Einmal noch, mit einem Besuch bei seinem Onkel, unternimmt Ferdinand Goldberger einen Versuch, die Dinge ins Lot zu bringen, "das Vergangene ... und die Zukunft ... irgendwie zusammenzubringen ... zu versöhnen ..." Der Versöhnungsversuch wird misslingen; er wird scheitern an den äußeren Umständen, an der Hartleibigkeit der Menschen, nicht zuletzt auch an Ferdinands eigener.

Mit dem erstaunlichen Roman Roter Flieder hat der Oberösterreicher Reinhard Kaiser-Mühlecker im Jahr 2012 die Chronik der Familie Goldberger von der Zeit des Nationalsozialismus bis in die frühen neunziger Jahre hinein mit einer beeindruckenden Souveränität zu erzählen begonnen; nun, mit Schwarzer Flieder, beendet er die Saga in einer Radikalität, die man einem so sanftmütigen Autor kaum zugetraut hätte.

Kaiser-Mühlecker führt die vertrauten Motive weiter, setzt aber erzählerisch noch einmal ganz neu an. Sein Protagonist Ferdinand Goldberger ist der Sohn des schwarzen Schafs der Familie, Paul, eines Mannes, der den elterlichen Hof verlassen hat und nach Bolivien ausgewandert ist, wo er unter nicht vollständig geklärten Umständen ums Leben gekommen ist. Ferdinand hat seinen Vater nie kennengelernt. Mit 16 Jahren kam er zu seinem Onkel auf den Goldberger-Hof in Rosental. Zu Beginn von Schwarzer Flieder lebt er nun seit sieben Jahren in Wien, hat sein Studium der Landwirtschaft abgeschlossen und eine Anstellung im Ministerium gefunden. In den Nächten feiert er, nach Hause allerdings geht er stets allein. Ferdinand ist zum Einzelgänger geworden, nachdem seine Freundin Susanne ihn von einem auf den anderen Tag verlassen hat.

Schwarzer Flieder ist in drei längere Teile und ein kürzeres, aber umso beeindruckenderes Schlusskapitel unterteilt, in dem Kaiser-Mühlecker seinen Protagonisten mit alttestamentarischem Zorn aufräumen lässt, und zwar mit allem. Zuvor wird Ferdinand seine Jugendliebe Susanne ein zweites Mal gefunden und ein zweites Mal verloren haben, wird er auf den Spuren des Vaters nach Bolivien gereist sein und nach einer tödlichen Auseinandersetzung zwischen seinem Onkel und dessen Ziehsohn den Hof der Familie übernommen haben.

Die Chronologie läuft nebenbei mit und lässt sich bis in die Gegenwart hinein rekonstruieren, doch in Kaiser-Mühleckers Geschichtsschreibung zählen andere Parameter: Er erforscht den Zusammenhang von Landschaft und Mentalität, und darin ist er so subtil und überraschend wie der frühe Handke und poetisch so genau wie Stifter. Das macht ihn so einzigartig in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. So dramatisch das äußere Geschehen auch sein mag – immerhin haben wir es hier auf knapp 250 Seiten mit mehreren Gewalttaten, einem Selbstmord und einer Familienfehde zu tun –, so unaufgeregt und in ihren archaischen Anklängen altmodisch bleibt Kaiser-Mühleckers Sprache.

Die politischen, wirtschaftlichen und vor allem ökologischen Umwälzungen der Globalisierung, die die Landbewohner und ihre Existenzgrundlage spätestens seit dem Beitritt Österreichs zur EU unnachgiebig und nachhaltig beeinflussen, sind ein Spiegel für die Bewusstseinszustände der Figuren. "Die Richtung", so sagt Ferdinand einmal zu seinem Chef im Ministerium, "ist längst eingeschlagen, und kein Mensch wird sie ändern – die einen können sie nicht ändern, die anderen wollen sie nicht ändern. So wie immer und überall." Hier spricht einer nicht über die Landwirtschaft. Kaiser-Mühleckers Flieder- Romane sind eine Reise in einem historischen Strom; in einem Fluss von Ideologien, Schicksalen, Daseinszuständen und Schuldverstrickungen. Politische Regime wechseln – der Mensch in ihnen bleibt sich gleich. Die neuen Zeiten erkennt er daran, dass sie nicht mehr die alten sind.

Was Ferdinand dann im vierten Kapitel mit aller Härte und Konsequenz, auch gegen sich selbst, vornimmt, ist eine Auslöschung; eine Heimatvernichtung; ein Befreiungsschlag zwecks individueller Erinnerungsrettung. Auch in dieser Hinsicht ist Reinhard Kaiser-Mühlecker nicht nur ein großartiger, ästhetisch selbstbewusster, sondern auch ein zutiefst österreichischer Schriftsteller.