Auf der Autobahn 24, kurz hinter Wöbbelin, begegnet Johannes Clair dem Frieden. Er ist unterwegs von Hamburg nach Berlin, seit Stunden fällt Regen, Tropfen wandern die Scheiben entlang, und Clair setzt den Blinker, um einen Lastwagen zu überholen. Das Radio meldet Unruhen in der Ukraine, draußen lassen Windräder ihre Flügel kreisen, zieht nasses, sattes Land vorbei. Eben ist Wittenburg vom Display des Navigationsgeräts geglitten, jetzt verschwindet Hagenow. Nur Clairs Auto bleibt immer in der Bildmitte. Als sei es unverrückbar, unverwundbar.

Als Clair zum Laster aufgeschlossen hat, gibt er Gas. Die Tachonadel springt auf 160, auf dem Display macht sein Auto einen kleinen Satz. Drei Atemzüge lang sieht Clair dem fremden Wagen im Rückspiegel beim Schrumpfen zu. Dann ruft er mehr, als dass er sagt: "Ist schon ein Ding! Hier muss man keine Angst haben, dass es knallt."

Einhundert Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges und 75 Jahre nach Beginn des Zweiten sind in Deutschland wieder Geschichten über Kriegsheimkehrer zu erzählen. Vom Töten und vom Sterben. Vom Fortgehen und Wiederkommen. Vom Ringen um Selbstachtung und Anerkennung. Vom Glück, an einem Lastwagen vorbeizukommen. Vom Krieg im Frieden. Und von der Unsichtbarkeit all dessen.

Denn auf der Autobahn 24, kurz hinter Wöbbelin, ist ja nur ein schwarzer Ford zu sehen, am Lenkrad ein junger Jedermann in Kapuzenpulli, Jeans und Turnschuhen. Volles Haar und braune Augen. Der Stabsgefreite Clair, 28 Jahre alt, Fallschirmjäger, Präzisionsschütze, Heimkehrer aus Afghanistan.

Er selber nennt sich lieber "Veteran". Weil das die Menschen schreckt in einem Land, das seit Jahrzehnten nur den Frieden kennt. Dem es lange gelungen ist, das Leiden fernzuhalten – und sich fern von Leid.

Waren es nicht stets die Alten, die vom Krieg erzählten? Jetzt sind es die Jungen, die berichten. Die Frage ist, ob jemand sie hören will.

Johannes Clair, Jahrgang 1985. Tim Focken, Jahrgang 1984. Christian Haupt, Jahrgang 1987. Und "Muli", Jahrgang 1977, der seine Identität für sich behalten möchte.

Vier Soldaten, die in der Fallschirmjäger-Kaserne Seedorf, Niedersachsen, gemeinsam parieren, marschieren und schießen lernten. Vier junge Männer, die im Jahr 2010 nach Afghanistan aufbrachen und sich vorfreudig Kampf- und Kosenamen gaben: "Joe", "Timmy", "Jonny" und eben "Muli". Vier Kleinstadtkinder, die ohne klare politische Haltung loszogen, aber alle mit einer Überzeugung wiederkamen, wenn auch jeder mit einer anderen. Das Kämpfen führte sie zufällig zusammen und brachte sie später auseinander, weil jeder von ihnen andere Antworten auf zwei große Fragen fand: Was macht der Krieg aus einem Menschen? Und was macht der Mensch aus einem Krieg?

Einer ringt heute als Schriftsteller um Respekt. Einer will als Behindertensportler zu den Paralympics. Einer wirbt als Schauspieler für Frieden. Und einer zieht bald wieder in den Krieg.

Die Geschichte der vier, sie verdichtet sich dreieinhalb Jahre vor Clairs Autobahnfahrt nach Berlin, am Morgen des 31. Oktober 2010. Ganz zweifelsfrei rekonstruieren lässt sie sich nicht, weil Erzählungen von Kriegen stets voller Über- und Untertreibungen sind, oft vergiftet von Propaganda. Sicher ist aber: Soeben geht über Afghanistan die Sonne auf und flutet die Ebene von Char Darah mit Licht. Lehmfarbene Dörfer, schrundige Stoppelfelder, Bauern hinter Ochsenpflügen. Trockenes, ausgemergeltes Land. Auf "Höhe 432", einem etwa 20 Meter hohen Sandkegel, der schon Alexander dem Großen als Vorposten gedient haben soll, sammelt sich das Fallschirmjägerbataillon 313 der Bundeswehr.

Die Soldaten tragen Helme aus Kevlar und Splitterschutzwesten mit Keramikplatten, dazu Kampfanzüge in "Wüstentarn", den bleichen Farben des Weltkrisenherdes Mittlerer Osten. Witze werden gerissen, Zigaretten geraucht, Brillen geputzt. Zwischen Sandsäcken und Stacheldraht warten auch Johannes Clair, Christian Haupt und Muli, gepanzert wie Schildkröten. Dass Tim Focken an diesem Tag in ihren Reihen fehlt und, vollgepumpt mit Schmerzmitteln, nach Deutschland ausgeflogen wurde, versuchen die drei zu verdrängen. Sie sind bewaffnet mit dem Sturmgewehr G3, der Pistole P8 und dem Maschinengewehr MG4, dazu bepackt mit mehreren Tausend Schuss Munition. Sie ahnen nicht, dass das, was folgt, auf Wikipedia bald "die erste deutsche Offensive seit dem Zweiten Weltkrieg" heißen wird. Sie wissen nur: Char Darah, die Ebene zu ihren Füßen, ist in der Hand der Taliban. Feindesland.

