Dreistachliger Stichling (Gasterosteus aculeatus)

Beginnen sich die Raupen des Schwammspinners in den Wipfeln der Eichen aufzulösen, hat das Baculovirus sein Ziel erreicht. Was vor Kurzem noch Raupenkörper war, tropft nun von den Blättern. So verbreitet sich das Virus. Es dauert nicht lange, und die nächste Schwammspinnerraupe frisst von einem verseuchten Blatt. Dann hat das Virus ein neues Opfer gefunden – und wird es in den Tod treiben.

Sein Ziel ist das Erbgut der Raupe. Es verändert das Genom seines Wirtstieres, das nun beginnt, ein Enzym zu produzieren. Dieses Enzym schaltet ein Hormon aus, das die Raupe dringend braucht: Es signalisiert ihr, dass sie genug gefressen hat. Die infizierte Raupe ist sprichwörtlich nimmersatt. Sie frisst und frisst und frisst. Und als wäre das noch nicht genug, bringt die Infektion die Raupe dazu, so hoch wie nur möglich zu klettern. Dort angekommen, heftet sie sich an ein Blatt. Nun macht Baculovirus ernst: Es tötet die Raupe. Eine chemische Reaktion sorgt dafür, dass sich das Tier verflüssigt. Tröpfchenweise verbreitet sich das Virus weiter.

Strategien wie diese entstammen dem Horrorkabinett der Evolution. Die Hauptdarsteller: Neuroparasiten. Sie attackieren die Nervenbahnen und Gehirne ihrer Opfer und übernehmen die Kontrolle. In der Nebenrolle: Wirtstiere, gefügig gemachte, willenlose Zombies. Einmal infiziert, können sie nur noch eines: der Verbreitung des Parasiten dienen.

Es gibt Viren wie Baculovirus, die das Erbgut ihrer Wirte verändern. Pilze, die Ameisen befallen und deren Verhalten so verändern, dass sie an einer Blattunterseite verharren, bis ihnen der Pilz durch den Kopf gewachsen ist und seine Sporen verteilen kann. Kratzwürmer, die die Atmungsrate von Forellen steigern, sodass diese mehr Sauerstoff brauchen, näher an der Oberfläche schwimmen müssen und hier gefressen werden. Saitenwürmer, die Heuschrecken befallen und im Körper ihrer Wirte ein Selbstmordprotein produzieren. Es lässt die Heuschrecken ins Wasser springen, der Wurm windet sich dann aus dem Hinterleib heraus ...

Per Anhalter durch die Gedärme

Martin Kalbe von Max-Planck-Institut für Evolutionsbiolgie in Plön ist fasziniert von solchen Strategien. "Ich bin ein Fan von Wurmparasiten." Kalbe, um die 50, Wanderschuhe, Cargohose und kariertes Hemd, stellt ein kleines Glas auf den Tisch. Darin liegen, in Alkohol eingelegt, Bandwürmer der Art Schistocephalus solidus. Man traut den farblosen Wesen, die entfernt an überfahrene Baguettes erinnern, nicht besonders viel zu. Doch sie gehören zu den begnadetsten Manipulatoren, die die Natur hervorgebracht hat.

Ihr Lebenszyklus beginnt im Wasser, wo sie als winzige Larven umherschwimmen, um von einem Ruderfußkrebs gefressen zu werden. Im Darm angelangt, bohren sie sich ins Leibesinnere. Doch der kleine Krebs ist nur die erste Station im Lebenszyklus des Parasiten. Der Wurm will weiter. Er beginnt zu wachsen und erreicht, abhängig von der Temperatur, nach rund zwei Wochen die richtige Größe, um seinem Wirt zu wechseln. Nun muss er dringend dafür sorgen, dass der Krebs von einem Fisch gefressen wird. Wie stellt er das an? Er verändert das Verhalten des Krebses. Solange der Wurm noch nicht groß genug ist, zwingt er ihn, vorsichtig zu sein und sich beim kleinsten Anzeichen von Gefahr zu verstecken. Ist der Parasit aber reif für die nächste Etappe, legt er einen chemischen Schalter um. Der zurückhaltende Krebs wird plötzlich zu einem Draufgänger – und damit zur leichten Beute für Fische. "Wir wissen tausend Dinge über den Bandwurm, aber nicht, wie er seinen Wirt dazu bringt, gefressen zu werden", sagt Manfred Milinski, Chef von Martin Kalbe und Direktor des MPI für Evolutionsbiologie. Fest stehe nur, sagt Milinski, dass das über Botenstoffe funktionieren müsse, sogenannte Neurotransmitter.

Der Krebs muss von einem Stichling gefressen werden, dessen Darm ist das Ziel des Wurmes. Wieder bohrt er sich in die Leibeshöhle, das Schlaraffenland. Über seine Hautoberfläche nimmt er Nahrung auf, über Wochen oder Monate wächst er heran. Dann will er weiter. Denn auch der Stichling ist für ihn nur Mittel zum Zweck – wichtig, aber sinnlos, solange dieser am Ende nicht von einem Vogel gefressen wird. Der Wurm schaltet deshalb den Fluchtreflex des Fisches aus. Für Vögel sind infizierte Stichlinge leichte Beute, und dann hat der Bandwurm sein Ziel erreicht. Im Darm des Vogels paart sich der zwittrige Parasit mit einem Artgenossen und legt dort Eier ab. Über den Vogelkot gelangen diese zurück ins Wasser, wo dann die nächste Generation von Bandwurmlarven hofft, von einem Krebs gefressen zu werden.