Auf der Autobahn 24, kurz hinter Wöbbelin, begegnet Johannes Clair dem Frieden. Er ist unterwegs von Hamburg nach Berlin, seit Stunden fällt Regen, Tropfen wandern die Scheiben entlang, und Clair setzt den Blinker, um einen Lastwagen zu überholen. Das Radio meldet Unruhen in der Ukraine, draußen lassen Windräder ihre Flügel kreisen, zieht nasses, sattes Land vorbei. Eben ist Wittenburg vom Display des Navigationsgeräts geglitten, jetzt verschwindet Hagenow. Nur Clairs Auto bleibt immer in der Bildmitte. Als sei es unverrückbar, unverwundbar.

Als Clair zum Laster aufgeschlossen hat, gibt er Gas. Die Tachonadel springt auf 160, auf dem Display macht sein Auto einen kleinen Satz. Drei Atemzüge lang sieht Clair dem fremden Wagen im Rückspiegel beim Schrumpfen zu. Dann ruft er mehr, als dass er sagt: "Ist schon ein Ding! Hier muss man keine Angst haben, dass es knallt."

Einhundert Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges und 75 Jahre nach Beginn des Zweiten sind in Deutschland wieder Geschichten über Kriegsheimkehrer zu erzählen. Vom Töten und vom Sterben. Vom Fortgehen und Wiederkommen. Vom Ringen um Selbstachtung und Anerkennung. Vom Glück, an einem Lastwagen vorbeizukommen. Vom Krieg im Frieden. Und von der Unsichtbarkeit all dessen.

Denn auf der Autobahn 24, kurz hinter Wöbbelin, ist ja nur ein schwarzer Ford zu sehen, am Lenkrad ein junger Jedermann in Kapuzenpulli, Jeans und Turnschuhen. Volles Haar und braune Augen. Der Stabsgefreite Clair, 28 Jahre alt, Fallschirmjäger, Präzisionsschütze, Heimkehrer aus Afghanistan.

Er selber nennt sich lieber "Veteran". Weil das die Menschen schreckt in einem Land, das seit Jahrzehnten nur den Frieden kennt. Dem es lange gelungen ist, das Leiden fernzuhalten – und sich fern von Leid.

Waren es nicht stets die Alten, die vom Krieg erzählten? Jetzt sind es die Jungen, die berichten. Die Frage ist, ob jemand sie hören will.

Johannes Clair, Jahrgang 1985. Tim Focken, Jahrgang 1984. Christian Haupt, Jahrgang 1987. Und "Muli", Jahrgang 1977, der seine Identität für sich behalten möchte.

Vier Soldaten, die in der Fallschirmjäger-Kaserne Seedorf, Niedersachsen, gemeinsam parieren, marschieren und schießen lernten. Vier junge Männer, die im Jahr 2010 nach Afghanistan aufbrachen und sich vorfreudig Kampf- und Kosenamen gaben: "Joe", "Timmy", "Jonny" und eben "Muli". Vier Kleinstadtkinder, die ohne klare politische Haltung loszogen, aber alle mit einer Überzeugung wiederkamen, wenn auch jeder mit einer anderen. Das Kämpfen führte sie zufällig zusammen und brachte sie später auseinander, weil jeder von ihnen andere Antworten auf zwei große Fragen fand: Was macht der Krieg aus einem Menschen? Und was macht der Mensch aus einem Krieg?

Einer ringt heute als Schriftsteller um Respekt. Einer will als Behindertensportler zu den Paralympics. Einer wirbt als Schauspieler für Frieden. Und einer zieht bald wieder in den Krieg.

Die Geschichte der vier, sie verdichtet sich dreieinhalb Jahre vor Clairs Autobahnfahrt nach Berlin, am Morgen des 31. Oktober 2010. Ganz zweifelsfrei rekonstruieren lässt sie sich nicht, weil Erzählungen von Kriegen stets voller Über- und Untertreibungen sind, oft vergiftet von Propaganda. Sicher ist aber: Soeben geht über Afghanistan die Sonne auf und flutet die Ebene von Char Darah mit Licht. Lehmfarbene Dörfer, schrundige Stoppelfelder, Bauern hinter Ochsenpflügen. Trockenes, ausgemergeltes Land. Auf "Höhe 432", einem etwa 20 Meter hohen Sandkegel, der schon Alexander dem Großen als Vorposten gedient haben soll, sammelt sich das Fallschirmjägerbataillon 313 der Bundeswehr.

