Wer kann schon ermessen, wie groß die Hoffnung ist, wie schwer sie wiegt? Als Iris Wiegmann sich entscheidet, an einem medizinischen Versuch teilzunehmen, ist die Hoffnung jedenfalls unendlich viel größer und schwerer als die Hartkapsel, die sie schlucken soll. Die Kapsel ist 16 Millimeter lang, sie wiegt gerade einmal 96 Milligramm. Jeden Tag soll Iris Wiegmann eine davon nehmen.

Die Hartkapsel ist gelb-weiß und heißt Gilenya – ein Medikament gegen Multiple Sklerose. Damals, Ende 2010, steht es kurz vor der Marktzulassung. 5.600 Menschen haben die Kapsel schon getestet. Es fehlen nur noch ein paar letzte Untersuchungsreihen, bei denen die Verträglichkeit geprüft werden soll. Die Ärztin schlägt vor, dass Iris Wiegmann, zu diesem Zeitpunkt 39 Jahre alt und seit sieben Jahren an Multipler Sklerose erkrankt, es versucht. Das Risiko scheint überschaubar, die Kontrolle sichergestellt. Und die Multiple Sklerose ist ein Biest. Eine Autoimmunkrankheit, die man nicht heilen, sondern nur aufhalten kann. Eine Krankheit, die man nicht fassen kann, weil sie tausend Gesichter hat. Manche Patienten haben Sehstörungen, andere Erschöpfungszustände. Dann kommen die Lähmungen. Irgendwann kommt vielleicht der Rollstuhl.

Die Krankheit hat Iris Wiegmann schon viel genommen. Ihre Arbeit in einer Apotheke musste sie aufgeben. Auf Kinder hat sie verzichtet, weil sie nicht weiß, wie lange sie noch laufen kann. An schlechten Tagen kann sie kaum eine Viertelstunde mit ihrem Hund durch den Wald gehen. Dann ist sie so erschöpft, dass sie umkehren muss. An guten Tagen schafft sie eine Stunde oder sogar mehr.

Ein Jahrzehnt bis zur Marktreife

Iris Wiegmann unterschreibt eine Einwilligungserklärung für die Teilnahme an einer klinischen Studie. Ihre erste Gilenya-Kapsel schluckt sie unter Aufsicht in einer Praxis, danach wird sie sechs Stunden lang von zwei Ärzten beobachtet. In den folgenden sechs Monaten geht Iris Wiegmann alle zwei Wochen zur Kontrolle in die Praxis. 24 Stunden am Tag ist ein Arzt per Handy für sie erreichbar. "Ich fühlte mich sicher", sagt sie.

Siebeneinhalb Jahre lang hat Novartis, der größte Pharmakonzern weltweit, geforscht, bis die Kapsel namens Gilenya zugelassen wurde. Oft dauert es sogar Jahrzehnte, ein neues Medikament zur Marktreife zu bringen. Zuerst gibt es Tierversuche. Dann Tests an Gesunden. Schließlich Tests an Kranken. Mehrere Tausend Patienten in verschiedensten Ländern müssen Tabletten schlucken. Bei manchen Krankheiten werden auch placebokontrollierte Studien durchgeführt. Dann nimmt die Hälfte der Testteilnehmer Tabletten ohne Wirkstoff – niemand weiß, in welcher Gruppe er ist. All das geschieht, um herauszufinden, ob ein neu entwickeltes Medikament tatsächlich wirkt und, wenn ja, ob der Nutzen auch stärker ist als die Nebenwirkungen. Niemand weiß zu Beginn einer klinischen Studie, ob das Medikament womöglich revolutionäre Heilungschancen bietet oder, andersherum, ob der Test abgebrochen werden muss, weil die Arznei die Kranken noch kranker machen würde, anstatt sie zu heilen.

Novartis hat Glück gehabt. Seit April 2011 ist Gilenya auf dem deutschen Markt. Das erste Medikament gegen Multiple Sklerose, das man nicht spritzen muss. Novartis feiert die Therapie als "bahnbrechend". Das Unternehmen darf auf ein gutes Geschäft hoffen – die Behandlung mit Gilenya kostet pro Patient monatlich 2.324,87 Euro.

Auch Iris Wiegmann hat Glück gehabt, und auch sie darf hoffen. Seitdem sie den Versuch begann, sind ihre guten Tage häufiger geworden. Sie nimmt Gilenya weiter und glaubt, dass die kleinen gelb-weißen Kapseln ihr vielleicht ein paar Jahre schenken, in denen sie halbwegs normal leben kann. Das wäre, gemessen an ihrer Diagnose, ziemlich viel. Wenn man sie allerdings fragt, ob sie auch bei einer Placebostudie mitgemacht hätte, sagt sie: "Auf gar keinen Fall. Mehrere Jahre vielleicht nur eine Zuckerpille schlucken? Ich setze doch nicht meine Gesundheit aufs Spiel!"

Russland als Versuchslabor Europas

Die Pharmafirmen in Europa haben ein Problem: Es gibt viele Patienten, die wie Iris Wiegmann auf neue Medikamente hoffen, aber kein allzu großes Risiko eingehen wollen – schon gar nicht mit einer Placebostudie.

Binnen vier Jahren ist die Zahl der veröffentlichten klinischen Studien in Europa um ein Viertel gesunken – unter anderem, weil es so schwierig geworden ist, Testpersonen zu finden. Die Pharmafirmen gehen nun dorthin, wo die Menschen wenig Geld für Medikamente haben und deshalb bereitwilliger für Studien zur Verfügung stehen – nach Indien, China, Afrika, Russland. Etwa die Hälfte aller klinischen Studien wird Schätzungen zufolge in Entwicklungs- und Schwellenländern durchgeführt.

Besonders Russland hat sich zunehmend zu einem beliebten Ziel der Pharmaunternehmen entwickelt. Wie viele Tests genau dort gemacht werden, weiß niemand, weil Studien, die nicht das gewünschte Ergebnis bringen, oft gar nicht erst veröffentlicht werden. Der Verband Forschender Arzneimittelhersteller, die mächtigste Lobbyorganisation der Branche, sagt, Russland sei "kein Top-Standort". Es gibt jedoch Statistiken, die belegen, dass der Anteil der Versuchspersonen aus Russland massiv gestiegen ist: Nach Angaben der European Medicines Agency, der europäischen Zulassungsbehörde, nahmen im Jahr 2005 in Russland 484 Patienten an klinischen Studien teil. Sechs Jahre später waren es 6.465. In Deutschland dagegen stagniert die Zahl der Studienteilnehmer seit Jahren bei etwa 7.000.