ZeitgeistDer Regelbruch

Die Krim – altes Denken im neuen Europa von 

Weder "Russlandversteher" noch "Kalte Krieger" haben erfasst, was siebzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa geschehen ist. Nein, auf der Krim ist kein neuer Kalter Krieg, also ein Macht- und Systemkonflikt, ausgebrochen. Der Kommunismus ist tot, der Kapitalismus, genauer: Staatskapitalismus, hat die gesamte ehemalige Sowjetunion erfasst; dieser Teil der Geschichte ist tatsächlich zu Ende gegangen. Andererseits signalisiert der Griff nach der Krim das Gegenteil: Die Geschichte ist zurück. Denn zum ersten Mal seit Geburt der Nachkriegsordnung, circa 1945 bis 1948, hat eine Großmacht Europas Grenzen wieder durch Gewalt verändert. An diesem Verdikt ändern auch die scheinbar zeitgemäßen Einlassungen des Kremls nichts: die Schutzverantwortung als Pflicht, die ukrainische Verfassung als Legitimation der Aneignung per Referendum am 16. März. Denn am Anfang der Kette stand die rohe militärische Gewalt – wie in all den Jahrhunderten, in denen Armeen die Grenzen Europas verschoben haben.

Die Argumente der "Russlandversteher" mögen plausibel erscheinen: dass Russland sich "eingekreist" fühle, den Imperiumsverlust nicht verschmerzen könne, die EU mit ihrem Assoziierungsangebot an die Ukraine in altes russisches Kernland vorgestoßen sei, die Krim gar von 1783 bis 1954 russisch gewesen war. Nur sind alte Besitztitel und "vorgreifende Verteidigung" Klassiker aus vergangenen Jahrhunderten, vorgeschoben von Potentaten, die ihre Reiche arrondieren wollten.

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Josef Joffe
Josef Joffe

ist Herausgeber der ZEIT. Von 2001 bis 2004 war er auch ihr Chefredakteur, gemeinsam mit Michael Naumann. Davor leitete er das außenpolitische Ressort der Süddeutschen Zeitung. Weitere Texte von ihm finden Sie hier

Dagegen lebt das neue Europa mit neuen Regeln: Gewaltverzicht, Friedensgrenzen, Verträge, gemeinsamer Gewinn statt Nullsummenspiel. Das "Wie du mir, so ich dir", das Moskaus PR-Strategen mit Verweis auf den Kosovokrieg 1999 ins Feld führen, zieht nur auf den ersten Blick. Gewiss hat der Westen Serbien ohne UN-Segen bombardiert, aber das Ziel war nicht die Besitzergreifung, sondern der Schutz der Kosovaren. Die russische Krim-Mehrheit wird nicht von einer ukrainischen Soldateska bedroht.

Ein Territorium, so klein wie Belgien, war zwar England 1914 den großen Krieg wert, wird aber im Atomzeitalter keine militärische Antwort provozieren. Scharfe Sanktionen? Die quälen immer beide Seiten und werden deshalb vom Westen nur dosiert verhängt werden. Trotzdem ist der Krim-Handstreich ein Regelbruch, eine Art Neoimperialismus, der auch Verständnisvolle nervös machen müsste. Der Regelbruch darf nicht zum Präzedenzfall werden, der den Appetit anregt. Warum Russland seiner Beute nicht froh werden darf? Der Krim-Raub verdirbt die Sitten und das gedeihliche Zusammenleben in Europa, das nach zwei selbstmörderischen Weltkriegen auf friedlicher Konfliktlösung beruht. Der Coup ist nicht einmal gut für Russland, das irgendwie doch ins 21. Jahrhundert will.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

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Neoimperialismus verheißt heute Gewinn, aber morgen nur Verluste: an Vertrauen, Öffnung, Investitionen, Technologietransfers und – ganz simpel – Einkünften. Putinland bleibt eine unterentwickelte Rohstoff-Ökonomie, die am Energiepreis hängt. Im Zeitalter des Gas-Überflusses wird – muss – sich Europa nach anderen Quellen umsehen, wenn Russland Erdgasleitungen als Zuchtmittel missbraucht. Eine kluge Diplomatie wird dem Kreml zeigen, wo unsere wie auch seine wahren Interessen liegen.

