Zur Begrüßung zieht Ai Weiwei sein Smartphone aus der Tasche. Eine seiner Mitarbeiterinnen, die Deutsch kann, hat ihm eine Botschaft hinterlassen, wie er die Besucher begrüßen soll: "Man sagt: ›Ich heiße Sie herzlich willkommen‹." Er spricht die Anweisung seiner Assistentin langsam auf Deutsch nach. "Habe ich das richtig gemacht?", fragt er und lächelt. Willkommen in der Welt von Ai Weiwei.

Es ist einer der seltenen smogfreien Wintertage in Peking, die Sonne scheint, der Himmel ist blau. Im äußersten Norden der Stadt hat Ai Weiwei sich vor einigen Jahren ein Haus gebaut, mit einer Privatwohnung für seine Familie, Büroräumen für seine Mitarbeiter und einem Atelier für sich. Davor hat er einen kleinen Garten mit Bambusbäumen angelegt, geschützt von einer hohen Mauer. Als er hierhergezogen ist, stand hier nichts, keine Häuser, es war Bauernland. Er hat das Land gepachtet, "man kann kein Land kaufen in China", sagt er. "Es bleibt immer im Besitz des Staates. Deshalb leben die Leute in ständiger Angst, der Staat könne sie vertreiben."

Ai Weiwei hat sein Haus selbst entworfen und gebaut, "die Materialkosten lagen bei 15.000 Dollar", nicht mehr, erzählt er. "Ich wollte es möglichst einfach haben." Er zeigt auf die Wände. "Die grauen Steine haben eine lange Tradition in China." Ai Weiwei hat mit ihnen ein sehr modern wirkendes Haus gebaut.

Kunst - Zu Besuch bei Ai Weiwei

Kaum war er eingezogen, kamen andere nach, es wurden weitere Ateliers und Galerien gebaut, ein Künstlerviertel entstand. "Es war merkwürdig", sagt er, "denn plötzlich habe ich gemerkt, dass die anderen Häuser auch so aussehen wie meins." Es hatte offenbar eine Anweisung von oben gegeben: Baut die Ateliers so wie das von Ai Weiwei. Auf den ersten Blick ein Widerspruch: Wird er nicht von den Autoritäten bekämpft? Warum imitieren sie ihn dann? Er sagt, es gebe verschiedene Fraktionen, die Hardliner und die Gemäßigten. Einerseits versuchen sie, ihn in seine Schranken zu weisen, andererseits ist auch ihnen bewusst, dass Ai Weiwei Chinas größter Star ist.

Es ist nicht das erste Haus, das Ai Weiwei gebaut hat. Eine ganze Zeit lang hat er sein Geld vor allem als Architekt verdient. Dann hatte er genug, "ich wollte mich wieder auf meine Kunst konzentrieren". Von seinem bekanntesten Entwurf, den er gemeinsam mit den Schweizer Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron entwickelt hat, hat er sich öffentlich distanziert: dem Stadion, das für die Olympischen Spiele 2008 gebaut wurde und das als "Vogelnest" berühmt wurde. Viel zu groß ist es ihm geworden. Mit dem Gigantismus seines Landes kann Ai Weiwei nichts anfangen. Sein Kommentar zu dem Projekt: Auf seinem Ateliergelände findet sich das "Vogelnest" nur als Aschenbecher auf dem Besuchertisch.

Ai Weiwei geht vor, zeigt den Besuchern die Büroräume, dort arbeitet sein Team. Hier wird auch die Ausstellung vorbereitet, die von Anfang April an im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen sein wird. Der Direktor des Museums, Gereon Sievernich, ist auch mit nach Peking gereist, um sich den Zwischenstand zeigen zu lassen.

Um die Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild © Ai Weiwei

Wohnen und Arbeiten sind auf dem Gelände kaum voneinander getrennt, in einer Ecke des Büros steht ein roter Heimtrainer, auf dem sich der Künstler fit hält, wie er erzählt. Dabei sieht er nicht unbedingt aus wie einer, der jeden Tag trainiert: Er wirkt kräftig, ein schwerer Mann, der seinen Körper in seiner Arbeit immer wieder zeigt; ein Felsen, der sich nicht aus dem Weg räumen lassen will. Die schwarzen Haare sind verstrubbelt, Chinesen kämmen ihr Haar in der Regel glatt. Er trägt einen Blaumann, die Hände sind meistens in den Taschen versenkt. Wir haben keinen gebrochenen Mann vor uns, sondern eine starke Persönlichkeit, die allen Widrigkeiten immer wieder mit Humor begegnet.

In einer anderen Ecke steht eine Pappfigur von Angela Merkel, Ai Weiwei hat sie aus Dankbarkeit für sich anfertigen lassen und in seinem Büro aufgestellt. Die Kanzlerin war eine der wenigen Stimmen der internationalen Politik, die heftig protestiert hat, als er vor drei Jahren verhaftet und monatelang eingesperrt wurde.