Gibt es einen gerechten Lohn? Friedrich Engels hatte da klare Vorstellungen. Die Lohnhöhe, so schrieb er 1881 in dem englischen Gewerkschaftsblatt Labour Standard, sei keine moralische Frage, sondern werde allein durch "die Wissenschaft von der politischen Ökonomie" bestimmt. Ein gerechter Tagelohn sei "unter normalen Bedingungen die Summe, die erforderlich ist, dem Arbeiter die Existenzmittel zu verschaffen, die er entsprechend dem Lebensstandard seiner Stellung und seines Landes benötigt, um sich arbeitsfähig zu erhalten und sein Geschlecht fortzupflanzen". Doch genau das erschien Engels absurd. Denn: "Der Arbeiter gibt so viel, und der Kapitalist so wenig, wie es die Natur der Übereinkunft zulässt. Das ist eine sehr sonderbare Sorte von Gerechtigkeit." In der Tat: Mindestlöhne sollten den Kapitalismus "gerechter" machen – für Engels, der den Kapitalismus ganz abschaffen wollte, musste das natürlich eine abwegige Vorstellung bleiben.

Es waren die Chartisten gewesen, eine bürgerlich dominierte britische Reformbewegung, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht nur für die Zulassung von Gewerkschaften und ein modernes Wahlrecht gekämpft, sondern auch die Frage nach einem Mindestlohn für sweated labour, für die "Schwitzarbeit" auf die Agenda gesetzt hatte. Zu den Chartisten gehörte der Unternehmer, Ökonom und Reformer Thomas Attwood aus Birmingham. Am 14. Juni 1839 prägte er just jene von Friedrich Engels so vehement kritisierte Formel, man wolle sich für "a fair day’s wage for a fair day’s work" einsetzen.

In England sorgt Churchill 1909 für eine staatliche Regelung

Die Forderung nach einem "gerechten Lohn für ein gerechtes Tagewerk" gründete zunächst in einem moralischen Appell an die Unternehmer, ihren Arbeitern ein "würdiges" Leben zu ermöglichen. Nicht um Umverteilung ging es, sondern um die Anerkennung der Arbeit als Grundlage für den eigenen und den Lebensunterhalt der Familie. Um einen Lohn also, der ausreichte für Brot und Kleid – und der zugleich dafür sorgte, dass die Ehefrauen nicht auch noch heimarbeiten mussten.

Wichtige Impulse erhielt die Debatte durch die reformsozialistischen Intellektuellen der Fabian Society. Zu ihnen zählte das Ehepaar Beatrice und Sidney Webb, die 1895 entscheidenden Anteil an der Gründung der berühmten London School of Economics hatten; mithilfe dieser Einrichtung sollten Experten für einen humaneren Kapitalismus ausgebildet werden. Zu ihrer Vision eines national minimum, das eine schulische Grundausbildung, eine Mindest-Gesundheits- und -Altersvorsorge und geregelte Arbeitszeiten meinte, gehörte die Forderung nach einem "legal minimum wage", nach einem gesetzlichen Mindestlohn. So sollten vor allem die Nöte der Heimarbeiter gelindert werden. Das Konzept basierte darauf, dass der Mindestlohn für einen "anständigen Unternehmer" nur vernünftig sei.

Seit 1908 kippte die öffentliche Meinung zugunsten einer staatlichen Regelung, die auch von der Kirche und einem Teil der Konservativen unterstützt wurde. Schließlich ergriff Handelsminister Winston Churchill die Initiative und ließ ein Gesetz ausarbeiten, das im Oktober 1909 in Kraft trat. Eine Kommission aus gleich vielen Unternehmern und Arbeitern plus unabhängigen, vom Staat benannten Experten entschied über die angemessene Eingruppierung. Das Gesetz sah keinen flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn vor. Solche Kommissionen, Wage Boards, sollten zwar überall dort geschaffen werden, wo die Einkünfte im Vergleich zu anderen Industrien außergewöhnlich niedrig waren. Doch das hieß umgekehrt: Das Gesetz galt nur für einen geringen Teil der Industrie und betraf gerade mal 250.000 Menschen in vier Branchen: der Maßschneiderei, der Karton-, Riemen- und Kettenproduktion.

In Deutschland verfolgte die Arbeiterbewegung aufmerksam die Vorgänge in England. Der Sozialdemokrat Eduard Bernstein berichtete mit großer Sympathie über den Erfolg der dortigen Bergarbeiter 1911, als die Gewerkschaften in einem zähen Streik einen Mindestlohn auch für ihre Branche erstritten hatten; einen Mindestlohn, der, ähnlich wie bereits für andere Branchen, nun mithilfe von eigenen Lohnämtern ausgehandelt werden sollte. Erstmals fiel eine Branche unter ein Mindestlohngesetz, in der die Arbeiter stark organisiert waren. Diese Verrechtlichung der Arbeitsbeziehungen und die, wie Bernstein formulierte, "grundsätzliche Anerkennung des Anspruchs der Arbeiter auf einen zum Leben ausreichenden Lohn" machten aus seiner Sicht die britische Entwicklung so vorbildlich.

Die Frage, ob Mindestlöhne Fluch oder Fluchtpunkt arbeitsmarktpolitischer Reformpolitik waren, zog seit der Zwischenkriegszeit in der ganzen westlichen Welt immer weitere Kreise. In der 1919 gegründeten Internationalen Arbeitsorganisation (ILO, heute Teil der UN) wurden die minimum wages frühzeitig zum Thema, ging es doch um eine Antwort auf die Verwerfungen der Wirtschaftskrisen. Im Vergleich mit anderen Fragen wie der Arbeitszeit oder dem Arbeitsschutz war es hier jedoch deutlich schwieriger, eine Lösung zu finden. Die Forderung nach dem Achtstundentag war ebenso unumstritten wie das Verbot der Kinderarbeit. Doch wie konnte ein globaler "Lebensstandard" – und damit auch ein Mindestlohn – für alle festgelegt werden? Dazu waren die nationalen Varianten der Lohn- und Tarifpolitik, die Macht und Ohnmacht der Gewerkschaften und die sozialstaatlichen Traditionen zu unterschiedlich ausgeprägt.

1928 verabschiedete die ILO eine Konvention über die "Einrichtung von Verfahren zur Festsetzung von Mindestlöhnen". Ziel war es, "unanständig niedrige Löhne" zu beseitigen. Insgesamt konnte man sich nur darauf verständigen, dass sich jedes unterzeichnende Mitglied dazu verpflichte, "Verfahren einzuführen oder beizubehalten, die es gestatten, Mindestlöhne für die Arbeitnehmer in gewissen Gewerben oder Teilen von Gewerben (insbesondere in der Heimarbeit) festzusetzen, in denen keine wirksamen Einrichtungen zur Festsetzung der Löhne, sei es durch einen Gesamtarbeitsvertrag oder auf anderem Wege, bestehen und in denen die Löhne außergewöhnlich niedrig sind".