Bewaffnete in der Nähe von Simferopol. Sie sollen Russland unterstützen. © Vasily Fedosenko/Reuters

In welchem Jahrhundert wir uns befinden, wird schlagartig erst wieder klar, als der Kämpfer Bratislaw ein weißes Samsung-Tablet aus der Beintasche seiner Flecktarnhose zieht, um Nachrichten zu googeln. Bis dahin erzählte er davon, wie Kosaken vom Don ihn und seine Tschetnik-Miliz aus Serbien um Hilfe gerufen hätten, um hier, auf der Krim, das russische Brudervolk zu verteidigen. Vor drei Tagen seien sie zu fünft angereist.

Jetzt stehen der Kommandant und seine Tschetniks an einem Straßenposten kurz vor der Hafenstadt Sewastopol und flößen den Autofahrern, die in die Schikane aus gestapelten Reifen fahren, eine Heidenangst ein. Der 39-Jährige sieht aus wie der menschgewordene Schrecken des Krieges: lange Haare, dichter Bart, beides so pechschwarz wie seine Pelzmütze, dazu ein Abzeichen mit goldenem Totenkopf auf dem Oberarm. Er genießt es, dass er einschüchternd wirkt, genau wie es den "Kosaken" ein paar Meter hinter ihm sichtlich guttut, breitbeinig und mit schwingenden Schlagstöcken auf die Fensterscheiben der Fahrzeuge zuzugehen. Ihre letzte richtig große Zeit hatten die Steppenkrieger bei der Abwehr Napoleons vor Moskau.

Am Sonntag soll die De-facto-Annexion der Krim durch Russland per Referendum besiegelt werden. Plakatkleber pflastern die Werbeflächen der großen Städte noch eilig mit "Die Krim gehört zu Russland"-Postern. In wessen Auftrag sie arbeiten, wollen die Männer nicht sagen. Wahlwerbung für die proukrainische Seite ist keine zu sehen. Weite Teile der Bevölkerung halten das Referendum für eine Farce, weil die Bürger offenbar nur die Wahl haben sollen zwischen einem sofortigen Anschluss an Russland oder völliger Autonomie (was einen späteren Beitritt zur Russischen Föderation möglich machen würde). Viele hier fühlen sich überrumpelt. Werden nächste Woche schon alle automatisch zu Russen? Welches Geld gilt dann? Und woher soll eigentlich künftig der Strom fließen, der bisher aus der Ukraine kam?

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Vor dem Abstimmungssonntag, der in Wahrheit wohl ein Abspaltungssonntag werden wird, zittern viele hier, und das auf beiden Seiten. Die vollkommen unterschiedlichen Weltsichten, die auf der Krim aufeinandertreffen, haben bisher koexistiert. Niemand war zu einem Bekenntnis gezwungen. Jetzt aber soll man seine Heimat wählen, Geschichte wird zur Gegenwart, Gespenster werden heraufbeschworen. "Zombies" nennt die eine Hälfte der Bevölkerung die andere; gemeint sind jene, die nur russisches Fernsehen sehen und glauben, in Kiew hätten Nazis geputscht. "Faschisten" schimpft die andere Seite jene, die die Krim in der Ukraine lassen wollen.

So wächst von Tag zu Tag die Angst der Volksgruppen voreinander. Zu viele Leute glauben hier gerade, einen Krieg verhindern zu können, indem sie aufrüsten und abschrecken. Dabei wird er so nur wahrscheinlicher.

Die Krimtataren haben unter russischer Herrschaft viel zu verlieren

Nachrichten machen die Runde, von "Überfällen", von "Attentaten": In einem Dorf südlich von Sewastopol, heißt es, hätten Russen das Hotel einer krimtatarischen Familie angezündet. Und in Bachtschyssaraj, einer traditionellen Siedlungsstadt der Krimtataren, seien Häuser von Muslimen mit Kreidekreuzen gekennzeichnet worden. Genauso hatten es einst Stalins Truppen 1944 getan. Damals vertrieb der Sowjetherrscher das Turkvolk der Krimtataren aus seiner Heimat, mit völkermörderischer Brutalität. Mittlerweile sind Hunderttausende von ihnen zurückgekehrt, haben sich Existenzen und Häuser aufgebaut. In ihren Vierteln stehen viele neue Moscheen, oft noch im Rohbau. Die Krimtataren, heute kaum zwölf Prozent der Krimbewohner, haben als traumatisierte Minderheit am meisten zu verlieren unter einer erneuten Herrschaft Moskaus. Sie bemühen sich deshalb um Nüchternheit und Deeskalation.

Das niedergebrannte Haus sei das Resultat eines Streites zwischen Geschäftsleuten, sagt ein Vertreter der Krimtataren im Büro der Volksgemeinschaft in Simferopol. Man solle diese Meldungen bitte nicht ungeprüft verbreiten. Es stimme auch nicht, dass schon Tausende Krimtataren das Land verlassen hätten. Ali Khamzin fängt regelrecht an zu schreien, wenn man ihm dieses Gerücht auftischt. "Niemals wird das geschehen!", donnert der Chef des außenpolitischen Komitees der Krimtataren und sticht mit dem Zeigefinger in die Luft. Eine halbe Stunde lang hat er völlig ruhig geredet. Jetzt, plötzlich, zeigt er, wie blank seine Nerven liegen. "Die slawischen Chauvinisten werden uns nicht wieder aus unseren Häusern vertreiben. Wer das versucht, wird sehen, wie Krimtataren kämpfen können!" Und übrigens, da schon mal ein deutscher Reporter vor ihm sitze: "Sagen Sie Frau Merkel, dass sie auch eine Verantwortung für uns hat. Die Wehrmacht hat hier 110 Dörfer und 115 Moscheen niedergebrannt."

Aber ist es nicht wahrscheinlicher, dass den Krimtataren ganz andere Leute zu Hilfe kommen? Hat sich nicht in Bosnien, Tschetschenien, Afghanistan und Syrien gezeigt, was passieren kann, wenn Muslime attackiert werden? Ach was, sagt Khamzin, Dschihadisten hätten hier keine Chance. Dazu sei der eigene Widerstand der Krimtataren zu stark, zu gut organisiert. Zehntausende von ihnen hätten sich schon zu Bürgerwehren zusammengeschlossen. Gibt es wirklich keine religiösen Extremisten unter den Krimtataren? Keine, die ihre eigenen Geister zu rufen bereit wären?