Michael Ballhaus während der Verleihung des Deutschen Filmpreises für sein Lebenswerk im April 2012 in Berlin. © Andreas Rentz/Getty Images

DIE ZEIT:Michael Ballhaus, sieht man als Kameramann, als Augenmensch anders als andere Menschen?

Michael Ballhaus: Eindeutig. Sehr oft passiert es mir, dass die Arbeit ins Leben eindringt, dass ich Momente kadrieren, rahmen will und auf diese Weise festhalten möchte. Denn man läuft ja als Kameramann eigentlich immer durch die Welt und will Bilder einfangen.

ZEIT: Funktioniert auch die Erinnerung eines Bilderfängers anders?

Ballhaus: Für mich ist die Erinnerung wie ein Objektiv mit langer Brennweite, mit dem man etwas heranholt. Auch die eigene Biografie ist eher ein Bilderfluss. Und von vielen Filmen sind mir eher die Bilder geblieben, ohne zu wissen, wie die Geschichte ging oder wer mitgespielt hat. Und so wichtig Dialoge sind: Am schönsten finde ich es, wenn man ohne Worte erzählen kann. Es wird so viel geredet in Filmen!

ZEIT: Gibt es das erste Bild, die erste Aufnahme?

Ballhaus: Ja, komischerweise erinnere ich mich daran. Das war ein Foto, das ich mit einer Agfa Box gemacht habe, mit dieser quadratischen Kamera. Zehn Mark hat die damals gekostet. Aufgenommen habe ich es in dem Schloss in Wetzhausen, wo meine Eltern, die Schauspieler waren, damals in einer Art Kommune lebten. 1948 muss das gewesen sein. Es war ein schönes Bild. Ich sehe es vor mir. Den Torbogen, den alten Innenhof des Schlosses.

ZEIT: Wenn Sie an das Meer der Bilder denken, die Sie geschaffen haben – welches Verhältnis haben Sie dazu?

Ballhaus: Bilder sind Zeugnisse von Menschen und Gefühlen. Das Verhältnis ist manchmal zwiespältig, weil der Film mit der Zeit, in der er entstand, und mit den Gefühlen beim Drehen verschmilzt. Zum Beispiel bei Martin Scorseses Film Goodfellas. Wenn ich an die Dreharbeiten denke, könnte mir heute noch schlecht werden. Ich empfinde eine fast physische Abwehr. Weil es so sehr um Gewalt ging. Um nackte Gewalt.

ZEIT: Die Gewalt wurde inszeniert, das Blut war künstlich. Wie kann es sein, dass so etwas einen gestandenen Kameramann mitnimmt?

Ballhaus: In einer Szene, in der jemand erschossen wurde, hat Scorsese darüber diskutiert, ob man nicht noch ein bisschen mehr Gehirnmasse im Blut verteilen müsse, das da auf das weiße Laken spritzt. Wir hatten natürlich Berater, die uns erklärten, wie es aussieht, wenn man jemandem mit einer Magnum-Pistole und einem solch großen Kaliber in den Kopf schießt. Die Kugel dringt in den Kopf ein und tritt hinten wieder aus, der Hinterkopf explodiert, und das Gehirn spritzt heraus. Die Tatsache, dass das, was wir da nachstellten, auf Erfahrungen beruhte, hat mich aber erst recht zum Durchdrehen gebracht – da hat es bei mir ausgesetzt, da ist mir schlecht geworden.

ZEIT: Man muss sagen: Der Film war es wert.

Ballhaus: Es ist einer der stärksten Scorsese-Filme, einer der stärksten Mafia-Filme überhaupt. Die brutale Welt der Mafia und ihrer Morde wird nicht mythisiert wie in Der Pate. Der Film ist ganz und gar hart, realistisch, authentisch. Scorsese kannte diese Welt aus seiner Kindheit und Jugend. Er wusste, wie die Manschettenknöpfe bei den Mafia-Typen aussehen. Er wusste, dass die Cadillacs ein bisschen hochgehen, wenn sie aussteigen, weil sie so schwer sind. Er wusste, wie die Wohnungen aussehen, wie die Frauen geschminkt sind. Das hatte er erlebt und gesehen. Und das merkt man den Bildern dieses Films an.