Arabischer Frühling. Er mag den Begriff nicht besonders. Wenn er ihn benutzt, dann setzt er das Wort "sogenannter" davor. "Man könnte", sagt Majid Jafar, "jetzt genauso gut vom ›Arabischen Winter‹ oder vom ›Arabischen Feuersturm‹ reden."

Dem lässt sich momentan schlecht widersprechen. In Ägypten ist der Polizeistaat zurückgekehrt, Libyens Regierung hat nur eingeschränkte Kontrolle über das eigene Territorium, in Syrien herrscht seit drei Jahren ein verheerender Krieg, der auch den Libanon und Jordanien gefährdet. Wirtschaftlich liegen alle Länder am Boden. "Die Folgen des Arabischen Frühlings haben die Ursachen verschlimmert", sagt Jafar und meint die weltweit höchste Jugendarbeitslosigkeit. Millionen junger Araber haben die Perspektive auf ein Leben ohne anständigen Job und Würde.

Nicht dass man hier im 20. Stockwerk des Crescent Tower davon etwas merken würde. Die Fensterfront von Jafars Büro gibt den Blick frei auf die Skyline von Schardscha, eines der sieben Emirate der Vereinigten Arabischen Emirate. In der Sonne glitzert ein künstlicher See, asiatische Gastarbeiter halten nach den Regeln der Mülltrennung den dazugehörigen Park pieksauber.

Ob sich Ägyptens Wachstumsrate der Null nähert oder Jordaniens Regierung Geld für Brotsubventionen fehlt, muss einen Sohn aus reichem Hause am Golf nicht unbedingt beschäftigen. Es sei denn, er leitet eine große Ölfirma im Mittleren Osten, verfügt über reichlich Sendungs- und Selbstbewusstsein und hat längst begriffen, dass politischer Aufruhr und Instabilität sich nicht an nationale Grenzen halten. "Entweder rasen wir weiter von einem politischen Brandherd zum nächsten und riskieren ein endloses Desaster", sagt er, "oder wir gehen endlich auch die Ursachen an, vor allem die Jugendarbeitslosigkeit." Und zwar, so Jafars Idee, mit einem gigantischen Programm. Einem, das in den kommenden fünf Jahren mehr als zehn Millionen Jobs schaffen soll. Durchaus mit dem Know-how internationaler Institutionen, aber arabisch finanziert, arabisch implementiert. Die Inspiration allerdings kommt aus dem Westen.

Majid Jafar, CEO des Öl- und Gasunternehmens Crescent Petroleum, will einen zweiten Marshallplan anschieben. Ärmere Staaten im Nahen und Mittleren Osten sollen mit Dollarinvestitionen in Milliardenhöhe aus den reichen Ölländern am Golf (wieder)aufgebaut werden. Die Geber: Saudi-Arabien, Katar, Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate. Die Empfänger: vor allem Ägypten, Jemen, Jordanien, Marokko, Tunesien. Als zentrale Schaltstelle soll ein Multiinvestor Trust Fund fungieren, der sich in den jeweiligen Ländern mit nationalen Projektteams abstimmt.

Der Mittlere Osten soll nun durch Kapital geeint werden

Ein arabischer Marshallplan – das ist eine überfällige Idee. Und klingt doch wie eine Utopie. Wahrscheinlich hat Jafar recht: Die Zukunft im Mittleren Osten entscheidet sich nicht zwischen sunnitischer oder schiitischer Vorherrschaft, sondern zwischen dem herrschenden Modell einer Zwei-Klassen-Region mit Petrodollar-Dekadenz und Prekariat und einem neuen – welch großes Wort – panarabischen Projekt. Vor fünfzig Jahren, als so mancher von einer vereinten arabischen Nation träumte, standen Sprache, Kultur und die Feindschaft gegen Israel im Vordergrund. Nun soll das Kapital der einigende Faktor sein.