Die Soldaten tragen Helme aus Kevlar und Splitterschutzwesten mit Keramikplatten, dazu Kampfanzüge in "Wüstentarn", den bleichen Farben des Weltkrisenherdes Mittlerer Osten. Witze werden gerissen, Zigaretten geraucht, Brillen geputzt. Zwischen Sandsäcken und Stacheldraht warten auch Johannes Clair, Christian Haupt und Muli, gepanzert wie Schildkröten. Dass Tim Focken an diesem Tag in ihren Reihen fehlt und, vollgepumpt mit Schmerzmitteln, nach Deutschland ausgeflogen wurde, versuchen die drei zu verdrängen. Sie sind bewaffnet mit dem Sturmgewehr G3, der Pistole P8 und dem Maschinengewehr MG4, dazu bepackt mit mehreren Tausend Schuss Munition. Sie ahnen nicht, dass das, was folgt, auf Wikipedia bald "die erste deutsche Offensive seit dem Zweiten Weltkrieg" heißen wird. Sie wissen nur: Char Darah, die Ebene zu ihren Füßen, ist in der Hand der Taliban. Feindesland.

Es ist sieben Uhr, als Christian Haupt noch einmal am Klappspaten an seinem Rucksack ruckelt, auch wenn die anderen ihn auslachen für seine Idee, so ein altmodisches Werkzeug mitzunehmen. Neben ihm steht Johannes Clair, der auf seinen Helm geschrieben hat: "We’ve come to kick some tail". Wir sind gekommen, um in ein paar Ärsche zu treten.

"Das mit dem Helm kann ich erklären", sagt Clair heute.

Die Recherche zu diesem Artikel begann im Winter mit Mails, Briefen und Telefonaten, auf die meist knappe oder gar keine Antworten folgten. Es brauchte ein wenig Zeit, um zu begreifen, dass schon darin eine Erkenntnis lag: Zwischen dem Land und seinen Soldaten herrscht Sprachlosigkeit. Nicht zufällig dieselbe, wie sie zwischen den sozialen Schichten existiert. Mit Hingabe debattieren Akademiker in diesen Wochen das genaue Maß der deutschen Kriegsschuld 1914 – aber eine militärische und menschliche Bilanz des Afghanistan-Einsatzes, der jetzt, 2014, nach dreizehn Jahren zu Ende geht und vor allem von Arbeiterkindern getragen wurde?

128.392 nach Afghanistan "entsandte Soldaten" sind bei der Bundeswehr verzeichnet. Das wäre eine Stadt, größer als Jena, Schwerin oder Koblenz. Doch wer versucht, aus dieser Menge einzelne Menschen zu gewinnen, landet meistens in Dörfern, wo die Telefonvorwahlen länger als die eigentlichen Nummern sind und die Vorbehalte gegenüber Medien- und Meinungsmenschen groß. Auch Clair, Focken, Haupt und Muli hatten gefragt: Was soll so eine Reportage bringen? Ist ein Artikel denkbar, der ohne Kurt Tucholskys Satz "Soldaten sind Mörder" auskommt? Ohne vorschnelles Zeigefingerfuchteln?

Man kann das – friedensverwöhnt – nicht versprechen, aber versuchen. Also wagten sich die vier aus der Deckung und erzählten, wie es kam, dass sie in dieses Bataillon und diesen Krieg gerieten und drei von ihnen schließlich auf "Höhe 432", an diesen point of no return.

Alle berichteten etwas anderes, dennoch ergaben ihre Geschichten ein Muster: Anfangs ging es keinem von ihnen um "die große Politik", wie sie es nennen. Johannes Clair war vier, als in Berlin die Mauer fiel. Christian Haupt war 14, als sich in New York Flugzeuge ins World Trade Center bohrten. Tim Focken war 17, als Gerhard Schröder den Amerikanern daraufhin "uneingeschränkte Solidarität" zusicherte. Politik war Schulstoff, Hintergrundrauschen während der Handwerkerlehre. Abstraktes Welttheater. Nichts, weshalb es sich zu kämpfen lohnte.

Es war einfach so: Einer hatte einen Tyrannen zum Vater. Einer fühlte sich von seinem Chef ausgebeutet. Einer stand am Abgrund zur Arbeitslosigkeit. Einer wurde ein paarmal zu oft gehänselt. Beim Militär fingen sie alle wieder bei null an. Jeder in der gleichen Uniform, jeder gleich viel wert.