Syrien zerfällt und zerfleischt sich, so lesen wir überall. Doch in seinem Norden passiert gerade ein kleines Wunder: In den Wirren des Bürgerkrieges kaum beachtet, haben Kurden eine Region unter ihrer Kontrolle für autonom erklärt. Die Kantone Efrin, Kobane und Cisire haben sich zu der Region Rojava (sprich: Roschawa) zusammen gefunden und werden nun kurdisch verwaltet. Rojava wächst nach dem quasi unabhängigen Nord-Irak zum zweiten Kurdenstaat im Nahen Osten heran. Geführt wird dieser neue Staat von der Partei der Demokratischen Union (PYD), der syrischen Ausgabe der türkischen PKK.

Die Karte des Nahen Ostens wird neu gezeichnet. Und im Moment sieht es so aus, als würden die einstigen Verlierer der Aufteilung des Nahen Ostens vor einhundert Jahren zu den Siegern der Region aufsteigen.

Den Kurden hatten Großbritannien und Frankreich nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches einen eigenen Staat versprochen. Doch als einziges großes Volk der Region gingen sie bei den Staatengründungen 1919 bis 1932 leer aus. Seitdem leben sie in vier Ländern der Region – im Iran, im Irak, in der Türkei und in Syrien – und haben unter bisweilen blutiger, bisweilen sanfter Unterdrückung gelitten.

Wie konnten die Kurden das schaffen?

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Zum einen liegt es daran, dass die syrischen Kurden Vertreter aller ethnischen und religiösen Gruppen in die Übergangsregierung geholt haben, darunter Assyrer, Armenier, Jesiden und Alawiten, jener religiösen Gruppe, zu der auch Präsident Assad gehört. Die kurdisch kontrollierten Gebiete in Nordsyrien gehören zu den sichersten des Bürgerkriegslandes, was auch an dem bewaffneten Arm der PYD liegt, er sorgt für Ruhe. Das ist ein Grund dafür, dass sich so viele kurdische Gruppen – mehr als 40 – der autonomen Übergangsregierung angeschlossen haben.

Zum anderen liegt es daran, dass Assad der PYD eine card blanche ausgestellt hat, mit der sie bereits vor der Autonomieerklärung ihre eigenen Checkpoints, Schulen und Krankenstationen unterhalten konnten. So konnten die Kurden ihre Gebiete mitten im Bürgerkrieg stabilisieren. Über Assads Motive lässt sich nur spekulieren. Vielleicht wollte Assad einer Spaltung des Landes zuvorkommen und sehen, ob eine Aufteilung in einen von ihm kontrollierten Alawiten-Staat an der Küste und einen Staat anderer Gruppen funktioniert. Vielleicht wollte er aber auch einen Puffer zur Türkei – nach dem Motto: Die Feinde meines Feindes sind meine Freunde. Die einst guten Beziehungen zum Nachbarn haben sich zu offener Feindschaft entwickelt.

"Wir wollten das Spiel nicht mitspielen und nicht selbst Teil dieses Bürgerkriegs werden. Wir haben einen dritten Weg gewählt", sagt Asia Abdullah, die Co-Vorsitzende der PYD. Sie erklärt das politische System von Rojava als Duumvirat, mit zwei Präsidenten an der Spitze und einem Verwaltungsrat, der aus 20 Mitgliedern besteht. Für die gesamte Verwaltung ist eine Frauenquote von 40 Prozent vorgegeben – das ist nicht nur einzigartig im Nahen Osten. In den Gerichten von Rojava können Christen auf die Bibel, die Muslime auf den Koran schwören. "Ein demokratischeres System als unseres gibt es derzeit nicht", sagt Abdullah. "Unser System will niemanden ausschließen. Es richtet sich gegen niemanden. Wir wollen nicht, dass Syrien auseinanderbricht, aber wir akzeptieren auch keine zentralistische Regierung mehr." Abdullah kämpft, sagt sie der ZEIT, für eine "demokratische Autonomie in Syrien".