Regisseur Spike Jonze hat mit "Her" den ungewöhnlichsten Liebesfilm des Jahres gedreht – und dafür gerade einen Oscar bekommen © Till Janz und Hendrik Schneider

Immer wieder hat sich der Regisseur Spike Jonze in den vergangenen Jahren gefragt, ob er sich nicht zu viel vorgenommen hat mit seinem Kinofilm Her. "Eine Liebesgeschichte zu erzählen, bei der man auf der Leinwand nur eine Person sieht, weil die andere Person bloß als Stimme existiert." Spike Jonze lächelt selbst jetzt noch ungläubig, wenn er davon erzählt. Denn das ist die Handlung in Her: Ein Mann, gespielt von Joaquín Phoenix, lebt in der nahen Zukunft, er ist einsam, die Scheidung von seiner Frau läuft, da stößt er auf ein Computerprogramm mit künstlicher Intelligenz. Das Computerprogramm hat eine weibliche Stimme und ist zunächst nicht mehr als eine persönliche Assistentin, die E-Mails beantwortet. Aber schnell entwickelt sie eine eigene Persönlichkeit – und die beiden verlieben sich, obwohl sie nie zu sehen ist, sondern nur zu hören.

Wie sollte das im Kino funktionieren? "Es gab bei der Arbeit an diesem Film immer wieder Momente, in denen ich verzweifelt bin. Die reine Depression." Da war zum Beispiel die Stimme. Besetzt hatte Spike Jonze die unsichtbare weibliche Hauptrolle mit der britischen Schauspielerin Samantha Morgan. Die Dreharbeiten waren längst abgeschlossen, als er im Schneideraum merkte: Es funktioniert nicht mit ihrer Stimme. Er brauchte eine stärkere, selbstbewusstere, verführerischere Stimme, in die ein Mann sich auf jeden Fall verlieben würde. Er beriet sich mit Freunden: Wer würde passen? Jennifer Lawrence vielleicht? Lieber Scarlett Johansson! Also traf sich Jonze mit Johansson in New York und versuchte, den Superstar zu überreden, im Nachhinein einzusteigen und den gesamten Film neu zu synchronisieren. Mehr als neun Stunden dauerte das Gespräch. "Egal, wie hoffnungslos ich mich fühle", sagt Spike Jonze, "ich weiß mittlerweile, dass es bei allen großen Projekten, die ich mache, mindestens einmal den Punkt gibt, an dem ich denke: Die Sache geht schief, ich werde scheitern. Und dann geht es doch weiter." Am Ende der neun Stunden sagte Scarlett Johansson zu – und rettete mit ihrer rauchigen Stimme, die klingt, als tränke sie jeden Tag ein Glas Whiskey, den Film.

So kommt es, dass Spike Jonze wieder einmal nicht gescheitert ist und stattdessen am Sonntag vergangener Woche auf der Bühne des Dolby Theatre in Los Angeles steht – und zum ersten Mal in seinem Leben einen Oscar entgegennimmt, für Her, in der Kategorie "Bestes Drehbuch des Jahres", für diese unmögliche Liebesgeschichte, die er möglich gemacht hat.


Woher nimmt der Mann seinen Mut, und wie kommt er auf seine Ideen? Wenige Tage vor der Oscarverleihung in Los Angeles steht Spike Jonze im Türrahmen einer Suite im ersten Stock des Hotel de Rome in Berlin. "Hi", sagt er, gibt dem Besucher die Hand und lächelt. "Kommen Sie rein." Die erste Überraschung: Seine Stimme ist erstaunlich hoch, jungenhaft. Klein ist er, 1,70 Meter, und schmal. Im Gesicht: Vollbart mit einzelnen grauen Strähnen, darunter leichte Bräune, die Sonne Kaliforniens. Er trägt ein grünes Hemd und ein weißes T-Shirt über bequemen grauen Stoffhosen, pinkfarbene Socken, graue Stoffturnschuhe. Wir gehen in die Suite, setzen uns auf ein Sofa, er macht es sich bequem, die Beine angewinkelt, die Füße auf dem Couchtisch. In der Hand hält er einen Kugelschreiber, er spielt mit ihm herum, sieht ihn immer wieder an. Sein Stift? "Ja, er ist von einer Firma namens Caran d’Ache, ich mag ihn, ich habe ihn aus irgendeinem Hotel mitgenommen", sagt er. "Ich liebe Stifte. Ein Freund hat mir vor Kurzem einen Montblanc-Füller geschenkt, aber ich traue mich nicht, mit ihm zu verreisen, weil ich Stifte immer verliere. Aber ich habe immer einen bei mir." Gestern war Spike Jonze in Madrid, morgen geht es nach Paris, Auftritt, Interviews, weil Her nun in Europa in die Kinos kommt, in Deutschland am 27. März.

Die Stimme der weiblichen Hauptrolle war nicht das einzige Problem bei Her. Schon als er nur die Handlung einigen Freunden erzählt hatte, merkte er, dass er ewig brauchte, bis er fertig war. "Ganz am Anfang habe ich mich mit der Künstlerin Miranda July, einer guten Freundin, darüber unterhalten, und sie hat mir das größte Kompliment gemacht, als sie sagte: ›Ich bin neidisch auf deine Idee.‹ Aber ich hatte auch eine ganze Stunde gebraucht, um ihr alles zu erzählen."