Es ist sieben Uhr, als Christian Haupt noch einmal am Klappspaten an seinem Rucksack ruckelt, auch wenn die anderen ihn auslachen für seine Idee, so ein altmodisches Werkzeug mitzunehmen. Neben ihm steht Johannes Clair, der auf seinen Helm geschrieben hat: "We’ve come to kick some tail". Wir sind gekommen, um in ein paar Ärsche zu treten.

"Das mit dem Helm kann ich erklären", sagt Clair heute.

Die Recherche zu diesem Artikel begann im Winter mit Mails, Briefen und Telefonaten, auf die meist knappe oder gar keine Antworten folgten. Es brauchte ein wenig Zeit, um zu begreifen, dass schon darin eine Erkenntnis lag: Zwischen dem Land und seinen Soldaten herrscht Sprachlosigkeit. Nicht zufällig dieselbe, wie sie zwischen den sozialen Schichten existiert. Mit Hingabe debattieren Akademiker in diesen Wochen das genaue Maß der deutschen Kriegsschuld 1914 – aber eine militärische und menschliche Bilanz des Afghanistan-Einsatzes, der jetzt, 2014, nach dreizehn Jahren zu Ende geht und vor allem von Arbeiterkindern getragen wurde?

128.392 nach Afghanistan "entsandte Soldaten" sind bei der Bundeswehr verzeichnet. Das wäre eine Stadt, größer als Jena, Schwerin oder Koblenz. Doch wer versucht, aus dieser Menge einzelne Menschen zu gewinnen, landet meistens in Dörfern, wo die Telefonvorwahlen länger als die eigentlichen Nummern sind und die Vorbehalte gegenüber Medien- und Meinungsmenschen groß. Auch Clair, Focken, Haupt und Muli hatten gefragt: Was soll so eine Reportage bringen? Ist ein Artikel denkbar, der ohne Kurt Tucholskys Satz "Soldaten sind Mörder" auskommt? Ohne vorschnelles Zeigefingerfuchteln?

Man kann das – friedensverwöhnt – nicht versprechen, aber versuchen. Also wagten sich die vier aus der Deckung und erzählten, wie es kam, dass sie in dieses Bataillon und diesen Krieg gerieten und drei von ihnen schließlich auf "Höhe 432", an diesen point of no return.

Alle berichteten etwas anderes, dennoch ergaben ihre Geschichten ein Muster: Anfangs ging es keinem von ihnen um "die große Politik", wie sie es nennen. Johannes Clair war vier, als in Berlin die Mauer fiel. Christian Haupt war 14, als sich in New York Flugzeuge ins World Trade Center bohrten. Tim Focken war 17, als Gerhard Schröder den Amerikanern daraufhin "uneingeschränkte Solidarität" zusicherte. Politik war Schulstoff, Hintergrundrauschen während der Handwerkerlehre. Abstraktes Welttheater. Nichts, weshalb es sich zu kämpfen lohnte.

Es war einfach so: Einer hatte einen Tyrannen zum Vater. Einer fühlte sich von seinem Chef ausgebeutet. Einer stand am Abgrund zur Arbeitslosigkeit. Einer wurde ein paarmal zu oft gehänselt. Beim Militär fingen sie alle wieder bei null an. Jeder in der gleichen Uniform, jeder gleich viel wert.

Eine Notunterkunft, bis die Psyche des Hilfesuchenden wieder alltagstauglich ist

"Das war, als würde man einen Reset-Knopf drücken", sagt Christian Haupt. "Ich habe mein ganzes Selbstbewusstsein aus dem Militär bezogen."

Er war 23 damals, Hauptschüler, geboren in Eggesin am Stettiner Haff, kurz vor Polen. Heute verbringt er jede freie Minute an einer Schauspielschule bei Bonn und spricht in bildreichen Sätzen – doch das ist ein Vorgriff, denn Haupt steht ja gerade mit seinem Klappspaten auf "Höhe 432", zwischen Clair und Muli. Ihre Lebenslinien schneiden sich in einem Augenblick mit dem Weltgeschehen, als der Afghanistan-Einsatz keine "Friedensmission" mehr ist.

Im Oktober 2010 kontrolliert die Bundeswehr nur noch ein paar Quadratkilometer rund um ihr Feldlager in Kundus. Das Lager liegt auf einem Plateau östlich der Char-Darah-Ebene, die "Höhe 432" westlich. Die beiden Punkte trennen knapp zehn Kilometer, dazwischen wartet der Tod: Heckenschützen, Straßenbomben, Selbstmordattentäter. Ein Jahr zuvor hat der Bundeswehroberst Georg Klein dort zwei entführte Tanklaster bombardieren lassen, weil er fürchtete, sie würden als rollende Bomben zurückkommen. Mindestens 91 Menschen starben, viele davon Zivilisten. Jetzt zeigt die "Feindlage"-Karte der Region riesige rote Flecken, No-go-Areas, die ineinanderfließen. Innerhalb eines Jahres zählte die Bundeswehr in ihrem Einsatzgebiet 558 "Sprengsatzzwischenfälle": ein bis zwei Bomben pro Tag, versteckt in Lastwagen, Müllsäcken und Tierkadavern. Erst vor wenigen Tagen war ein 26-jähriger Oberfeldwebel aus seinem Wagen geklettert, um einem vermeintlich verletzten Einheimischen am Straßenrand zu helfen. Da sprengte sich der Mann in die Luft.

