Beim Wettbewerb zwischen Siemens und Samsung spielt er eine Rolle. Bei der Bauernwallfahrt in Altötting ebenfalls. Und manche Mitarbeiter sprechen nur dann über ihn, wenn sie die Kabel von ihren Bürotelefonen ausgestöpselt haben – so sehr ist er bei ihnen ein Thema: Benoît Battistelli, 63 Jahre, seit 2010 Direktor des Europäischen Patentamtes (EPA) in München.

"Der schwarze Koloss", so nannten die Münchner anfangs jenen Bau, den die Architekten Gerkan, Marg und Partner zwischen 1975 und 1979 an das Westufer der Isar gepflanzt hatten. In der niedlich-kulissenhaften bayerischen Landeshauptstadt markiert das kühle Gebäude auch heute einen Kontrast zu den zwiebeligen Kirchtürmen, zu den feuerwehrroten Ziegeldächern, zum weiß-blauen Himmel.

Im zehnten Stock sitzt, ohne Ausblick nach Süden, auf Alp- und Zugspitze, wie ihn sonst Münchner Premiumimmobilien zu bieten haben, sondern mit dem Blick auf die puppenstubenhafte Innenstadt, Benoît Battistelli. Randlose Brille, glatt rasiert, eine Irgendwie-Krawatte zu einem Irgendwas-Hemd, eine Erscheinung, so korrekt, dass man sie schnell vergisst.

Auf dem Schreibtisch ein Globus, an der Wand ein Foto der Pariser Pont des Beaux-Arts und die Urkunde, die bestätigt, dass Battistelli dem Grand Conseil de l’Ordre des Compagnons du Beaujolais angehört. Welcher deutsche Behörden- oder Unternehmenschef würde die Zugehörigkeit zu einer Saufbruderschaft in seinem Büro dokumentiert wissen wollen? Aber hier sitzt ja auch ein Franzose.

Und so wie ein Franzose über Europa denkt, so wie ein Franzose ein Amt leitet, so wie ein Franzose auf so einen Posten gekommen ist und so wie ein Franzose über all das spricht – so denkt, handelt, spricht Battistelli. Er sagt über sein Amt: "Im Bereich der Patente sind wir die Stimme Europas. Und wir sind ein Element europäischer Soft Power. Und wir sind führend auf dem Gebiet der internationalen Harmonisierung." Europa als Mittel der globalen Bedeutungsmehrung oder -wahrung. Das ist spätestens seit Charles de Gaulle französische Staatsräson.

Seine Karriereweg ist typisch: erst Studium an Sciences Po, dem Institut d’Études Politiques. Dann die ENA, die École Nationale d’Administration. Aus den Kaderschmieden rekrutieren in aller Regel die Regierungen, egal ob sozialistisch oder bürgerlich, ihr Spitzenpersonal. Ebenso die großen Unternehmen, Ämter und Behörden.

Battistelli war Wirtschaftsattaché an verschiedenen Botschaften, Chefberater der Industrieministerin, Chef des nationalen Patentamtes in Paris – und seit Mitte 2010 ist er Chef des EPA in München. Außerdem ist er, typisch für einen französischen Spitzenfunktionär oder Politiker, stellvertretender Bürgermeister. Und zwar in Saint-Germain-en-Laye, der Geburtsstadt Ludwigs XIV., dem prächtigsten Vorort, den Paris zu bieten hat.

Der Sonnenkönig hat ein bisschen abgefärbt. Battistelli sei, das sagen Leute im Amt, die ihm wohlgesinnt sind, ein ziemlich zentralistischer Chef – "so wie das eben in Frankreich üblich ist". Die, die ihm nicht so wohlgesinnt sind, vergleichen seinen Führungsstil mit dem eines afrikanischen Diktators.