Wirklich und wahrhaftig hat sich Roger Willemsen ein ganzes Jahr lang oben auf den Besucherbänken des Deutschen Bundestages herumgetrieben. Er war der Mann, dem nichts entging, auch wenn er manches lieber nicht gesehen und gehört hätte da unten im Plenum, wo seiner Erwartung nach die Demokratie debattierend zu sich selbst kommt. Er sah dort das Ende der schwarz-gelben, dann die Heraufkunft der großen Koalition, er wurde Zeuge großer und peinlicher Momente, drohte schon geistig zu zerrütten und fand zur inneren Ordnung zurück – ein großes, asketisches Selbstexperiment aus Bürgertugend und Neugier. Man muss erklären, warum sein Buch trotzdem so schwach ausfällt.

Natürlich ist es undankbar, neueste Zeitgeschichte aufzublättern. Das Tableau der politischen Themen von 2013, betrachtet aus der eher unspektakulären Perspektive der Parlamentsarbeit, ist heute eine Zumutung, weil das meiste davon einer gemeinsamen psychischen Reaktion zum Opfer fiel: dem legitimen Vergessen. Wozu sich heute mit Rösler oder Brüderle beschäftigen, wozu eine Schilderung der Kanzlerin, wie sie hölzern ihre Reden verliest, danach sofort "erlischt" und in die "Zone des Phlegmas" zurückkehrt. Wir kennen das. Sie ist nicht wacher geworden.

Das eigentliche Manko des Buches liegt aber woanders: Wer die Lage der Demokratie von der parlamentarischen Debatte aus beurteilen will, fällt schon eine weitreichende Vorentscheidung: dass nämlich dort, im Schaufenster der Rede und Gegenrede, etwas für die Willensbildung Entscheidendes geschieht, genauer: geschehen soll. Die alte Agora ist das Herz, sagt er. Wo echte Menschen stellvertretend vernünftig streiten, müsse doch das Geflecht aus Bürokratie, politischen Pakten und Mauscheleien zerrissen werden. Wer sich mit dieser Haltung zum Schmerzensmann des Zuhörens macht und zum wahren Adressaten parlamentarischen Redens erklärt, hat sich damit normativ ordentlich aufgeladen. Er ist dann der ideale Volksvertreter, der Volksversteher – ja, der Mann mit der Antwort.

Von dieser auf den Samtpfoten der Unbefangenheit schleichenden Selbstüberhebung erholt sich das Buch nicht. Andererseits lässt Willemsen viele Blasen platzen, beschreibt das Platte und Selbstbezogene des Hohen Hauses. Er wartet mit vielen im besten Sinne antiautoritären Detailbeobachtungen auf, und dass er die Namen der Schwätzer und Flegel nennt, ist verdienstvoll. Ein anderer Blick auf den Bundestag ist aber auch möglich. Danach wäre er nur eine arbeitsteilige Institution im Gefüge des Administrierens. Er funktioniert vor allem in der Arbeit der Ausschüsse, wo Informationen und Interessen aller Art in die Wurstmasse der Gesetzgebung dringen, eine Maschine der Komplexitätsreduktion und -erzeugung, angesiedelt zwischen Parteien und Exekutive. Und die Plenumsdebatte wäre danach eine notwendige Performance fürs Protokoll, im Einzelfall vielleicht der Integration des eigenen Lagers dienend oder der tagespolitischen Differenzmarkierung oder den Kameras der Tagesschau, aber gewiss ist sie keine symbolische Manifestation der Volkssouveränität.

Willemsen legt Wert darauf, nicht als Journalist geschrieben zu haben. Journalisten sind in seinen Augen Teil des Systems. Seine Position als teilnehmender, weil schreibender Beobachter ist eine ethische. Er verfolgt den Bundestag als pazifistischer Gefühlslinker. Das ist natürlich sein gutes politisches Recht, und angesichts mancher Schilderung schnoddriger Gefühlskälte und dreister Lügen liest man das oft mit Zustimmung.

Doch die Forderung, dass alles selbstkritischer, skrupulöser, mitfühlender, wenn man so will, "linker" ausfallen müsse, ist natürlich der Ausdruck eines Ursprungsmythos: Der Autor weiß, wie das Volk wirklich ist und was es wirklich will. Das Parlament ist offenbar anders, seine Vertreter müssen folglich korrumpiert sein. Diese Denkfigur ist ein Topos, die Lieblingsidee derer, denen der reale Pluralismus der Interessen schwer aufstößt. Der Bundestag 2013 erscheint Willemsen daher als Endpunkt einer Verfallsgeschichte.