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In Zentralafrika, so lesen wir, gäbe es Krieg zwischen Christen und Muslimen. Vielleicht brauchen wir im Westen solche Denkmuster, um zu begreifen, was geschieht. Im Falle Zentralafrikas ist dieses Muster falsch. Die Massaker, die sich seit Dezember dort abspielen, haben mit Religion nichts zu tun. Aber woher kommt dann der Hass?

Ich wuchs als Missionarskind in Zentralafrika auf. Als Kinder spielten wir im Busch, aßen heute bei der einen Mutter, morgen bei der anderen. Wir hockten in verrußten Küchen und tunkten Maniok in Soße. Das klingt ganz romantisch, war es aber nicht. Kinder wurden geschlagen, einmal ging ein Ehemann mit einer Machete auf seinen Rivalen los. Meine Eltern machten den Krankentransport.

In der sechsten Klasse hatte ich kaum noch Freunde: Mädchen mussten im Haushalt arbeiten oder wurden verheiratet, Jungs waren scheußliche Machos. Als ich elf war, hielt ich das Baby einer Spielkameradin im Arm. Seitdem wurden viele weitere Kinder geboren. Eine gebildete Schicht junger Menschen wuchs jedoch nicht heran. Lehrer wurden nicht bezahlt, Schulen blieben deshalb oft geschlossen.

Alle Merkmale unterentwickelter Länder treffen auf Zentralafrika zu. Es ist extrem arm, die Menschen haben keine Perspektive. Es liegt auf der Hand, dass das zu Verzweiflung und Sündenbockdenken führt. Seltsamerweise wird diese Verbindung aber kaum gesehen. Stattdessen sind alle überzeugt, es handele sich um einen religiösen Bürgerkrieg.

Niemand in Zentralafrika tötet für seinen Gott. Mit Religionszugehörigkeit geht man pragmatisch um, jeder ist auf der Suche nach dem mächtigsten Zauber gegen seine Ängste. Das Christentum ist dabei nur eine von mehreren Optionen und gar nicht die schlechteste, denn seine Anhänger sind zumeist wohlgenährt, fahren Autos und leisten sich Reisen. Um einen Teil dieses "Zaubers" abzubekommen, nehmen viele Zentralafrikaner christliche Namen an, auch Muslime. Die Zentralafrikaner schauen gern, was der spirituelle Markt zu bieten hat und probieren aus, was funktioniert. Von religiösem Fundamentalismus kann also nicht die Rede sein.

In Zentralafrika fand kaum eine Wahl statt, die als demokratisch gilt. Staatsgewalt gilt als Kuchen, den man unter Freunden aufteilt. Und jeder darf mal ran. Nach diesem Muster wird ein Präsident nach dem anderen geputscht.

2013 war es wieder so weit: Die Rebellenbewegung Seleka, ein zerstrittenes Zweckbündnis, dem nicht nur Muslime angehörten, stürzte mithilfe der Nachbarrepublik Tschad den amtierenden Präsidenten Zentralafrikas. Mit dem Regieren erwiesen sie sich allerdings als überfordert. Sie herrschten willkürlich und gewalttätig. Von Dezember an fielen Bauernkämpfer, sogenannte Anti-Balaka, in der Hauptstadt Bangui ein und griffen ihrerseits die Putschisten an. Es gab noch mehr Gewalt.

Dann trafen afrikanische und französische Friedenstruppen ein, die die Seleka entwaffneten, was allerdings dazu führte, dass die tschadischen und muslimischen Bewohner Banguis schutzlos den Anti-Balaka ausgeliefert waren – dieser Konflikt ist es, der bei uns als religiöser Bürgerkrieg ankommt.