Die Deutschen, hieß es immer, waren aufgebrochen, um Brunnen zu bohren und Schulen zu bauen. Jetzt wurden sie beschossen.

War es das wert? Wäre es besser, die Welt sich selbst zu überlassen? Oder müssten die Deutschen kriegerischer werden, um Frieden zu schaffen?

In ein paar Ärsche treten, wie Clair es nennt?

Als die Soldaten von "Höhe 432" hinabsteigen, hat in ihrer Heimat niemand Interesse an einer solchen Debatte. Der Streit um einen Bahnhof in Stuttgart ist gerade spannender.

Am Fuß des Hügels sammeln sich 390 Mann, Afghanen, Belgier, Deutsche. Ihr Auftrag: ein lang gezogenes, von Taliban kontrolliertes Dorf zu besetzen – Quatliam. Dort sollen sie aus großen Sandsäcken einen combat outpost errichten, einen Außenposten, um von da aus die Ebene zu überwachen.

Auf den abgeernteten Feldern sind die Soldaten weithin sichtbar. Jeder trägt zwei Morphinspritzen in der linken Oberschenkeltasche. In Deutschland hatten die Ausbilder ihnen geraten, ein Testament zu schreiben. Jetzt hält jeder acht Schritte Abstand zum Vordermann. Damit bei einer Explosion nicht zu viele sterben.

Kurz vor Berlin, bei Birkenwerder, fährt Johannes Clair von der Autobahn ab. Er hat in den letzten Jahren so manchen Lastwagen überholt und auch sonst viel getan, um sich im Frieden einzurichten, aber seine Hauptbeschäftigung ist der Krieg geblieben. Er hat ein 400 Seiten dickes Buch über den Kampf um Quatliam geschrieben, das Vier Tage im November heißt und sich mehr als 25.000-mal verkaufte, allerdings fast nur unter Soldaten. Das Buch schaffte es auf die Spiegel-Bestsellerliste, bekam aber keine einzige Besprechung in einer großen Zeitung.

"Dafür habe ich 125 Kundenrezensionen auf Amazon", sagt Clair. Oft spricht er lauter als nötig. Vielleicht weil er als Kind mit fünf Geschwistern um die Zuwendung der Eltern rang. Vielleicht weil er heute gerne mehr Aufmerksamkeit hätte.

Seit einigen Monaten ist Clair zweiter Vorsitzender des Bundes Deutscher Veteranen, einer Art Gewerkschaft der neuen Kriegsheimkehrer. In dessen Auftrag ist er unterwegs, biegt in Berlin-Frohnau in eine Seitenstraße und fährt durch einen Birkenwald, bis dunkelrote Backsteinhäuser auftauchen: eine Invalidensiedlung, ins Leben gerufen von Preußenkönigen, die Unterkünfte schaffen mussten für ihre Kriegsversehrten. Beschirmt von Baumkronen, reihen sich 51 Häuser aneinander, in denen heute Behinderte aus den Nachkriegsgenerationen leben.

Nur nicht in Haus 36. Dort hat der Veteranen-Bund eine Wohnung gemietet. Für die Kriegszitterer von heute.

Im vorigen Jahr, sagt Clair, haben an die 30 Soldaten hier Unterschlupf gefunden. Männer, die nach ihrer Rückkehr nicht ins zivile Leben zurückfinden. Die mit ihren Frauen nicht mehr klarkommen. Die keinen Sinn mehr sehen in Rasenmähen, Elternabenden und Baumarktbesuchen. "Wir sammeln streunende Katzen ein", sagt Clair.

Er steigt eine knarzende Treppe hinauf in den ersten Stock. Clair will nach dem Rechten sehen und lüften, später hat er noch eine Verbandssitzung in der Stadt. Er schließt die Tür auf. Helles Parkett, weiße Möbel. Drei Zimmer, zwei Betten, Sofa, Tisch. Im Bad liegen Waschpulver, Duschgel und Klopapier bereit. In der Küche Pfefferminztee und Ketchup, Kekse und Honig. Im Kühlschrank ein Sixpack Bier.

Die Wohnung dient als Notunterkunft für ein paar Tage oder Wochen. Bis die Psyche des Hilfesuchenden wieder alltagstauglich ist. Oder ein Therapeut gefunden.

Der Alte rief: "Gegen das, was ich erlebt hab, ist euer Krieg ’n Scheiß!"

Keine Reportage über die Kriege der Neuzeit kommt ohne die Erwähnung von PTBS aus, "posttraumatische Belastungsstörung", nicht enden wollender Stress nach Situationen größter Angst. In den USA ist PTBS seit dem Vietnamkrieg bekannt, ein Viertel aller Obdachlosen dort sind Veteranen. Die Universität Dresden hat eine Studie veröffentlicht, der zufolge zwei Prozent aller in Afghanistan eingesetzten Bundeswehrsoldaten ein Jahr nach ihrer Rückkehr PTBS-Symptome zeigen. Zwei Prozent sind nicht viel. Bei 128.392 Rückkehrern aber auch nicht wenig.

