Irgendwann, als er noch bei den Pfadfindern war, hatte man ihm den Namen Koala verpasst; den eines ziemlich faulen Beuteltiers also, das in Australien beheimatet ist. Er, das ist der Bruder des Erzählers im neuen Roman des Schweizer Autors Lukas Bärfuss. Wer den großartigen Vorgängerroman Hundert Tage (2008) über eine Liebespassion zwischen einer ruandischen höheren Tochter und einem Schweizer Entwicklungshelfer gelesen hat, ein aufwühlendes Buch, das in die politischen Abgründe der Wohltätigkeit führte, wird von Koala zwangsläufig enttäuscht sein.

Dabei geht es gut los. Der Erzähler, offenbar mit der Literaturwissenschaft im Bunde, hält in seiner seit Langem gemiedenen Heimatstadt einen Vortrag über den Selbstmörder Kleist. Sein Bruder taucht auf, nicht beim Vortrag, dazu hat er keine Lust, aber vorher in einer Kneipe; es ist das letzte Mal, dass sie einander sehen.

Denn: Der Bruder wird sich umbringen, ohne ein so schönes, kommagesättigtes Werk wie Kleist zu hinterlassen. Seine Hinterlassenschaft ist rasch verteilt. Auf Erden war ihm nicht zu helfen. Wir erfahren, dass dieser Kerl, der seine Heimatstadt nie verließ, der weder Beruf noch Familie hatte, dafür eine Drogenvorgeschichte, aus diesem seinem Leben eben nichts zu machen gewusst habe. In der Badewanne hat er sich dann "die tödliche Injektion gesetzt", im Alter von 45 Jahren.

Gut kannten die Halbbrüder (denn das waren sie, obwohl sie sich als echte Brüder empfanden) einander nicht, sodass sich die Frage aufdrängt, wer der Tote denn eigentlich gewesen sei, was sein wahres Wesen. Eine berechtigte Frage und ein konventioneller Rahmen für die folgende Geschichte. Aber diese wirkt dann so überstürzt, passagenweise so lehrbuchhaft, so unverbunden, dass man bald nicht mehr weiß, warum einem das eigentlich alles erzählt wird.

Ein Totem sei der Name Koala im Stammesverständnis der jugendlichen Pfadfinder, erfahren wir, und dass dieser Name die Persönlichkeit des Bruders wohl zum Ausdruck bringe: dies die permanent mitschwingende Hypothese, die beim Erzähler zu der "Erkenntnis" führt, dass Selbstmord "keine Krankheit" sei, sondern "überzeugend wie ein schlüssiges Argument". Ja, auch mit der Geschichte der Selbstmörder, ihrer Tabuisierung und Verdrängung, belastet Bärfuss seine Brudersuche. Sie mündet in ein geradezu pathetisches Bekenntnis zur Faulheit im Zeichen des Bären. Denn wie heißt es im Sound calvinistischen Selbstzweifels: "Das war, was man meinem Bruder und keinem Selbstmörder verzieh: Sie hatten endgültig und ohne Widerruf die Arbeit verweigert."

So weit der – interessante – psychologische Rahmen, der dennoch kaum Empathie aufkommen lässt. Kein Wunder, wird man doch, anstatt in die Vorgeschichte der Brüder, entführt in die koloniale Vorgeschichte Australiens. Man sitzt plötzlich auf der Schulbank und liest: wie die Briten 1786 ihre Verbrecher dorthin brachten; die monatelange Schiffsfahrt, ein einziges Grauen. Schwierige Ankunft auf dem unbekannten Kontinent. Unwetter. Unruhen. Auspeitschungen und lebend verfaulende Körper. Die unmögliche Zähmung der Ureinwohner. Lange Passagen über die Jagd auf die in den Eukalyptusbäumen abhängenden Koalabären, die von der Wissenschaft erst Anfang des 19. Jahrhunderts in Besitz genommen werden.

Zwischendrin verliert der englische König den Verstand – und der Leser den Überblick. Am Ende hat man über die Eroberung Australiens, ein paar Herren, die daran beteiligt waren, über den Dschungel und die Aufzucht des Koalabären mehr erfahren als über jenen Bruder, der in einer Schweizer Badewanne den selbst gewählten Tod findet. Immerhin: Mit dessen Bürgerlichkeitsverweigerung scheint der Erzähler am Ende versöhnt zu sein. Möglicherweise eine politische Botschaft aus der heutigen Schweiz?