Das alles wusste Monika Riemann, bevor sie den Beruf ergriff. Sie kalkulierte die Nachteile ein, denn sie wollte ja gern helfen, sorgen, pflegen. Ein wichtiger Grund, in die Krankenpflege zu gehen, ist immer noch Empathie. Umso mehr zermürbt es Schwestern und Pfleger, wenn sie im Pflegealltag mehr Zeit für Dokumentation und Schreibkram brauchen, als sie Alten und Patienten widmen können. Oder wenn sie feststellen müssen, dass die ganze schöne Ausbildung am Ende dazu führt, dass sie sich mit Blumengießen, Tischdeckenwechseln und lauter Dingen herumschlagen müssen, für die sie keine Qualifikation brauchten.

Die Bremer Krankenschwester leidet denn auch weniger unter persönlicher Geldknappheit – viel eher unter den gedeckelten Etats der Krankenhäuser. Zusätzliches qualifiziertes Personal, das den Arbeitsalltag entspannen würde, wird nicht eingestellt. Kaum irgendwo in der Berufswelt bleiben vakante Stellen so lange unbesetzt wie in der Pflege: Die Bundesagentur für Arbeit gibt für 2011 im Schnitt 106 Tage an. Es mangelt schlicht an Aspiranten. Überall in Deutschland werden schon Kopfgeldprämien ausgelobt. In Bremen bekommt ein Mitarbeiter 2.000 Euro, wenn er irgendwo anders einen Kollegen abwirbt. Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen reagieren auf den Mangel, indem sie immer mehr Teilzeitstellen ausschreiben (zwischen 1999 und 2009 plus 60 Prozent – heute sind mehr als 50 Prozent aller Pflegekräfte teilzeitbeschäftigt).

Die Attraktivität des Berufs würde eine bessere Bezahlung alleine noch nicht steigern. Wie zufrieden man mit seiner Arbeit ist, das bestimmen oft weiche Faktoren wie: Gibt es genügend kundige Kollegen, die einspringen können, wenn man mal krank ist? Ist das Umfeld sympathisch und motivierend? Werden eigene Leistungen anerkannt? Die Fachhochschule Hannover hat herausgefunden, dass nur 35 Prozent des deutschen Pflegepersonals das Gefühl haben, ihre Arbeit werde anerkannt (Schweiz: 61 Prozent). Das kann auf Dauer nicht gut gehen.

Patienten leiden unter der Empathielosigkeit der Pfleger

Unterschiedliche Fluchtwege führen aus dem Pflegeberuf heraus. Doch am dramatischsten ist wohl die "innere Kündigung", der Rückzug in den Dienst nach Vorschrift. Schnell verlieren die Pflegekräfte dann ihr Mitgefühl, ihre Empathie. Das kann fatale Folgen haben, wie heimliche oder offene Aggressionen gegenüber Patienten und Bewohnern, die sie dann auch vernachlässigen oder festschnallen, "fixieren", wie der beschönigende Fachausdruck dafür lautet. Manche pumpen die Patienten auch mit Beruhigungsmitteln voll oder legen eine Magensonde, wenn ihnen das normale Essen zu lange dauert. Von "struktureller Gewalt" spricht der Bonner Gerontopsychologe Rolf Hirsch vom Verein Handeln statt Misshandeln.

Krankheit und Burn-out heißen weitere "Auswege", denen Krankenkassen wie die AOK mit Stressmanagement-Kursen und Anti-Burn-out-Seminaren begegnen wollen. Ein knappes Drittel der deutschen Pflegekräfte gilt als Burn-out-gefährdet, so die RN4Cast-Studie. Nur in England sieht es noch finsterer aus (42 Prozent). In den Niederlanden ist hingegen nur jeder Zehnte gefährdet.

Der direkte Ausstieg aus dem Job heißt Kündigung. In der Altenpflege kommt dieser Entschluss besonders oft vor. Innerhalb der ersten fünf Berufsjahre ist jeder vierte junge Altenpfleger schon wieder weg. Im Durchschnitt halten es, so sagt die Bundesagentur für Arbeit, Krankenpfleger und Krankenschwestern nur siebeneinhalb Jahre im Beruf aus. Jeder fünfte in der Pflege Beschäftigte, so hat eine Bielefelder Studie festgestellt, denkt mehrmals im Monat an Kündigung. Es gibt kaum ein Feld, in dem die Fluktuation so hoch ist wie in der Pflege.