Auf dem Balkon steht ein Aschenbecher, randvoll mit Kippen.

Unten auf der Straße treffen heute hin und wieder alte Männer mit Krückstock auf junge Männer mit Facebook-Profil und Boygroup-Gesicht, denen keine Behinderung anzusehen ist. Im vorigen Sommer lebte Rudolf noch, der letzte Weltkriegsveteran. Mit seinem Rollstuhl holperte er oft an Haus 36 vorbei und rief: "Gegen das, was ich erlebt hab, ist euer Krieg ’n Scheiß!"

Am 31. Oktober 2010 versuchen die Soldaten, möglichst schnell voranzukommen. Äcker, Wege, die ersten Lehmhäuser. In den Fenstern Dorfbewohner, stumm, aus den Gesichtern nichts zu lesen. Quatliam, so haben es Spione der Bundeswehr gesagt, sei ein politisch gemäßigtes Dorf, gegen seinen Willen von den Taliban unterworfen. Jetzt hangeln sich die Deutschen mit knappen Befehlen von Hof zu Hof: "Move!", "Break left!", "Contact front!". Die Amtssprache der internationalen Gemeinschaft ist Englisch, auch in ihren modernen Kriegen, in denen sich alle paar Schritte ein neuer Gewissenskonflikt auftut: Was macht das Kind da vorne? Ist der Müllsack im Straßengraben wirklich ein Müllsack? Wem hat der Bärtige dort eben gewinkt?

Mit ihren Gewehren im Anschlag sind Clair, Haupt und Muli mächtig und ohnmächtig zugleich: Ein Zucken mit dem Finger kann einen Angreifer abwehren oder einen Unschuldigen töten. Es ist alles anders als in den Kriegsfilmen, die sie gesehen haben. Es gibt keinen warnenden Klangteppich, keine Ankündigung eines Unglücks. In dieser Ungewissheit sollen sie politisch korrekte Soldaten bleiben, Kämpfer und Beschützer zugleich, falls das möglich ist. Und bestenfalls keinen Schuss abgeben.

Quatliam, das ist die Strategie, soll nach der Einnahme ans Stromnetz angeschlossen werden. Elektrizität ist in Afghanistan wie eine Währung, als Gegenleistung gibt es Gefolgschaft. Deshalb hat die afghanische Armee den Vorstoß "Operation Halmazag" genannt. Halmazag ist Dari und heißt Blitz. Die Afghanen kennen die deutsche Geschichte nicht. Und die Deutschen waren zu höflich, sie zu korrigieren.

Clair, Haupt und Muli erinnern sich, dass sie zügig durch Quatliam gekommen sind. Zweimal müssen sie eine dumpfe Detonation gehört haben, weil in ihrem Rücken erst ein Minenräumer, dann ein Panzer auf eine Straßenbombe fuhr. Gegen Mittag stehen sie mit etwa 40 Mann im Süden des Ortes, inmitten junger Bäume. Dann kracht es und hört nicht mehr auf, ein helles Tak-tak-tak-tak-tak, von allen Seiten. "Kalaschnikows!", schreit Clair. Über den Köpfen der Soldaten platzt Rinde von den Bäumen. Sie werfen sich in einen ausgetrockneten Bewässerungsgraben und reißen ihre Gewehre hoch.

Das Weltgeschehen spiegelt sich auch in Paralympics-Kadern wider

Der perfekte Schuss? "Man muss seinen Körper ruhig stellen", sagt Tim Focken, "und am besten dreimal flach atmen. Beim dritten Mal dann nur noch 80 Prozent der Luft rauslassen, auslösen, dann die restlichen 20 Prozent ausatmen."

So schießt Tim Focken, und ein kleines Projektil, Kaliber 4,5, verlässt im Schießsportzentrum Suhl den Lauf eines 3.000 Euro teuren Pressluftgewehres, rast zehn Meter durch eine mit regelkonformen 1.500 Lux ausgeleuchtete Halle und schlägt exakt in der Mitte einer bierdeckelgroßen Schießscheibe ein. Es ist ein Tag im Frühjahr 2014, Focken sitzt auf einem Stuhl, sein Gewehr ruht auf einem Stativ, sein linker Arm hängt steif herab. Focken ist schmächtig. In seinem glatten Gesicht ist noch das Kind zu erkennen, das er einmal war. Er trägt eine enge Schießjacke aus Leder, die seinem Körper Halt gibt wie ein Korsett. Die Jacke ist in Schwarz-Rot-Gold gehalten, auf den Rücken sind drei Buchstaben genäht: GER, für Germany.

Links und rechts von Focken sitzen Kleinwüchsige und Spastiker. Hinter Focken steht der Bundestrainer der deutschen Paralympics-Schützen und lächelt. "Der Tim weiß, wie schießen geht", flüstert er. "Dem muss ich bei einem Gewehr nicht erst das gefährliche Ende zeigen."