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Leserkommentare
  1. Herr Joffe schreibt vom "Zeitalter des Gas - Überflusses". Hat Herr Hoffe schon mal den World Energy Outlook der Internationalen Energie Agentur (IEA) gelesen? Da steht sowohl für Gas als auch Öl nichts von Überfluss, eher von Knappheit. Rohstoffalternativen für Europa? Es gibt sie leider nicht, weder was die verfügbaren Mengen als auch die notwendige alternative Transportlogistik (Gas) angeht. 40% des europäischen Energiebedarfes lassen sich nicht so einfach ersetzen.
    Ebenso schreibt Herr Hoffe von Russland als "Unterentwickelte Rohstoff- Ökonomie". Wenn dem so ist, dann sind die Europäischen Ökonomien "Überentwickelte Rohstoff-Abhängigkeits-Ökonomien". Mal schauen, wer da tatsächlich am längeren Hebel sitzt. Aufgrund zunehmender Verknappung der Rohstoffe könnte Russland in der Zukiunft durchaus weniger Öl und Gas verkaufen. Dafür aber zu deutlich höheren Preisen.
    Unabhängig davon, welche Haltung man zu diesem Konflikt einnimmt, er stellt für Europa einen Paradigmenwechsel dar. Das alte Ost/West Konflikt, der jetzt noch die politischen Agenda umtreibt, wird zunehmend durch zunehmende Energiekonflikte abgelöst. Russland ist im Export von Energie der zweitgrößte Öl- und Gas Exporteur der Welt.
    Eine Betrachtung des Ukraine/Krim Konfliktes aus der Energieperspektive ist an der "Zeit" und bisher in der Zeit leider nicht zu finden.
    Fragen sie doch mal die IEA in Paris? Die Antworten würde ich gerne in Zeit-Online lesen. Bis dahin empfehle ich Herrn Hoffe: www.peak-oil.com

  2. am Energiepreis hängt"

    Korrekt. Daher: Spannungspolitik zum Rohstoffgolf hin.

    Solcher "Neoimperialismus" zielt heute auf Ressourcenkontrolle, aber als Kontrolle über das Angebot, nicht - wie (theoretisch zumindest) früher: zur Selbstnutzung.

    "Eine kluge Diplomatie wird dem Kreml zeigen, wo unsere wie auch seine wahren Interessen liegen."

    Dagegen arbeitet eine raffinierte Propaganda, die sich anschickt, dem Westen Russland als Eurasischen Gendarm anzudienen. Als rauher Gesell sicherlich, dem aber eben kein Statthalter abhanden kommen darf.

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    • Puc
    • 14. März 2014 9:54 Uhr

    Russland ist an sich ein überdehntes Land mit einer zentralistischen Organisationsstruktur, der Finanztransfer läuft auf engen Spuren, während der Garten aus dem geerntet wird um die halbe Erdkugel reicht. Die demokratischen Staaten transformieren derweil wie seit 250 Jahren via USA eingeleitet weiter in Richtung einer gesellschaftlich stabilen und ökonomisch effektiven Dezentralisierung. Das Riesenreich des KGB-Zaren hält dagegen eisern an seinem alten Muster fest. Eine gegenläufige Entwicklungen, die sich weiter politisch-ökonomisch klar differenzieren wird. Die "Lösung": entweder Putin integriert endlich, oder aber die Konkurrenzsituation wird mittels Beschleunigung auf ein neues Niveau gehoben. Mit der Krim ist der erste Schritt der "Beschleunigungslösung" getan.

    Putin ist nicht bereit mittels Rücktritt Assads integrativ vorzugehen. Die Einverleibung der Krim ist logisch, denn seit der Maidan-Revolution liegt die militärische Grundversorgung via Sewastopol für Assad brach.

