Emotionen müssen mit Emotionen bekämpft werden, sagt Matthias Strolz. Der Parteichef kurvt durch Krems, Lenkrad in der linken Hand, Handy in der rechten Hand, und sucht das Gasthaus Klinglhuber. Ein alter Kumpel aus Wirtschaftsbund-Zeiten hat ihn eingeladen, vor dem örtlichen Rotary Club über seine Partei, die Neos zu sprechen. "Konservativ, aber wohlgesonnen" sei das Publikum, flüstert der Konditor ihm schulterklopfend zu, als der Parteigründer fünfzehn Minuten zu spät endlich angekommen ist. Rund fünfzig grau melierte Herren, darunter ein Priester, und ein paar versprengte Frauen sitzen an langen, mit weißen Tischtüchern drapierten Tafeln und beäugen skeptisch den quirligen Oppositionspolitiker, der mit einer pinken Tragetasche unter dem Arm in den Saal stürmt.

Die Neos sind auf einem Höhenflug. Nach dem überraschenden Einzug in den Nationalrat gelang ihnen vergangenes Wochenende der nächste Coup: In Salzburg, dem Geburtsort der Grünen, überholten sie die FPÖ, landeten auf dem vierten Platz und stellen künftig eine Stadträtin. Für die Grünen sind sie lästig. Mit deren Bundessprecherin Eva Glawischnig habe er vergangene Woche aber einen Kompromiss gefunden, erzählt Strolz. "Ich umwerbe sie nicht mehr so, und sie ist nicht mehr so abweisend."

Bei der ÖVP aber nagen die Neos mittlerweile an der Substanz. Die einstige Volkspartei zerfleddert an allen Ecken und Enden, Wähler wandern ab, und junge wie alte Parteikader laufen mit wehenden Fahnen über.

Risse durch Familien und Vorfeldorganisationen

"Ja, ich habe bei den Nationalratswahlen Neos gewählt", bekennt der frühere ÖVP-Parteiobmann Erhard Busek. Er sieht in der Bewegung eine "zum Teil bessere Volkspartei". Busek versuchte vor einigen Jahren, Matthias Strolz in die Politik zu holen, und empfahl ihn Landes- und Bundesparteiobmännern, "doch der bekam nicht einmal einen Termin".

Die Risse gehen durch Vorfeldorganisationen, die Bünde und durch Familien. Freundschaften zerbrechen, in bösen SMS werden Überläufer mitten in der Nacht als "Verräter" beschimpft. Für die Neos verzichten sie auf das Auffangnetz des Parteiapparats und schlagen Jobs in Ministerkabinetten aus.

"Der Grant meiner Generation auf die ÖVP ist enorm", sagt Walter Hatzenbichler, "so sehr, dass wir auf Stellen in der Partei oder ihrem Umfeld verzichten." Der 29-Jährige war bis vor Kurzem Büroleiter der Wiener Wirtschaftskammerpräsidentin Brigitte Jank. "Hier hast du für immer einen Posten", wurde ihm gesagt. Doch er ging. Inzwischen arbeitet er im Parlamentsklub der Neos. "Es geht in der ÖVP nicht mehr um Inhalte oder darum, etwas zu bewirken, sondern nur noch um den persönlichen Machterhalt. Gute Ideen zu haben ist wurscht", sagt Hatzenbichler.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Michael Spindelegger und seine Getreuen scheinen ratlos zu sein, wie sie die jungen Wilden bändigen können. In der Stadt Salzburg versuchte man, sie an Bord zu holen, die ÖVP schlug vor, gemeinsam anzutreten, doch die Neos winkten ab.

Überall sonst werden die Reihen geschlossen, die Schwarzen igeln sich ein. Mit uns oder gegen uns, lautet die Devise. Um zumindest den Cartellverband (CV) auf Linie zu halten, kramten Parteiangestellte einen alten Beschluss von 1994 hervor, der es Verbindungsbrüdern verbot, Mitglied des Liberalen Forums zu sein. Das sollte nun auch für die Pinken gelten.