Zwei Wochen vor der Operation Halmazag war Focken in den Dörfern der Char-Darah-Ebene unterwegs, um "Raumverantwortung" zu zeigen, wie es bei der Bundeswehr heißt. Seine Patrouille geriet in einen Hinterhalt, ein Heckenschütze schoss ihm in die Schulter. Die Kugel war eher da als der Knall, Focken begriff nicht, was geschah. Er sackte weg, spürte Sand zwischen den Zähnen, dann kam die Schmerzexplosion. Die erste Morphinspritze zerbrach den Sanitätern vor Aufregung. Sie zogen Focken in ein Haus, das von Explosionen erzitterte. Unter wildem Beschuss wurde Focken von einem amerikanischen Hubschrauber ausgeflogen. 17 Stunden später lag er im Bundeswehrkrankenhaus Koblenz. Er versuchte, sich über seine Rettung zu freuen, aber ihn quälte das Gefühl, die anderen "im Stich gelassen" zu haben.

Heute hat Focken zwei Metallplatten und 16 Schrauben in seiner linken Schulter, die Muskeln und Nerven im Oberarm sind tot. "Komplette Oberarmplexus-Schädigung", sagt Focken mit Sarkasmus in der Stimme.

Sechs Monate bevor Focken in den Einsatz gezogen war, hatte seine Frau ein Kind bekommen. Als er zurückkam, erkannte der Sohn den Vater nicht wieder. Und dem Vater fiel es schwer, den Sohn auf den Arm zu nehmen.

Schon eine Glühbirne zu wechseln ist schwierig.

Mehr möchte Focken zu seinem Arm nicht sagen. Ein Interview, dessen Fragen ihm zu nahe kommen, schwebt stets am Rande des Abbruchs. Er will nicht mehr von Schützengräben in Afghanistan reden, sondern über "Gold in Rio". Tim Focken, so ist der Plan, soll der erste deutsche Kriegsverwundete sein, der bei Paralympischen Spielen antritt. 2016 in Rio de Janeiro. Im Schießen, Disziplin R5 liegend, Klasse SH2 – "funktionelle Einschränkung Oberkörper". Das Weltgeschehen, es spiegelt sich auch in Paralympics-Kadern wider: Zur Generation der Contergankinder und Straßenverkehrsopfer kommen jetzt die neuen Kriegsversehrten.

Die Beamten im Bundesverteidigungsministerium haben ein paar Jahre gebraucht, um zu erkennen, dass Soldaten, die sie in den Einsatz schicken, nicht unverändert wiederkommen. Noch länger hat es gedauert, bis sie begriffen, dass sie eine Fürsorgepflicht für die Verwundeten besitzen. Jetzt gibt es eine Gruppe "einsatzgeschädigter Soldaten mit leistungssportlichen Ambitionen". Sie ist ein Prestigeprojekt und Focken der Vorzeigeathlet.

Nach der Reha fuhr er mit dem Rennrad nach L’Alpe d’Huez hinauf, eine Tour-de-France-Etappe von 170 Kilometern. Er schwamm mit angelegtem Arm, bis er sich fast erbrechen musste. Bei der ersten Europameisterschaft für Kriegsversehrte im vorigen Sommer rannte er über 100 und 200 Meter zu Gold.

Warum er jetzt ausgerechnet wieder schießt?

Focken hasst die Frage so sehr wie Mitleid.

Er wird dieses Jahr 30. Als Leichtathlet bliebe ihm nicht viel Zeit, sagt er. "Außerdem habe ich zwei Sachen gelernt in meinem Leben: Zimmermann und Schießen."

Die Taliban schießen fast beamtisch: Sobald der Muezzin ruft, hören sie auf

Im kleinen Wald von Quatliam regnet es abgeschossene Äste. Die Soldaten können ihre Gegner anfangs nicht sehen, ein Drohnenpilot meldet über Funk, dass sie mit Gewehren, Panzerfäusten und Granatwerfern aus Erdlöchern und verlassenen Gehöften schießen. Christian Haupt meint sich zu erinnern, dass die Angriffe meist aus dem Gegenlicht kamen, sie schienen mit der Sonne zu wandern. Aus den zerfetzten Zweigen basteln die Deutschen sich Tarnfächer, die sie auf den Kamm ihres Grabens stellen. Deckung, durch die sie die Läufe ihrer Gewehre schieben. Was jetzt passiert, beschreibt Johannes Clair in seinem Buch wie eine Krimiszene: "Durch das Zielfernrohr erkannte ich einen Schatten. War es ein Kopf? Da, er bewegte sich. Ich atmete langsam ein und aus. Mein Herzschlag beruhigte sich. Ich suchte mit dem Finger den Abzug. Der Schatten befand sich genau in meinem Fadenkreuz."

Dann drückt er ab.

Die Deutschen hatten gehofft, ihr Einmarsch in Quatliam werde nur Stunden dauern, jetzt stecken sie in Grabenkämpfen fest. Töten oder getötet werden. Bei einigen Soldaten färbt sich im Schritt die Hose dunkel. Schüsse wechseln mit Stille, Stille wechselt mit Schüssen. Manchmal bleibt Zeit, sich zuzuflüstern: "Das ist ja wie Erster Weltkrieg."

Die Soldaten haben nur wenig Wasser dabei. Sie teilen sich trockene Kekse. Wenn der Druck im Darm zu stark wird, kriechen sie einige Meter zurück in den Wald. Dort bildet sich eine Reihe kleiner, weicher Haufen.