    Wenn die Weissrussen (erneut) nach Freiheit rufen werden, und Lukaschenko seinen Maidna bekommt, dann wird Putin zweifelsohne auch dort einmarschieren.- alles nur, weil ein Diktator einen Diktator nicht im Stich lassen kann.

    Ganz im Osten beobachten ganz andere Meister der Zentralisierung das Geschehen. Wie schön, dass die EU ihre Hausaufgaben bzgl. Russland nicht gemacht hat. Da kann man sich in Peking in seinem CO2 Nebel genülich zurücklehnen. Oder wird es machem in Eurasien langsam unheimlich?

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    Das Reich der Mitte kann nur fasziniert sein von Putins gewagtem neo-ethnischem "Anti-(Nachbar-)Etatismus".

    "6 million Russian citizens in eastern Siberia face 90 million Chinese in China's bordering provinces. ... Beijing ... has a stake in eastern Siberia. It needs fresh water, hydrocarbons, mineral resources such as copper and zinc, and fertile soil for its farmers. The Chinese economic relationship with eastern Siberia is a colonial one: China buys raw materials and sells finished goods. Beijing actually invests more in eastern Siberia than does Moscow."

    http://www.foreignpolicy.com/articles/2014/02/26/dear_kremlin_careful_wi...

    Eine feierliche Deklaration, wonach der Westen für Russland in Fernost keineswegs "die Kastanien aus dem Feuer holen" werde ...

    das würde Putin verstehen, denn das ist die Sprache Joseph Stalins ...

    aus dessen Allianz-Poker mit den Westmächten im August 1939 - wäre fällig.

    Doch der Eurasische Gendarm kann auch nach Indien blicken, nach Japan und den beiden Koreas. Der Westen braucht offensichtlich in seinem Kalkül das ganze nur noch zu dulden - unter willkommenem großen Gezeter, versteht sich.

    Derweil erwarten Kosaken, Tschetniks und andere Freunde von Armeeshop-Verkleidungen auf die Einladung zum Jihad durch fundamentalistische Freiwillige. Einzelheiten dankenswerterweise auch hier:

    http://www.zeit.de/2014/12/ukraine-abspaltung-krim/komplettansicht

  3. Das Reich der Mitte kann nur fasziniert sein von Putins gewagtem neo-ethnischem "Anti-(Nachbar-)Etatismus".

    "6 million Russian citizens in eastern Siberia face 90 million Chinese in China's bordering provinces. ... Beijing ... has a stake in eastern Siberia. It needs fresh water, hydrocarbons, mineral resources such as copper and zinc, and fertile soil for its farmers. The Chinese economic relationship with eastern Siberia is a colonial one: China buys raw materials and sells finished goods. Beijing actually invests more in eastern Siberia than does Moscow."

    http://www.foreignpolicy.com/articles/2014/02/26/dear_kremlin_careful_wi...

    Eine feierliche Deklaration, wonach der Westen für Russland in Fernost keineswegs "die Kastanien aus dem Feuer holen" werde ...

    das würde Putin verstehen, denn das ist die Sprache Joseph Stalins ...

    aus dessen Allianz-Poker mit den Westmächten im August 1939 - wäre fällig.

    Doch der Eurasische Gendarm kann auch nach Indien blicken, nach Japan und den beiden Koreas. Der Westen braucht offensichtlich in seinem Kalkül das ganze nur noch zu dulden - unter willkommenem großen Gezeter, versteht sich.

