Es wird nichts bringen, dass sie laut trillern, pfeifen, Trommeln schlagen und Trompeten blasen. Dass sie mit Schildern winken, auf denen zu lesen ist: "Pflege am Limit". In Bremen waren es im Herbst fast 2.000, die gegen Überforderung und Unterbezahlung, Stress und "Pflege im Schweinsgalopp" demonstrierten. Zwei Monate später legte sich im nordrhein-westfälischen Schiefbahn das Pflegepersonal des Hubertusstifts auf die Straßen. Motto: "Die Pflege liegt am Boden". Ähnliches sah man in den vergangenen Wochen in zahlreichen Städten, für den 12. April ist gar eine bundesweite Überraschungsdemo ("Flashmob") verabredet. Der Pflegenotstand ist ausgerufen, wieder einmal. Und welche Folgen diese Appelle haben, weiß man schon: keine.

Der gute alte Pflegenotstand. Er müsste dieser Tage Geburtstag haben. Vor etwa 50 Jahren wurde er geboren. Damals kam es in deutschen Krankenhäusern erstmals zu massiven Personalproblemen. Es war die Zeit, als man versuchte, den Mangel mit der Anwerbung koreanischer und philippinischer "Gastarbeiterinnen" zu kompensieren. Die Kritik am Pflegenotstand ist ebenso alt. Worüber die Demonstranten heute klagen, Stress, Erschöpfung, Frust, Hetze und mangelnde Wertschätzung, das war schon damals Thema. Und 25 Jahre später berichtete der stern über Protestaktionen, diesmal ging es um die Beschäftigung von "Ostblock-Schwestern". Sogar von Streik wurde gesprochen.

Allerdings nur gesprochen. Denn deutsches Pflegepersonal streikt nicht. Das Idealbild der deutschen Krankenschwester leitet sich von der christlichen Ordensschwester her, und die rackert aus Nächstenliebe und für Gotteslohn. Streiken? Alle mögen streiken, Piloten, Lokführer, selbst Beamte und auch die Ärzte – die deutsche Schwester und ihre seltenere männliche Inkarnation, der Pfleger, bleiben am Krankenbett. Schlimmstenfalls gehen sie zur Demo, sofern für Vertretung gesorgt ist. Doch womit könnten sie drohen, um endlich etwas zu bewegen, wenn sie doch niemals ihre Arbeit niederlegen würden? Nun, eine Waffe hat das Pflegepersonal. Sie wird oft eingesetzt, zumeist zwar unbewusst, aber doch mit erheblichen Auswirkungen: die Flucht. In die eigene Krankheit. In einen anderen Beruf. Oder in ein anderes Land. "Caredrain" heißt diese gefürchtete Unterform des Braindrain, bei der das medizinische Personal sein Herkunftsland verlässt. Betroffen davon sind besonders Staaten, in denen sich nur schlechte Berufsperspektiven bieten. Inzwischen sieht es so aus, als sei auch Deutschland ein veritabler Kandidat.

Zu viele Patienten für einen Pfleger

Gründe für die Flucht des Pflegepersonals gibt es genug. Etwa die dauernde Überlastung. Beim Personalschlüssel in der Krankenpflege liegt Deutschland zusammen mit Spanien europaweit an letzter Stelle: Im Mittel muss sich eine Krankenschwester oder ein Pfleger um zehn Kranke kümmern. In Norwegen hingegen teilen sich vier Patienten eine Pflegekraft. Das geht aus der 2011 abgeschlossenen internationalen Pflegestudie RN4Cast (Registered Nurse Forecasting) hervor. Dazu kommt, dass hierzulande die meisten Pflegekräfte in der Woche 40 Stunden und länger arbeiten – mehr als in vielen anderen Ländern. Trotzdem sind Überstunden weder freiwillig noch die Ausnahme, sondern notgeborene Normalität.

Diese Mehrbelastung hat Folgen: Sind in Deutschland abhängig Beschäftigte im Schnitt 12 Tage im Jahr krank, kommen beim Pflegepersonal 19 Tage zusammen. Altenpflegerinnen, so steht es im Gesundheitsreport 2012 der Techniker Krankenkasse, fallen sogar für mehr als 25 Tage im Jahr aus. Auch Pflegehelfer sind doppelt so häufig krank wie der Durchschnitt. Der Begriff "Kranke Schwester" auf T-Shirts und Karnevalskostümen ist für viele Pflegekräfte längst kein Spaß mehr.

Seit Jahren zeigen einschlägige Studien, dass psychische und psychosomatische Erkrankungen beim Pflegepersonal dramatisch zunehmen. Und das akzeptieren die Betroffenen auch noch für sehr wenig Entgelt: Der – in West und Ost unterschiedliche – Mindestlohn liegt in der Branche bei neun beziehungsweise acht Euro brutto (am Bau beträgt er 11,05 beziehungsweise 10,25 Euro). Netto bringt eine Schwester oder ein Pfleger nicht selten gerade mal 1.000 Euro nach Hause.

Dabei besteht zwischen Bezahlung und beruflicher Zufriedenheit kein linearer Zusammenhang. Das war ein weiteres Ergebnis von RN4Cast: 34 Prozent des deutschen Pflegepersonals sind zufrieden mit ihrem Gehalt. Die Schweiz liegt mit 66 Prozent allerdings deutlich höher. Doch in vielen anderen Ländern, selbst Norwegen und Schweden, wird mehr übers Geld genörgelt als hierzulande. Mal weg von der Statistik, wie sieht es konkret aus?

Geringes Gehalt und unruhiger Schlaf

Fragen wir Schwester Monika. Die Bremerin Monika Riemann (Name geändert), weist erst mal darauf hin, dass ihre Berufsbezeichnung schon seit 2004 Gesundheits- und Krankenpfleger/-in lautet, kurz GKP, aber das hat niemand mitbekommen. Sie persönlich findet "Schwester Monika" unprofessionell. Im Klinikalltag führe das oft zu einer "Pseudovertrautheit" – sie werde mit "Schwesterchen" angeredet oder nur mit dem Vornamen. Man ahnt, auf welchem Niveau in der Pflege der Kampf um Wertschätzung beginnt.

Monika Riemann umschreibt ihre Lage so: Nach insgesamt sechs Jahren Ausbildung und 20 Jahren Berufserfahrung und verschiedenen Spezialisierungen, zuletzt in Wundmanagement, erhält sie als Basisgehalt 1.700 Euro. Dank verschiedener Zulagen, etwa für Wochenend- oder Schichtarbeit, kommt sie auf 2.000 Euro. Nicht eben üppig für ein Leben in der Stadt. Und mehr wird es nicht mehr. "In der höchsten Gehaltsstufe ist man ruck, zuck!" Die Kosten für jahrelange Wechselschicht: Schlafstörungen. Das Restchen an Privatleben ist kaum planbar, "wir sind allzeit bereit".