Die fahlen Sümpfe und die verrotteten Baumstümpfe könnte man noch aushalten. Wenn der Himmel nur nicht die ganze Zeit diese aschgraue Farbe hätte. Als wäre hier nie etwas anderes als Dschungel gewesen, so beschreibt Rust Cohle den Süden Louisianas. Bei der Auswahl des Hauptdarstellers für seine Serie True Detective hat der amerikanische Fernsehsender HBO alles gegeben: Matthew McConaughey, gerade mit einem Oscar ausgezeichnet, spielt den Polizisten Cohle. Woody Harrelson steht als dessen Partner Hart an seiner Seite. Aber selbst diese beiden werden noch in den Schatten gestellt vom eigentlichen Star der Serie, dem Panorama Louisianas: ein Fiebertraum aus Bayou-Gewässern, Chemiefabriken und Strip-Clubs.

Als am vergangenen Sonntag in den USA das Finale der ersten Staffel ausgestrahlt wurde, knickte der Streaming-Dienst von HBO unter dem Ansturm ein und war zeitweise offline. Der Sender hatte sich tatsächlich noch einmal selbst übertroffen. Schauspieler und Landschaft, das war bloß die Grundierung gewesen für etwas Größeres: fast acht Stunden philosophische Reflexion im Southern Noir. True Detective, in Deutschland bei Sky Go zu sehen, erzählt in Rückblenden die 17 Jahre andauernden Ermittlungen in einem Mordfall. 1995 ist ein junges Mädchens getötet worden, ein Ritualmord. Cohle glaubt an einen Serienmörder, sein Partner Hart ist skeptisch. Schleppend kommen die Ermittlungen voran. Auf den endlosen Fahrten durch die Sumpfgebiete – im Hintergrund taucht mal ein Containerschiff auf, mal die Schlote einer Raffinerie – legt Cohle seine Gedankenwelt dar. Er ist ein gebrochener Mann, ein unnahbarer Einzelgänger, der in einem Apartment ohne Möbel haust. Wie ein düsterer Mönch paraphrasiert er die pessimistischen Stimmen des 20. Jahrhunderts wie Lovecraft, Cioran, Ligotti und benutzt in seinen Abhandlungen gerne Begriffe wie "ontologischer Fehlschluss". Was die Priester verkaufen, sagt Cohle, auch das sei beispielsweise ein ontologischer Fehlschluss: dass es Licht am Ende des Tunnels gebe. Wie die Raucherbüros und Pager in True Detective gehört Cohles Nihilismus in die neunziger Jahre, in die Zeit zwischen Mauerfall und 9/11, in denen die Serie anfangs spielt. Das menschliche Bewusstsein hält der Polizist für eine Fehlentwicklung der Natur, Liebe für unmöglich. Am besten, man wäre gar nicht geboren worden. "Stop saying shit like that. It’s unprofessional", antwortet Harrelson, sein geerdeter Kollege, einmal.

Zu gern werden im Serienmörder-Genre Geschichten mit vulgärphilosophischen Ideen ausgekleidet. True Detective stellt das auf den Kopf: Es ist Philosophie, ausgekleidet mit einem Serienmord. Um das zuschaffen, musste HBO sein erprobtes Erfolgskonzept über den Haufen werfen. Als Autor wurde Schriftsteller und Literaturdozent Nic Pizzolatto beauftragt, der kaum Fernseherfahrung hatte. Der Sender ließ ihn dennoch alle Folgen allein schreiben, eine Arbeit, die sonst ein ganzer writers’ room erledigt. True Detective ist außerdem als Anthologie angelegt, untypisch für eine HBO-Produktion: Jede Staffel soll eine eigenständige Geschichte erzählen, mit immer neuen Schauspielern. Die großen Themen, für die man die Serien des neuen goldenen Fernsehzeitalters gelobt hat, interessieren hier nicht: Es geht nicht um die amerikanische Mittelklasse, Männlichkeit oder den Krieg gegen Drogen. Und auch nicht um Louisiana, das man nach Hurrikan Katrina sofort mit einer politischen Botschaft verbindet. Die Serie könnte ebenso in Vietnam oder Mogadischu spielen. Orte, die Cohle und Hart in den Kopf kommen, wenn schließlich doch die Hölle losbricht: Macheteschwingende Meth-Köche, Feuergefechte im Drogenrausch. Regisseur Cory Fukunaga (Jane Eyre) und Kameramann Adam Arkapaw (Top of the Lake) inszenieren diese Eruption als minutenlange Plansequenz, wie man sie im Fernsehen so noch nicht gesehen hat. Pizzolattos Geschichte spielt in den Südstaaten, in denen er aufgewachsen und von denen er "metaphysisch besessen" ist. Einen "korrumpierten, verrotteten Garten Eden" hat er diesen Landstrich einmal genannt. Das ist es, was Pizzolatto als Autor mitbringt: Metaphysik, nicht Politik.

True Detective kommt uns bedrohlich nah. Folge für Folge schleicht es sich aus den so fern wirkenden neunziger Jahren heran. 2012, nach 17 Jahren, ist der Mörder immer noch nicht gefasst. Wer er ist und ob sie ihn kriegen, das sind die Fragen des Krimis. Mit ihnen verwoben ist aber noch eine Frage der Philosophie: Was passiert mit Cohles düsterer Weltsicht? Gibt es seinen Nihilismus noch, oder blieb er irgendwo in den Sümpfen der Neunziger zurück?

Das ist der große Cliffhanger bei True Detective . Pizzolatto hat eine überraschend klare Antwort. Am Ende reißt der aschgraue Himmel einmal auf, und der sternenklare Nachthimmel von Louisiana leuchtet. Nachdem man in acht Folgen durch das conradsche Herz der Finsternis gewandert ist, scheint aber auch dieses Licht am Ende des Tunnels suspekt. Wie ein ontologischer Fehlschluss.