Weder "Russlandversteher" noch "Kalte Krieger" haben erfasst, was siebzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa geschehen ist. Nein, auf der Krim ist kein neuer Kalter Krieg, also ein Macht- und Systemkonflikt, ausgebrochen. Der Kommunismus ist tot, der Kapitalismus, genauer: Staatskapitalismus, hat die gesamte ehemalige Sowjetunion erfasst; dieser Teil der Geschichte ist tatsächlich zu Ende gegangen. Andererseits signalisiert der Griff nach der Krim das Gegenteil: Die Geschichte ist zurück. Denn zum ersten Mal seit Geburt der Nachkriegsordnung, circa 1945 bis 1948, hat eine Großmacht Europas Grenzen wieder durch Gewalt verändert. An diesem Verdikt ändern auch die scheinbar zeitgemäßen Einlassungen des Kremls nichts: die Schutzverantwortung als Pflicht, die ukrainische Verfassung als Legitimation der Aneignung per Referendum am 16. März. Denn am Anfang der Kette stand die rohe militärische Gewalt – wie in all den Jahrhunderten, in denen Armeen die Grenzen Europas verschoben haben.

Die Argumente der "Russlandversteher" mögen plausibel erscheinen: dass Russland sich "eingekreist" fühle, den Imperiumsverlust nicht verschmerzen könne, die EU mit ihrem Assoziierungsangebot an die Ukraine in altes russisches Kernland vorgestoßen sei, die Krim gar von 1783 bis 1954 russisch gewesen war. Nur sind alte Besitztitel und "vorgreifende Verteidigung" Klassiker aus vergangenen Jahrhunderten, vorgeschoben von Potentaten, die ihre Reiche arrondieren wollten.

Dagegen lebt das neue Europa mit neuen Regeln: Gewaltverzicht, Friedensgrenzen, Verträge, gemeinsamer Gewinn statt Nullsummenspiel. Das "Wie du mir, so ich dir", das Moskaus PR-Strategen mit Verweis auf den Kosovokrieg 1999 ins Feld führen, zieht nur auf den ersten Blick. Gewiss hat der Westen Serbien ohne UN-Segen bombardiert, aber das Ziel war nicht die Besitzergreifung, sondern der Schutz der Kosovaren. Die russische Krim-Mehrheit wird nicht von einer ukrainischen Soldateska bedroht.

Ein Territorium, so klein wie Belgien, war zwar England 1914 den großen Krieg wert, wird aber im Atomzeitalter keine militärische Antwort provozieren. Scharfe Sanktionen? Die quälen immer beide Seiten und werden deshalb vom Westen nur dosiert verhängt werden. Trotzdem ist der Krim-Handstreich ein Regelbruch, eine Art Neoimperialismus, der auch Verständnisvolle nervös machen müsste. Der Regelbruch darf nicht zum Präzedenzfall werden, der den Appetit anregt. Warum Russland seiner Beute nicht froh werden darf? Der Krim-Raub verdirbt die Sitten und das gedeihliche Zusammenleben in Europa, das nach zwei selbstmörderischen Weltkriegen auf friedlicher Konfliktlösung beruht. Der Coup ist nicht einmal gut für Russland, das irgendwie doch ins 21. Jahrhundert will.

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Neoimperialismus verheißt heute Gewinn, aber morgen nur Verluste: an Vertrauen, Öffnung, Investitionen, Technologietransfers und – ganz simpel – Einkünften. Putinland bleibt eine unterentwickelte Rohstoff-Ökonomie, die am Energiepreis hängt. Im Zeitalter des Gas-Überflusses wird – muss – sich Europa nach anderen Quellen umsehen, wenn Russland Erdgasleitungen als Zuchtmittel missbraucht. Eine kluge Diplomatie wird dem Kreml zeigen, wo unsere wie auch seine wahren Interessen liegen.