In den Talkshows geht es öfter um Pannenflughäfen als um Afghanistan

Die Taliban, fällt den Deutschen irgendwann auf, schießen beinahe beamtisch: Sobald in einer der umliegenden Moscheen ein Muezzin ruft, hören sie auf. Auch nachts feuern sie nicht. Doch am nächsten Morgen hagelt es wieder Mörsergranaten auf die Baustelle des combat outpost, prasseln wieder Schüsse in die Bäume. Am Abend des zweiten oder dritten Tages, da widersprechen sich die Erinnerungen, haben die Deutschen ihre Munition verschossen, bis auf den "Sperrbestand", die eiserne Reserve. Christian Haupt klappt seinen Spaten auf und gräbt ein Loch.

"So", ruft Johannes Clair in den Saal, "heute wird es um die Sicht des einfachen Soldaten draußen aus der Schlammzone gehen!"

Clair steht in der Sparkassen-Filiale von Scheeßel, einem kleinen Ort zwischen Hamburg und Bremen. Er ist hier aufgewachsen. Der örtliche Männertreff hat ihn eingeladen, ein Verein für Männer ab 50, die gemeinsam wandern, Rad fahren und sich Vorträge zu Themen wie "Patientenverfügungen" oder "Prostataprobleme" anhören. An die 80 Zuhörer sind gekommen, Grauhaarige und Glatzköpfe, viele Schnauzbartträger – Nachkriegskinder. Vorne, im Lichtkegel eines Beamers, Clair, der ihr Sohn sein könnte und erzählt: "Wir haben ein Land, das doppelt so groß ist wie Deutschland ... 49 Sprachen ... 90 Prozent der Landesfläche höher als 600 Meter ... keine Eisenbahn, kaum asphaltierte Straßen ... voneinander isolierte, verfeindete Ethnien."

Eine Stunde lang berichtet Clair aus seiner Schlammzone, von "Sandsackstellungen" und Gefechten mit "Aufständischen". Er reicht den Splitter einer Granate herum und eine Keramikplatte seiner Schutzweste, die stumm befühlt, gewogen und weitergegeben wird. Die Alten schauen und schweigen, als rede da vorne ein Tiefseetaucher, der ein paar Muscheln mitgebracht hat.

"Vielleicht kommt ja noch die eine oder andere Frage von Ihnen", sagt Clair.

Stille.

"Ja, wie gesagt", sagt Clair.

Schweigen.

Dann meldet sich ein Mann mit Baskenmütze und sagt, er finde das Wort "Aufständische" unangemessen. Für ihn seien die Taliban "Widerstandskämpfer gegen die Invasoren des Westens".

"Das können Sie so sehen", sagt Clair. "Die Aufständischen glauben ja genauso an das, was sie tun, wie ich an das glaube, was ich tue." Bloß habe er nie zuerst geschossen, keinen Selbstmordattentäter losgeschickt und kein Kind als Schutzschild missbraucht.

Dies ist der Augenblick, in dem eine Diskussion beginnen könnte über das Für und Wider der neuen Kriege. Aber als Clair geantwortet hat, verfällt das Publikum wieder in Schweigen, Salzstangen kauend.

Clair muss die Debatte mit sich selber führen: Hat seine Anwesenheit in Afghanistan die Lage beruhigt oder verschärft? Ist jeder deutsche Soldat im Ausland einer zu viel – oder waren sie in Kundus eher zu wenige?

Zur Hälfte seines Buches fragt Clair: "Was brachte es, in einem Dorf einen Brunnen zu bauen, wenn wir damit gleichzeitig ein anderes Dorf erzürnten, weil es mit dem ersten Dorf verfeindet war. Welchen Sinn ergab es, eine Mädchenschule zu eröffnen, wenn sie nach kurzer Zeit wieder schließen musste, weil wir sie nicht ständig schützen konnten."

Es ist seltsam: Wenn der Bundespräsident fordert, Deutschland solle sich in der Welt "entschiedener" und "substanzieller" einbringen, bekommt er kaum Zuspruch – aber auch kaum Widerspruch. Im deutschen Fernsehen läuft jeden Abend irgendeine Talkshow, aber da geht es öfter um Pannenflughäfen und bischöfliche Protzbauten als um Afghanistan. Nie gab es so viel Anschauungsmaterial wie von diesem Krieg, die Soldaten filmen mit Handys und Helmkameras, laden ihre Bilder auf YouTube hoch – und doch bleibt ihr Einsatz entrückt.

Weil die Soldaten freiwillig aufgebrochen sind?

In Deutschland sind Kriege mit Schuld und Scham verbunden. Die Stille von Scheeßel aber hat für den Hamburger Historiker Klaus Naumann noch einen anderen Grund. In dem Buch Operation Heimkehr bezeichnet er Soldaten wie Clair als "Heimkehrer in eine Friedensgesellschaft" – eine komplizierte Konstellation. Während Kriege früher oft die Mitte der deutschen Gesellschaft erreicht, Städte zerstört und Zivilisten getötet hätten, fänden sie heute "weitab unserer Alltagswelt" statt. "Die Risikogemeinschaft von Soldaten und Zivilbevölkerung gehört der Vergangenheit an", schreibt Naumann. Der Bürger interessiert sich nicht, die Politik informiert ihn nicht. Das sei bequem, aber unehrlich: So komme es nicht mehr zu einer "Verständigung über Sinn und Unsinn, Legitimität und Problematik kriegerischer Gewalt".

