Ich kenne die Autorin, man muss dies im engmaschigen Kulturmilieu dazusagen, nicht gut. Ich kenne einige ihrer Bücher, die ich mag: den Roman Apostoloff, eine schwarze Komödie über eine irre Reise durch Bulgarien, den referenzreichen und leicht surrealistischen Roman Blumenberg über den Philosophen Hans Blumenberg. Ich habe Sibylle Lewitscharoff im vergangenen Jahr einmal ausführlicher gesprochen – und einen vor Pointen strotzenden, provokanten und freigeistigen und, was den Literaturbetrieb anbetrifft, auch auf sehr lustige Weise lästerfreudigen, aber keineswegs engstirnigen Menschen kennengelernt. Ihre im schwarzen Prophetenton abgefasste Rede passte so wenig zu dem Bild, das man sich von ihr machen konnte, dass wir uns am vergangenen Wochenende in ihrer Wohnung verabredet hatten, um darüber zu sprechen, was eigentlich geschehen war. Und wie es geschehen konnte.

Es gehört sozusagen zum Markenzeichen der Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff, der gebürtigen Stuttgarterin, dass sie schwäbelt und das Schwäbeln, obgleich sie seit 1973 in Berlin lebt, im Laufe der Jahre keineswegs bekämpfte, weshalb, so will es der Dialekt, immer alles, was passiert, nur "a bissle" passiert, der Mediensturm, der auf sie einschlägt, ist deshalb "a bissle arg", was die Dimension des Skandals doch gleich ins Überschaubare rückt. Sibylle Lewitscharoff, was dem Schwäbischen ein wenig zuwiderläuft, spricht jetzt an ihrem Schreibtisch sehr ernst und sehr konzentriert und sagt zunächst, was sie tags zuvor schon so ähnlich öffentlich gemacht hat, dass nämlich die Passage über die Halbmenschen "ganz sicher ein Fehler" war. "Die würde ich gerne zurücknehmen. Sie hat Menschen verletzt, das habe ich eingesehen. Wenn ich jemandem begegne, der durch künstliche Befruchtung gezeugt wurde, oder einer Mutter eines solchen Menschen, bin ich freundlich. Und selbstverständlich könnte ich mich mit einem solchen Menschen befreunden. Das muss schon klar sein, ich bin nicht ideologisch verblendet."

Ob sie sich ungerecht behandelt fühlt? Eher nicht: "Ich habe ausgeteilt, jetzt muss ich einstecken können. Öffentlichkeit ist ein Boxkampf, und das sollte sie auch sein." Und dann: "Ich bin keine wehleidige Natur." Aber kalt lässt sie der Vorgang wiederum natürlich nicht: "Einen ziemlichen Tumult gibt es da schon."

Sibylle Lewitscharoff möchte nicht – darauf legt sie großen Wert – als verfolgte Unschuld angesehen werden. Aber sie nimmt an, und es stört sie enorm, jetzt auf sehr bestimmte Weise gebrandmarkt zu sein: "Dass ich jetzt in eine klerikal-konservative oder faschistische Ecke gedrängt werde, entspricht mir nicht. Ich bin auch nicht homosexuellenfeindlich. Gegen diese Annahme spricht schon mein Freundeskreis. Ich bin auch keine Frauenhasserin, auch wenn ich bestimmte Formen der Frauenbewegung seit langer Zeit scharf kritisiere." Sie wähle seit Ewigkeiten die SPD, sei früher in der Frauenbewegung und bei den Trotzkisten engagiert gewesen, wie so viele ihrer Generation, und sei im Grunde, wie ihr Elternhaus auch, "liberal gesinnt. Allerdings bin ich gleichzeitig religiös, was meine Freunde als amüsant und etwas kurios empfinden." Dass man religiös und liberal zugleich sein könne, scheine ein Widerspruch, der in Wahrheit keiner sei. Vielleicht sei die Rede aber deshalb so ablehnend aufgenommen worden.

Kurioserweise im Theater selbst nicht. Der Applaus, so wird berichtet, war groß gewesen, der Zuspruch vom Publikum nach der Veranstaltung auch. Sie habe, erzählt Sibylle Lewitscharoff, unzählige Bücher verkauft und signiert. Der Chefdramaturg am Staatsschauspiel Dresden, Robert Koall, der gegen Lewitscharoff kurz darauf einen Protestbrief veröffentlichte, habe sich zwar nach der Rede kühl verabschiedet, aber nichts Inhaltliches über ihren Vortrag gesagt. Dass sie einen Skandal erzeugt habe, sagt Sibylle Lewitscharoff, habe sie erst Tage später erfahren.

Weshalb waren die Zuhörer von ihrer Rede nicht erschrocken, weshalb gab es keine Buhrufe, keine Empörung? Sibylle Lewitscharoff gibt zu bedenken, dass das Publikum doch recht betagt gewesen sei. Die Älteren hätten weder mit einem religiösen Zuschnitt des Gesagten noch mit der Wissenschaftsskepsis, die sie artikuliert habe, ein Problem. Das sei bei den Jüngeren anders.

Was aber ist in sie gefahren, dass sie derart ausfallend geworden ist? Weshalb konnte die Rede derart entgleisen? "Natürlich spreche ich zumeist nicht im hohen Ton der Diplomatie. Ich bin nun mal ein angriffslustiger Terrier." Und: "Offenes Drauflossprechen wurde früher eher akzeptiert als jetzt. Ganz definitiv. Es gehört zum Übel unserer Zeit, ständig wohlbehalten sprechen zu müssen, da sich jeder jederzeit gekränkt fühlen könnte. Wir sind schon eine Gesellschaft der beleidigten Leberwürste." Dieser Umstand aber, sagt sie schnell, entschuldige sie nicht. Bloß nicht klagen!

"Vielleicht schlage ich in zehn Jahren noch einmal mordsmäßig zu"

Welche Schlüsse zieht sie aus dem Skandal? "Ich bin jetzt ein gebranntes Kind. Erst einmal werde ich über nichts sprechen, was politisierbar ist. Ich habe immer Martin Walser und Günter Grass kritisiert, weil sie die Deutschen von oben herab belehren wollten. Jetzt bin ich in dieselbe Falle getappt, und da möchte ich ganz schnell wieder raus. Ich bin keine Präzeptorin Deutschlands, leider hatte mein Vortrag aber etwas davon. In dieser Hinsicht war das eine Verirrung. Volksbelehrungen können das eigene Schreiben beschädigen."

Sie schweigt, blickt kurz ins Leere und lacht dann wie befreit: "Vielleicht schlage ich in zehn Jahren noch einmal mordsmäßig zu. Mit siebzig, als alte Dame. Erst mal aber nicht."