DIE ZEIT: Frau Birthler, Frau Geipel, Frau Klüssendorf, Sie haben Bücher veröffentlicht, in denen die DDR-Erfahrung eine wichtige Rolle spielt. Fühlen Sie sich zuständig für das heutige Bild vom Osten?

Angelika Klüssendorf: Überhaupt nicht. Mein Roman April ist kein Ostbuch, auch wenn er zu großen Teilen im Leipzig der frühen achtziger Jahre spielt. Ich fände so eine Zuschreibung auch diskriminierend: Ein Roman muss über das Themenreservat Ost hinauswachsen. Und ich bin auch keine Ostautorin, ich bin eine deutsche Autorin.

Marianne Birthler: Ich schreibe schon als Ostdeutsche, aber mit gesamtdeutscher Identität. Wir sind ja eigentlich die Einzigen, die wirklich gesamtdeutsche Bücher schreiben können. Denn in unserem Leben vor 1989 war der Westen immer präsent, über die Medien, in Abgrenzung oder als Sehnsuchtsort – sehr viel mehr als die DDR im Leben Westdeutscher. Hinzu kommen die vergangenen 25 Jahre – da haben wir alle wohl oder übel Ost-West-Kompetenz entwickelt.

Ines Geipel: Wir sind trainiert auf den doppelten Blick ...

Klüssendorf: ... und ich auf den dreifachen ...

ZEIT: ... Sie sind 1985 aus Leipzig in den Westen gegangen ...

Klüssendorf: ... ostdeutsch, westdeutsch, gesamtdeutsch.

Geipel: Diese vielen Perspektiven sind uns eingeschrieben, wenn wir die Teilungszeit reflektieren. Das Label "Ostautorin" gehörte eh längst gesprengt.

ZEIT: Im Herbst wird der Mauerfall 25 Jahre her sein. Es gibt unzählige Romane und Sachbücher, die sich mit der DDR beschäftigen. Woran liegt dieses nicht abnehmende Interesse?

Birthler: Vielleicht erfüllen wir ein unbewusstes Vermächtnis, denn die Geschichten unserer Väter und Mütter, Großväter und Großmütter konnten in der DDR nicht frei erzählt werden, nicht in Büchern und nicht in den Medien. Beim Schreiben meiner Autobiografie hatte ich auch das Gefühl, etwas aus ihrem Leben aufzubewahren.

Klüssendorf: Den Osten gibt es nicht mehr, also kann man ihn sich jetzt völlig frei erschreiben. Das ist künstlerisch aufregend – ein Bruch, der erzählt werden will.

Geipel: Der Westen konnte den Bruch bis heute verweigern. Wir mussten den Zeitschnitt 1989 anders integrieren in unsere Leben. Ich will noch Tausende Bücher lesen, die uns das völlig Unglaubliche an 1989 und den Jahren danach erzählen. Das Staunen darüber bleibt. Wenn wir jetzt nach Kiew schauen, ist klar, wie viel Glück wir gehabt haben.

Birthler: Lange wollte ich ja nicht auch noch ein Buch schreiben. Bis dann ein Freund mich fragte: "Willst du wirklich die Interpretation von allem, was du erlebt hast, anderen überlassen?" Das war ein starkes Argument. Und wir haben ja wirklich viel erlebt!

ZEIT: "Der Osten ist komplex und überhaupt nicht homogen", sagt der von Ihnen interviewte Künstler Moritz Götze. Und Sie drei entstammen übrigens auch ganz unterschiedlichen Milieus.

Geipel: Mein Generationenporträt wird aus konkretem Leben heraus erzählt, aus ganz verschiedenen Herkünften. Die Kinder der Teilung sind nach 1960 geboren, im Schatten der Mauer, und waren 1989 bereits erwachsen – das unterscheidet sie von den Älteren und den Jüngeren im Osten, von den westdeutschen Babyboomern sowieso. Und sie sind froh über 1989, weil es ihnen ein neues Leben ermöglichte.

ZEIT: Konflikte gab es aber auch innerhalb dieser Generation. Millionen Menschen sind vor 1989 in die Bundesrepublik geflohen oder ausgereist, so wie Angelika Klüssendorf und ihre Heldin April. Sie, Frau Birthler, beschreiben, wie kritisch Sie damals die "Ausreiser" sahen.

Birthler: Heute habe ich einen ganz anderen, gelassenen Blick. In den achtziger Jahren war das für uns in der DDR-Opposition kränkend, machte traurig und verzweifelt: Wir werden wieder schwächer, so war unser Gefühl. Wir waren sehr überheblich: Wir sahen uns als diejenigen, die standhalten, die edlen Weiterkämpfer. Das war natürlich auch ein Kampf gegen sich selbst: Denn irgendwann brauchte man ja Gründe, warum man blieb, nicht weshalb man ging.

Klüssendorf: Ich finde das immer noch unglaublich! Ich bleibe doch nicht in einem Land, weil ich einer Gesellschaftsgruppe, einem Oppositionsmilieu angehöre. Das ist mir fremd. Ich muss doch gehen können, ohne dass es bewertet wird!

Birthler: Wir haben uns damals ja auch dafür eingesetzt, dass Menschen gehen können. Aber es war dennoch traurig. Allerdings bin ich heute selber erstaunt über mich damals.