Wenn Tim Focken gefragt wird, was mit seinem Arm ist, antwortet er inzwischen: "Motorradunfall."

Der Letzte aus Clairs Familie, der in einen Krieg zog, war sein Urgroßvater, vermisst in Stalingrad. Einmal bekam Clair in Afghanistan Post von seiner Großmutter, da stand: "Lieber Johannes, meinen letzten Feldpostbrief habe ich 1943 geschrieben, das war in der 4. Klasse. Kannst Du Dir das vorstellen?" Sein Vater, ein Sozialpädagoge und Pazifist, schrieb nicht.

Auf dem Weg nach Scheeßel hat sich Clair zig Argumente zurechtgelegt: "Ich finde Idealisten toll, die sagen: Krieg ist scheiße. Ich finde Krieg auch scheiße! Aber leider leben auf der Welt nicht nur Pazifisten. Es gibt auch ein paar Böse." Er hätte in der Sparkasse auch gern gesagt, dass er alle verstehe, die gegen Auslandseinsätze seien – dass die dann aber auch bitte dementsprechend wählen sollten.

Doch Clair wird seine Argumente nicht los. Als er sich noch einmal erkundigt, ob es noch Fragen gebe, ziehen seine Zuhörer schon die Jacken an.

In den Gräben um Quatliam gibt es am dritten Tag kein Vor und kein Zurück. Die Taliban schießen, treffen aber nicht. Liegt es an der guten Deckung der Deutschen? Oder sind die Taliban besser darin, Bomben zu bauen aus Dünger und Metallschrott, als mit Schnellfeuergewehren einen Kopf zu treffen, der sich für einen Sekundenbruchteil aus dem Graben hebt?

Aus ihren Stellungen sehen die Soldaten immer öfter Hubschrauber und Kampfjets am Himmel kreisen. Aus dem Feldlager Kundus schießt eine Panzerhaubitze, ein Kreischen kündigt ihre Raketen an. Die Stellungen der Taliban gehen in Feuer auf. Die Deutschen – jubeln.

"Wir haben gelacht, wie irre gelacht", sagt Christian Haupt.

Haupt sitzt neben einer kalkweißen Theaterbühne der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter, einer kleinen Gemeinde westlich von Bonn. Große Fenster geben den Blick ins Rheintal frei, auf das ehemalige Regierungsviertel und den Petersberg. Es ist die Kulisse der alten Bundesrepublik, vor der Haupt sein neues Leben aufführt, mit dabei ist seine Freundin Swetlana, geboren in Kasachstan, sehr blond und sehr quirlig. Eine Schauspielschülerin, die viel lacht und oft "Verdammte Axt!" sagt.

Als er nach Afghanistan abkommandiert wurde, war sie nur eine Bekannte und rief ihm hinterher: "Verdammte Axt, Christian! Du bist doch kein Hund! Du machst doch nicht Sitz, Platz, Fass!" Doch er ging, als kräftig gebauter Mann mit 78 Kilogramm Gewicht. Als er zurückkam, wog er nur noch 64 Kilo und stand vor ihr wie ein Gespenst.

Sie nahm ihn dann öfter mit hinauf auf den Berg über Bonn, in diese Hochschule mit anthroposophischer Ausrichtung, die in Fachbereiche wie "Bildhauerei", "Schauspiel" und "Eurythmie" untergliedert ist und unterstützt wird von Firmen wie der Drogeriekette dm und dem Naturkosmetik-Hersteller Weleda. Die Studenten spielen hier Peter Pan und Die Welle. Am Schwarzen Brett vor der Kantine hängen bunte Flugblätter: "Bundesweiter Literaturwettbewerb für AutorInnen mit Migrationshintergrund", "Klavier zu verkaufen", "Zertifikatskurs Anthroposophie".

"Krass, was?", sagt Haupt. "Hier sind die Uncoolen cool."

Von Muli, dem "Einsatzjunkie", reden sie voller Respekt und Ratlosigkeit

Mit seiner Freundin und einem Kommilitonen hat Haupt ein eigenes Stück geschrieben, es heißt Kopf oder Zahl, eine Aufführung ist auf Video festgehalten: Verschüttet von Chipstüten, Zigarettenschachteln und anderem Zivilisationsmüll, sitzen die drei auf einem Sofa und versuchen einen klaren Gedanken zu fassen über den Lauf der Welt, über die Macht des Militärs, der Politik, der Wirtschaft und ihren eigenen Einfluss als Konsumenten – aber es gelingt ihnen nicht, weil sie sich andauernd ablenken lassen von Handybotschaften und Werbespots.

Das Stück wird getragen von der Wut auf den Wohlstandsbürger, von der Kompromisslosigkeit der Jugend, die Haupt gerade nachzuholen scheint. Manchmal wirkt er, als sehe er sich in seiner neuen Rolle verblüfft selbst zu. Viele Sätze beginnt er mit den Worten: "Ich bin ja kein Hippie, aber ..."

"... nur der Mensch mordet. Keine Maus würde eine Mausefalle bauen."

"... wem Gewalt widerfährt, der trägt sie in sich."

"... wenn jemand zum Militär will, rede ich so lange mit ihm, bis er seine Meinung geändert hat."

