Käsekuchen, Miss Saras chefs d’œuvre, in die den Finger zu tauchen die paternalistische Regierung insistierte und die sie mit einem Zoll von 50 Cent belegte, mehr aus Enttäuschung sagten wir, dass sie nicht zum Mitessen eingeladen waren, als aufgrund irgendwelcher bestehender Zollrechte.

Montag, 29. Juni 1863 – Von Genf nach Chamonix

Oh! Was kann es Schöneres geben als jenen erfrischenden Springbrunnen unweit der Brücke, und diese Brücke, von der aus wir unseren ersten Blick auf die schneebedeckten Alpengipfel taten, auf die Hügelketten vor den ansteigenden Bergen und auf den Fluss, der sich zwischen Bäumen und kleinen Inseln durch dieses muntere Tal windet! Wir gingen zurück durch die heißen Straßen, um unter Lindenbäumen auf dem Marktplatz Schatten zu suchen. Um das Einkommen der alten Obstfrauen aufzubessern, kaufte Mr. Tom Kirschen, wobei der Kirschhandel von nun an, so könnte man sagen, "an Fahrt aufnahm", wurden doch Nachfrage, Angebot und Verbrauch von Kanton zu Kanton größer. Unter den Lindenalleen holten wir uns an den schwarzen Herzkirschen fleckige Finger. Zwei brave Bürger Bonnevilles promenierten eine Weile vor uns her und unterhielten sich ebenfalls leise. Offenbar lag ein Bann auf dieser Stadt, ein gewaltiges Schweigen war verordnet, ein Edikt der Stille vom Präfekten erlassen worden.

Dienstag, 30. Juni 1863 – Montenvers

Falls der Leser, wie wir, unter dem Eindruck stehen sollte, dass die Alpen karg und kahl seien, wird er feststellen, dass das ein Irrtum ist. Denn dort steigt bis auf eine Höhe von 2000 Metern in einem lichten Tannenwald Stockwerk auf Stockwerk von Grün an, und die Hänge sind von dichten rosafarbenen Alpenrosen überwachsen. Wir bedienen uns von dieser Fülle, stecken uns Zweige an den Hut und sammeln Sträuße von beiden Seiten des Pfades, der hier und dort wie von einer Borte aus verschiedenartigen Blumen gesäumt wird.

Aber wir waren nicht die einzigen Touristen auf dem Montenvers. Ein deutscher Herr von komfortablen Ausmaßen und seine ebenso ausgestattete Frau zogen auf Maultieren an uns vorüber. Als sie abstiegen, half unser P.B.S. ("Passionierter Briefeschreiber") mit seiner angeborenen Höflichkeit und Galanterie der Frau Meyer die Steigung hinauf und bewältigte dabei die eher schwierige Aufgabe, ohne Zuhilfenahme eines Wörterbuchs auf Deutsch Konversation zu machen. Die Tochter begleitete die beiden zu Fuß, doch da sie mit den Maultieren nicht mithalten konnte, fiel sie zurück, um Bekanntschaft zu schließen und uns in unserer Muttersprache anzusprechen, mit nur leichtem ausländischem Akzent. Ihr intelligentes, offenes Wesen, ihre Freimütigkeit und ihre süße Schüchternheit nahmen uns für sie ein, während sich eine freundliche Unterhaltung zwischen uns entsponn. Wie sie staunte über das Vertrauen unserer Eltern, die einer so jungen Sippe eine Reise so fern der Heimat erlaubten, ohne Begleiter oder Gouvernanten – eine Freiheit, die den Konventionen des deutschen Lebens zuwiderlief. Mathilde selbst war ein Einzelkind, das stets in Sichtweite der Eltern zu bleiben hatte.