Der Schriftsteller Ryad Assani-Razaki, geboren 1981 in Benin © Philippe Matsas/Opale

Die letzten Buchstaben der Kapitelüberschriften ergeben, hintereinander gelesen, ein Wort: IMMIGRATION. Und obwohl der ganze Roman in einem nicht genannten afrikanischen Land spielt, ist Europa stets gegenwärtig, wie ein direkt hinter dem Horizont gelegenes irdisches Jenseits.

Als sein Buch 2009 in Kanada erschien, sagte der damals 28-jährige, in Benin geborene Autor Ryad Assani-Razaki, er habe zeigen wollen, dass ein Migrant nicht einfach nur der Fremde sei, als der er im Land seiner Ankunft gesehen werde. Jeder von ihnen bringe seine Geschichte mit, habe seine Familie, seine Freunde; könne jemanden lieben. Und das habe er erzählen wollen.

Sein preisgekrönter Roman, sein erster, dreht sich um einen jungen Mann namens Iman, der immer mehr von einem einzigen Wunsch besessen ist: weg von zu Hause, weg aus Afrika, übers Meer nach Europa, mit allen Mitteln, und wenn es das Leben kostet.

Dass es so weit kommt, hat viele und komplexe Gründe – und Assani-Razaki holt weit aus, um sie auszuleuchten. Er beginnt seine Erzählung mit einem blutigen Familienzwist und dem Tod eines Mekka-Pilgers, der in der gläubigen Menge zu Tode getrampelt wird: Imans Großvater.

Gewalt durchzieht den Roman

Es beginnt also mit Gewalt. Und Gewalt – familiäre, politische, kriminelle, sexuelle – durchzieht den ganzen Roman wie ein dunkler, furchtbarer Pulsschlag, manchmal fast unhörbar als bloße Drohung, dann wieder eruptiv und alles übertönend. Imans Großmutter, eine tiefreligiöse Frau, flieht und findet einen mächtigen und frommen Gönner, der sie und ihre neugeborene Tochter aufnimmt – bis auch diese vermeintlich sichere Zuflucht durch einen Gewaltausbruch in politischen Wirren verloren geht. Wir befinden uns in den frühen 1970er Jahren; nur andeutungsweise, aber deutlich genug wird ein Putsch erwähnt, eine Militärdiktatur, die selbstverständliche Bereicherung der Mächtigen. Die Großmutter kommt unter bei Verwandten in der Hauptstadt, der Mann ein verkrüppeltes Gewaltopfer, seine Frau die dienende Pflegerin; die hochfliegenden politischen Träume der beiden sind in der kargen und bitteren Realität verdampft.

Das kleine Mädchen wächst zu einer Rebellin heran, die Mutter und Tante, diese passiven, ergebenen Frauen, zutiefst verachtet. Während die Mutter nach Mekka pilgert und dort ihren inneren Frieden findet, lässt sich die Tochter, gerade 16-jährig, mit einem weißen Geschäftsmann ein; das von niemandem gewollte Resultat dieses kurzen Verhältnisses ist Iman. Und so wächst dieser Junge als Außenseiter auf, Sohn einer Außenseiterin, die ständig in Gefahr sexueller Übergriffe lebt und von der Tante belehrt wird: "Das hier ist Afrika. Eine Frau ohne Mann ist wertlos." So willigt sie in eine Ehe ein, die nach den Beobachtungen von Imans jüngerem Halbbruder ein anhaltender Kriegszustand ist. Mit 14 Jahren ist Iman auf sich gestellt: Seine wahre Familie sind eine Gang von Straßenjungen und ein zum Krüppel geprügeltes Kind, das er halb tot aus einem Abflusskanal gezogen hat.

Die Weißen haben Macht über die Schwarzen

Iman rettet diesem Jungen nicht nur das nackte Leben, er lehrt ihn auch den Umgang mit Menschen, bringt ihm lesen und rechnen bei. "Im Grunde machte mich Iman erst zum Menschen", sagt Toumani später. Die Bindung zwischen den beiden ist tief und eng, aber der Puls der Gewalt schlägt: Straßenkämpfe, Überfälle, Schlägereien. Als Iman sich schließlich in eine europäische Touristin verliebt und von einer Zukunft in Frankreich, dem Land seines unbekannten Vaters, zu träumen beginnt, will er seine Umgebung nur noch hinter sich lassen. "Wir können unser Elend nicht besiegen, (...) wir spüren es nicht einmal mehr, weil es unter unserer Haut sitzt. Unsere schwarze Haut ist unser Elend. Wir sind dieses Elend."

Sein Freund hält ihm wütend vor, "wie viel Macht die Weißen über uns haben. Sie entscheiden, was uns antreibt und was uns bewegt. (...) Einen Menschen beherrscht man am besten, indem man das kontrolliert, was ihn glücklich macht. Die Weißen beherrschen uns, indem sie uns unsere Träume verkaufen."

Eine andere Einstellung dazu hat das Mädchen Alissa, die in diesem komplizierten Beziehungsgeflecht die mutigste und seelenstärkste Figur abgibt: Mit dem berühmten Satz des ermordeten südafrikanischen Bürgerrechtlers Steve Biko im Herzen ("Die stärkste Waffe in den Händen der Unterdrücker sind die Gedanken der Unterdrückten") entzieht sie sich dem ihr vorgezeichneten Leben als Dienerin. Doch Assani-Razaki lässt in der harten und heillosen Welt seines Romans kein Glück zu.

Postkolonialismus, mal ganz alltäglich

Das, was in Postkolonialismus-Debatten theoretisch und in säuberlichen Kategorien behandelt wird – Selbstbestimmung, Emanzipation, Tradition –, wird in diesem Buch auf alltägliche und oft grausame Weise sichtbar und hörbar. Die Seufzer und Wutausbrüche, Liebeserklärungen und Angstschreie fließen in einem Chor wenig harmonischer Stimmen zusammen, aus dem Schicksale herauszuhören sind, aber keine Melodie – und schon gar keine politisch korrekte Botschaft.

Alle sind auf irgendeine Weise traumatisiert: Großmutter, Mutter, Bruder, Freund und Freundin. Alle fragen, berichten, klagen mit ihrer eigenen Stimme – außer Iman selbst, der niemals zum Erzähler seiner eigenen Geschichte wird. Er bedeutet für sie alle Bürde und Hoffnung, aber niemand kann ihn halten. Sein Name bedeutet "Glaube".

Es ist eine brutale Geschichte, die Assani-Razaki in seinem Erstlingsroman erzählt: eine Geschichte der Wut, der Ohnmacht, eine Geschichte über viele.