Der Mann, der Geschichte schreiben will, ist 37 Jahre alt und könnte mit seinem jungenhaften Gesicht, seiner Körperlänge und seinem amerikanischen Englisch auch als College-Basketballer durchgehen. Jafar hat seinen "Arab Stabilization Plan" im September 2011 vorgestellt, seither referiert er ihn auf internationalen Kongressen, Regierungskonferenzen, in westlichen und arabischen Medien. Das Vorbild zu seiner Idee hat er genau studiert: "Zwölf Milliarden Dollar haben die USA nach dem Zweiten Weltkrieg in Westeuropa investiert, um die Ausbreitung des Kommunismus zu verhindern. Das entsprach fünf Prozent des amerikanischen Bruttosozialprodukts. Davon haben am Ende nicht nur die Westeuropäer profitiert, sondern es hat auch der amerikanischen Wirtschaft genutzt, weil so neue Absatzmärkte entstanden."

Er sieht Parallelen zur arabischen Welt von heute: Die Golfstaaten hätten reichlich Kapital, jedoch nur einen beschränkten Markt. Es gelte, einen neuen Gegner abzuwehren: "die chronische Instabilität", das Resultat aus ökonomischer Dauerkrise, schlechtem Regieren und wachsendem Spielraum für religiösen Extremismus.

Die Jugendarbeitslosigkeit ist mit rund 26 Prozent doppelt so hoch wie der weltweite Durchschnitt, in manchen Gegenden Ägyptens und Tunesiens haben über die Hälfte der 15- bis 24-Jährigen keinen Job. Jafar weiß, dass man europäische Reporter angesichts der Zustände in Spanien oder Griechenland damit nicht mehr schocken kann. "Aber in Europa ist das ein akutes, neues Problem. Im Mittleren Osten ist es chronisch. Außerdem schrumpft die Bevölkerung in Europa, hier wächst sie." Und zwar schnell. In der Region des Mittleren Ostens und Nordafrika leben heute rund 350 Millionen Menschen, 2025 werden es 500 Millionen sein. Über drei Viertel werden dann in Städten leben, deren Infrastruktur schon jetzt desaströs ist.

Noch besteht Jafars Arab Stabilization Plan nur auf einem Strategiepapier

All das kann man als Zahlengerüst für eine Katastrophe sehen oder – wie Jafar – als Chance: Mit 30 Milliarden Dollar, investiert in große Infrastrukturprojekte, könne man in den nächsten fünf bis sieben Jahren bis zu fünf Millionen Jobs schaffen. 30 Milliarden Dollar – das ist weniger als der deutsche Verteidigungshaushalt für 2013. "Es ginge", sagt Jafar, "natürlich auch größer. Mit hundert Milliarden Dollar für den Bau von Autobahnen und Häfen, für Hightech-Kommunikation und eine bessere Energie- und Wasserversorgung lassen sich bis zu 15 Millionen Jobs schaffen."

Vorausgesetzt, man steckt das Geld nicht in das Budget der betreffenden Staaten. Dann, so Jafar, versickere es in einem aufgeblähten öffentlichen Sektor und in Subventionen. Man müsse es, koordiniert mit der jeweiligen Regierung, in privatwirtschaftliche Projekte oder öffentlich-private Partnerschaften investieren. Den Stabilisierungsplan habe er sich aber nicht für sein Unternehmen ausgedacht, dem es gut gehe: Die Firma hat Öl- und Gaskonzessionen unter anderem in Kanada, Pakistan und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Zusammen mit der Schwesterfirma Dana Gas hat sie seit 2007 mehrere Hundert Millionen Dollar in die Öl- und Erdgasförderung im Nordirak investiert und dieser Region eine zuverlässige Stromversorgung verschafft. Inzwischen bauen zwei weitere Firmen der Crescent-Gruppe Kraftwerke im Zentralirak. Man darf Jafar also glauben, dass er auch ohne einen arabischen Marshallplan gut über die Runden kommt. Ohne die Geschichte seiner eigenen Familie allerdings würde seine Initiative wohl kaum so viel Widerhall finden.

Die Jafars sind säkulare Schiiten aus dem Irak. Der Großvater war Minister für Entwicklung in den letzten Jahren der irakischen Monarchie. Damals, sagt Majid Jafar, habe es einen staatlichen Fonds gegeben, in dem ein großer Teil der Erdöl-einnahmen für den Aufbau einer Infrastruktur zurückgelegt worden seien. Als das Militär 1958 nach einem Putsch die Macht übernahm, emigrierte der Großvater nach Schardscha, wo sein Sohn Hamid 1971 Crescent Petroleum gründete. Der Irak hatte da längst auf Planwirtschaft umgestellt, die Öleinnahmen flossen vor allem in Armee und Sicherheitsapparat. Wie das endete, sagt Majid Jafar, wisse man ja.