    Derweil erwarten Kosaken, Tschetniks und andere Freunde von Armeeshop-Verkleidungen auf die Einladung zum Jihad durch fundamentalistische Freiwillige. Einzelheiten dankenswerterweise auch hier:

    http://www.zeit.de/2014/12/ukraine-abspaltung-krim/komplettansicht

    Antwort auf "Überdehnung"
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    • Puc
    • 14. März 2014 22:19 Uhr

    Putin wird die Krim-Annexion perfektionieren. Die Krim-Tartaren werden geräuschlos "übernommen"? Die EU muss die (west-) ukrainische Kröte (in jeder Hinsicht) schlucken, Putin wird versuchen "die größt mögliche Autonomie" (=die Geld & Produktionsflüsse gehen weiterhin gen Osten) der Ostukraine mittels Zuckerbrot (Gaspreise) und Peitsche (Unruhen) durchzusetzen. Somit setzt sich die Politik der Destabilisierung, die in Tschetschenien einsetze und in Georgien und Syrien ausgestaltet wurde nun direkt am Rand der beiden konkurrierenden Großsysteme fort.

    Aber auch Putin pokert mit dem großen Aufstand. Der wird wellenförmig einsetzen und lokale Schwerpunkte haben, der große Crash setzt im Reich der Mitte seit zwei Jahrtausenden regelmäßig im Schnitt alle 300 Jahre ein. Im Informationszeitalter wird das gerafft von statten gehen - da läßt sich die stille Übernahme im frostigen (Vor-) Garten besser ertragen?

    Des Gendarmen Hoffnung ist, dass die Wellen in Fernost gem. historischer Kontinuität länger und stärker ausfallen (ein Mao mit Zylinder? oder ein "gelber" Wladimir Iljitsch?) als die kurzen, schwachen im eigenen Bezirk. Die Ochrana-Nomenklatur würde wieder einmal (dieses Mal als lachender Dritter) Zeit gewinnen - das funktioniert so seit 130 Jahren.

    Zeitgewinn ist des Defensiven Leitmotiv und damit gleicht der Zar, so agressiv er auch agiert, allen heutigen Diktatoren, denn sie wissen: ihre beste Zeit ist längst abgelaufen - eine Erkenntnis, die nicht nur Idealisten beseelt.

    • Puc
    • 14. März 2014 22:19 Uhr

    Putin wird die Krim-Annexion perfektionieren. Die Krim-Tartaren werden geräuschlos "übernommen"? Die EU muss die (west-) ukrainische Kröte (in jeder Hinsicht) schlucken, Putin wird versuchen "die größt mögliche Autonomie" (=die Geld & Produktionsflüsse gehen weiterhin gen Osten) der Ostukraine mittels Zuckerbrot (Gaspreise) und Peitsche (Unruhen) durchzusetzen. Somit setzt sich die Politik der Destabilisierung, die in Tschetschenien einsetze und in Georgien und Syrien ausgestaltet wurde nun direkt am Rand der beiden konkurrierenden Großsysteme fort.

    Aber auch Putin pokert mit dem großen Aufstand. Der wird wellenförmig einsetzen und lokale Schwerpunkte haben, der große Crash setzt im Reich der Mitte seit zwei Jahrtausenden regelmäßig im Schnitt alle 300 Jahre ein. Im Informationszeitalter wird das gerafft von statten gehen - da läßt sich die stille Übernahme im frostigen (Vor-) Garten besser ertragen?

    Des Gendarmen Hoffnung ist, dass die Wellen in Fernost gem. historischer Kontinuität länger und stärker ausfallen (ein Mao mit Zylinder? oder ein "gelber" Wladimir Iljitsch?) als die kurzen, schwachen im eigenen Bezirk. Die Ochrana-Nomenklatur würde wieder einmal (dieses Mal als lachender Dritter) Zeit gewinnen - das funktioniert so seit 130 Jahren.

    Zeitgewinn ist des Defensiven Leitmotiv und damit gleicht der Zar, so agressiv er auch agiert, allen heutigen Diktatoren, denn sie wissen: ihre beste Zeit ist längst abgelaufen - eine Erkenntnis, die nicht nur Idealisten beseelt.

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  • Serie Zeitgeist
  • Schlagworte Europäische Union | Kreml | Russland | Sanktion | Weltkrieg | Ukraine
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