Die Schriftstellerin Katja Petrowskaja

"ICH schreibe keine Literatur!" Etwas Verblüffenderes kann sie kaum sagen. Sie hat im letzten Jahr den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt gewonnen, der Suhrkamp Verlag bringt jetzt ihr Buch heraus, und wenn man es aufschlägt, besticht es sofort durch seine bildhafte Sprache, seine unerwarteten Verknüpfungen – doch sie meint ihren Satz ernst. Das Verhältnis von Katja Petrowskaja zur Literatur hat viele Seiten, und wenn man anfängt, sich in eine davon zu vertiefen, kommt man unversehens bei einer anderen wieder heraus. Erfunden ist in Vielleicht Esther nichts. "Das einzig Fiktive ist die Sprache", stellt sie fest, und darin liegt das Geheimnis.

Wir sitzen in einem Café in Berlin-Mitte, wo alles, was mit Kunst zu tun hat, nervöser wirkt als anderswo. Sie spricht nachdenklich und leise, aber durchaus nicht langsam. Man merkt, dass sie sich lange mit dem beschäftigt hat, worum es geht, mit ihrer Herkunft und ihrer Biografie. Doch gerade deswegen gibt es bei ihr auch oft Stromschnellen der Rede: Sie beschreibt eine Situation nicht nur, sie wendet sie mit vielen Bewegungen hin und her, und dann wird sie emotional. Sie kann im selben Moment lachen und äußerst dezidiert sein, wirkt mit ihren feinen Gesichtszügen konzentriert, angespannt wie eine Feder und überwach.

Dass diese Autorin ihr Buch auf Deutsch geschrieben hat, erinnert an ein Stück tief versunkener Literaturgeschichte. Von den Habsburgern bis zu den Schergen von Hitler und Stalin gab es ein osteuropäisches Idiom, in dem sich Deutsches, Slawisches und Jüdisches mischten. Doch das ist nur noch eine ferne Erinnerung. Katja Petrowskaja wohnt in Berlin und wurde 1970 in Kiew geboren. Ihre Muttersprache ist Russisch. Ende der achtziger Jahre, als Gorbatschows Perestroika unübersehbar wurde, war sie in dem Alter, in dem alles nach Aufbruch drängt. "Wir gingen los!", sagt sie, und das entwickelt eine Doppelbedeutung, für die man erst in einem Zustand zwischen den Sprachen so richtig hellhörig wird. Ihre Generation trat nicht mehr auf der Stelle, sie lebte in etwas Neues hinein – aber dieses "Losgehen" hatte auch etwas von einer Explosion. "Plötzlich geht der Druck weg – und du bist irgendwo."

In Kiew ist diese Erfahrung gerade heute wieder aktuell. Katja Petrowskaja verfolgt die Entwicklung mit großer Anspannung. Erst vor Kurzem war sie für eine Woche dort, und in dem Viertel, in dem sie aufgewachsen ist und wo ihre Eltern noch wohnen, standen Barrikaden. "Ich komme aus Byzanz", erklärt Katja Petrowskaja. Mit der habsburgischen Tradition der Westukraine hat sie nichts zu tun, sie ist ein Teil der anderen großen europäischen Kulturgeschichte, ein Teil Ostroms. Doch auch sie stammt aus einer jüdischen Familie; "sowjetisch, russisch, jüdisch" nennt sie als ihre Einflüsse. Von 1987 bis 1992, in der Zeit des großen Umbruchs, studierte sie im entlegenen estnischen Tartu, wo Professoren wie Juri Lotman "einen nichtideologischen Raum entwickelten". Als sie 1993 in Moskau weiterstudieren wollte, galt sie plötzlich als Ukrainerin und war Bürgerin eines anderen Staates.

In Vielleicht Esther spielen all diese Zeiten und Schichtungen eine Rolle. Die Autorin vergewissert sich ihrer eigenen Familiengeschichte und stellt fest, dass sich heute die Zerrissenheiten und Hoffnungen der verschiedenen Vergangenheiten wiederholen. Sie schreibt in ihrem Buch viel von Gewalt – damit, dass diese Gewalt sie jetzt in ihrer Heimatstadt hinterrücks wieder einholen würde, konnte sie nicht rechnen.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Katja Petrowskaja sieht sich als Angehörige "der letzten sowjetischen Generation", doch sie wurzelt gleichzeitig in einem Kulturbürgertum, das so nur im Permafrost der Ostblockstaaten überwintern konnte. Zehn Jahre lang hat sie im Chor gesungen und eine Zeit lang Ballett getanzt. "Wir sind die letzten Europäer!", stellt sie fest, und das bekommt angesichts der Kämpfe auf dem Maidan eine besondere Note. Ihre Eltern seien immer "klar" geblieben. Von ungefähr einem Dutzend Büchern, die ihr Vater als Literaturwissenschaftler schrieb, sind nur wenige veröffentlicht worden. Er konnte im Verband der Theaterschaffenden unterkriechen, damit er nicht als Arbeitsloser der Miliz ausgesetzt war. Und die Mutter, eine Historikerin, sagte nach der Besetzung Prags 1968: "Neue Geschichte unterrichte ich nicht mehr!"

In den sechziger Jahren kam ein Klavier ins Haus, es war als Kriegsbeute nach Kiew gelangt, mit goldenen Buchstaben: "Kaiserlicher Hoflieferant C. Hoffmann". Die Prägung durch ihre Familie ist in jeder Zeile von Vielleicht Esther zu spüren. 1998 wurde Katja Petrowskaja in Moskau promoviert, und als sich dort die Situation zuspitzte und das System Putin Konturen annahm, sagte sie zu ihrem deutschen Mann, den sie zwei Jahre zuvor kennengelernt hatte und der durchaus bleiben wollte: "Wir müssen raus hier!" Deutsch begann sie mit 26 zu lernen. Und sie lebt in Berlin nun als eine Autorin, die an eine verloren geglaubte, spezifisch östlich gefärbte Vielschichtigkeit des Deutschen wieder anknüpft.