Und schließlich der offensivste Ausstieg, die Auswanderung. In eins der notorischen "Pflegeparadiese". So jedenfalls werden manche Länder bezeichnet, in denen doch eigentlich nur das Selbstverständliche die Norm ist. Die Schweiz, die Niederlande, die nordischen Länder – alles verklärte Wunschländer für die, die in der deutschen Pflege geschunden und verschlissen werden. Reich wird man dort auch nicht, aber zumindest wird anständig bezahlt. Der Dienst ist vergleichsweise ruhig, es gibt Zeit für die Pflegebedürftigen. Und man ist wer. Weder Putze noch "Schwesterchen". Wie erlebt man den Wechsel?

Respekt für Pflegekräfte gibt es nur jenseits der Grenzen

Schwester Luzia ist ausgewandert. Luzia Christians, vormals Krankenschwester in Hamburg, ist heute verpleegkundige im niederländischen Winschoten. Der geschlechtsneutrale Begriff ersetzte in den sechziger Jahren die verpleegster und den verpleger. Mit diesem sprachlichen Eingriff verabschiedete man sich in den Niederlanden damals schon von dem alten Rollenklischee des mütterlichen, aufopferungsvollen und dem Doktor dienenden Pflegewesens. Der verpleegkundige folgt keiner Berufung, sondern einem professionellen Interesse an seinem Fachgebiet. Dass der Volksmund immer noch zuster und broer ("Schwester" und "Bruder") sagt, ändert nichts am frischen Geist des niederländischen Pflegesystems.

Die Emigration fiel Luzia Christians nicht schwer; sie stammt aus der Region. Eigentlich hatte sie nicht von den Niederlanden geträumt. Doch als sie sich in Leer und Papenburg bewarb, erhielt sie nur schleppend und dann entmutigend Antwort: keine Nachtzuschläge, keine volle Stelle, nur befristete Verträge ... Sie versuchte es auf der anderen Seite der Grenze, in Winschoten – und hatte zwei Tage später das erste Vorstellungsgespräch. Nun ist sie acht Jahre dort und will nicht mehr weg.

Warum? "Nicht aus Geldgründen", betont Luzia Christians. Man verdiene hier zwar mehr, aber nicht bedeutend mehr. Eher begeistert sie, wie schnell man hier integriert ist. Wie freundlich die Atmosphäre ist. Wie wichtig einen die Ärzte nehmen. Und wie schnell man sich weiter professionalisiert.

So ist in den Niederlanden ständige Fort- und Weiterbildung Pflicht, selbst für über 50-Jährige noch. Das liegt nicht, wie in Deutschland, im eigenen Ermessen. Staatliche Stellen wachen darüber. Kein Wunder, dass eine verplegkundige gegenüber dem medizinischen Personal selbstbewusster auftreten kann. So übernehmen zusters und broeders in Winschoten Tätigkeiten, die in Deutschland Ärzten vorbehalten sind: Herzschrittmacher prüfen, Magensonden und Zugänge zur Schlagader legen, Bluttransfusionen oder Chemotherapeutika anhängen.

Teamwork statt Hierachie

Interessanterweise gibt es auch deutsche Ärzte in Winschoten. Mehr als zehn, sie arbeiten als Anästhesisten oder Intensivmediziner. Sie gehören einer neuen Medizinergeneration an, die weniger an Hierarchien interessiert ist und mehr an Teamwork.

Diese Form der Zusammenarbeit macht Luzia Christians offensichtlich Spaß. Und wenn der mal aufhört, weil sie krank ist, erlebt die Deutsche in den Niederlanden, dass man krank sein kann, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Ihre Kollegen können den Ausfall ohne große Mühen kompensieren. Notfalls werden Zeitarbeiter eingestellt. Aus deutscher Sicht ein Schlaraffenland!

Maximal fünf Tage lang kann man auf eigene Kappe zu Hause bleiben. Dann kommt der Betriebsarzt vorbei und bespricht das weitere Vorgehen. Das kann heißen: Ein paar Tage braucht’s noch. Oder man steigt mit reduzierter Stundenzahl wieder ein. Vielleicht helfen auch ein paar Stunden Psychotherapie? Hauptsache, man kommt danach wieder froh zur Arbeit. In Deutschland, wo man in den Gesundheitsberufen mit durchschnittlich 58,5 Jahren in Rente geht, hätte auch Christians nicht viel länger durchgehalten – in Winschoten kann sich die deutsche zuster Erwerbsarbeit bis 67 gut vorstellen.