Das ist allerdings eine sehr verkürzte Version der Familiengeschichte im Irak. Vater Hamid und Crescent Petroleum waren in den achtziger Jahren nicht nur in den Golfstaaten, sondern auch mit Saddam Husseins Ölministerium gut im Geschäft (wie zahlreiche westliche Firmen). Hamid Jafars Bruder, ein in Großbritannien ausgebildeter Nuklearphysiker, lebte zu diesem Zeitpunkt wieder in Bagdad – als Leiter des irakischen Atomprogramms.

Können globale Unternehmer globale Probleme besser lösen als Politiker?

Diesen Abschnitt der Unternehmenssaga haben Crescent Petroleum und die Jafars ohne größere Probleme abgeschüttelt. Das Image des Familienkonzerns prägen heute Hamids Söhne Majid und der drei Jahre jüngere Badr, CEO von Crescent Enterprises, der Firmengruppe mit Unternehmen in der Bau- und Immobilienbranche, der Luftfahrt, den Medien und im Private-Equity-Sektor. Beide Söhne gelten als brillante Überflieger, sind Absolventen amerikanischer und britischer Elite-Schulen und Dauergäste beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Im religiös erzkonservativen Schardschar sind sie ebenso zu Hause wie in der Londoner Finanzmetropole oder in der internationalen Film- und Musikszene. Und beide machen gern deutlich, dass global agierende Unternehmer globale Probleme im Zweifel besser lösen können als Politiker.

Noch besteht Majid Jafars Arab Stabilization Plan allerdings nur auf einem Strategiepapier. Das enthält eine Art Grundsatzerklärung, basierend auf fünf Prinzipien: Nichteinmischung in die Souveränität der Geber- und Nehmerstaaten, Verbesserung des nationalen Investitionsklimas, sozialer Fortschritt, regionale Integration, Transparenz. Diese Prinzipien sind das Ergebnis von Gesprächen mit arabischen Regierungen. Welche, will er noch nicht sagen.

Das Streitpotenzial ist groß. Ohne Einmischung in die Angelegenheiten eines Empfängerstaates wie Ägypten, in dem die Armee an Großprojekten aller Art kräftig mitverdient, wird sich das Prinzip der Transparenz kaum verwirklichen lassen. Und so manches Geber- wie Empfängerland wird sich Majid Jafars erklärtes Ziel verbitten, gezielt Frauen in die Arbeitswelt zu integrieren. Jafar vertraut auf die Einsicht und Durchsetzungsfähigkeit "privater und progressiver Unternehmen". Die arabische Welt hinke in Sachen Frauenförderung nun einmal hinterher. Die Frauenförderung ist für Jafar kein feministisches Anliegen, sondern eine riesige ökonomische und soziale Herausforderung: "Wir bekommen sonst unsere demografische Entwicklung nicht in den Griff. Und wir können es uns nicht leisten, das Potenzial der Hälfte der Bevölkerung brach liegen zu lassen."

Aus seinem Strategiepapier und seinem kleinen Büro samt prominenter arabischer wie westlicher Berater aus UN, Universitäten und Privatwirtschaft will er als Nächstes einen Thinktank formen. Das klingt wie ein kleiner Sprung nach großem Anlauf. Doch in den arabischen Ländern gibt es noch zu wenige solcher Foren, auf denen große politische und ökonomische Perspektiven abseits der immer dramatischeren Tagespolitik entwickelt werden können. Die wird derzeit vor allem vom Krieg in Syrien dominiert, in dem sich einige von Jafars potenziellen Geberländern als Waffenlieferanten profilieren. "Aber wenn wir auf den Tag der endgültigen politischen Stabilität warten, kommen wir nie weiter. Stellen Sie sich vor, die USA hätten nach 1945 zu den Deutschen gesagt: Etabliert erst einmal eine stabile Demokratie und ein Wahlsystem, bevor wir euch helfen."