Die lebenslange Kameradschaft unter Waffenbrüdern blieb ein Klischee

Christian Haupt ist heute der Ansicht, dass es in Afghanistan nie darum ging, Brunnen zu bohren, sondern immer um einen "Pakt" des Westens, der keinen Boden gegenüber Russland und China verlieren will. Anders als Clair möchte er nicht Veteran genannt werden: "Das steht für eine militärische Leistung und ist wieder ein Heißmachen." Die Geschichte seines Einsatzes erzählt Haupt als Geschichte eines Irrtums. Eines Irrtums, der ihn zu dem gemacht hat, der er heute ist. Alle halbe Stunde geht er mit Swetlana in den weinberankten Innenhof der Schule, da rauchen die beiden, reden und lachen. Sie laut und heiser, er leise und etwas verzögert. Swetlana ist hier nicht nur seine Freundin, sie ist auch seine Lehrerin.

"Am Anfang stand Christian starr vor Angst auf der Bühne. Er hat lieber Kulissen rumgeschoben, statt Theater zu spielen", sagt sie.

"Ich hatte als Soldat ja gelernt, meine Emotionen für mich zu behalten, sie nicht rauszulassen", sagt er.

"Und das Interessante war: Das erste Gefühl, das er zugelassen hat, war Aggression", sagt sie.

"Ich glaube, ich bin prädestiniert für Psychopathenrollen", sagt er.

In der Char-Darah-Ebene endet der Kampf um Quatliam so abrupt, wie er begonnen hat. Am 3. November 2010 erschießen afghanische Polizisten zwei bärtige Männer, die versuchen, unter Burkas aus dem Kampfgebiet zu entkommen. 200 bis 300 Taliban-Kämpfer fliehen über eine Furt im Kundus-Fluss. Am nächsten Morgen bleibt es still. Als die ersten deutschen Soldaten einige Tage später abzogen, sagt Clair, hätten die Einwohner von Quatliam ihnen dankend zugewinkt, Männer, Frauen und Kinder. "Niemals wieder habe ich eine schönere Geste erlebt."

An den Abzug aus Quatliam erinnern die Soldaten sich unterschiedlich stark. Von den Tagen im November kam jeder mit anderen Erinnerungen und Schlussfolgerungen nach Hause. Jeder der vier ist den anderen dreien mittlerweile ein Rätsel, was zu Muli führt, dem Ältesten der Gruppe. Ein Migrantenkind, geboren in der DDR, dunkles Haar, im Einsatz kurz geschoren. Die anderen reden von ihm in einer Mischung aus Respekt und Ratlosigkeit. Denn er hat nach der Operation Halmazag einfach weitergemacht. Immer wieder zieht er los.

Es ist kein Zufall, dass er hier keinen Namen hat und kein Gesicht. Er will sich schützen vor den Urteilen der "Friedensgesellschaft". Fragen nimmt er nur per Mail entgegen. Seine Antworten liefert der Pressestab des Verteidigungsministeriums.

Anders als viele Soldaten, die an der Operation Halmazag beteiligt waren, sind Sie bei der Bundeswehr geblieben. Warum?

Die Bundeswehr repräsentiert unser Land, sichert die freiheitlich-demokratische Grundordnung, leistet humanitäre Hilfe und vertritt außen- sowie sicherheitspolitische Interessen, damit alle Bürger Deutschlands in Sicherheit und Wohlstand leben können. Ich leiste aktiv meinen Beitrag.

In wie vielen Einsätzen waren Sie bislang?

Mindestens fünf, unter anderem auf dem Balkan und in Afghanistan.

Ihre ehemaligen Kameraden sagen, Sie gehörten heute zum Sonderkommando EGB. Was ist das?

Soldaten mit "erweiterter Grundbefähigung" (EGB) unterstützen Operationen tief im Hinterland des Feindes.

Wie genau?

EGB erledigen hochintensive Einsätze und können gegen "High Value Targets" , also hochrangige Ziele, zum Einsatz kommen. Der Einsatz als Vorauskräfte in isolierter Lage gehört ebenso zu ihrem Auftrag wie die Einnahme und das Durchsuchen von Gebäuden und die Aufnahme isolierter Soldaten (Personnel Recovery) .

Ist Ihr Weg das, was man im zivilen Leben "Karriere" nennen würde?

Eher nicht, denn eine zivile Karriere ist immer verbunden mit entsprechenden finanziellen Vorteilen sowie Anerkennung in der Gesellschaft.

Einige Ihrer ehemaligen Kameraden sagen, Sie seien ein "Einsatzjunkie" geworden. Wie sehen Sie das?

Ich habe versucht, den Begriff zu googeln, und habe "Kommissare im Einsatz" oder "Junkie mit Spitzenunterwäsche" erhalten. Dieser Begriff existiert gar nicht.

Können Sie sagen, wie viele Menschen Sie in deutschem Interesse getötet haben?

Auf diese Frage werde ich nicht antworten.

Wie viele Menschen in Quatliam umkamen: Johannes Clair, Tim Focken und Christian Haupt wissen es nicht, wollen es auch nicht wissen. "Ich empfinde da kein Mitleid", sagt Clair. "Im ganzen Einsatz mit all seiner Fragwürdigkeit habe ich nie infrage gestellt zu schießen. Wer geschossen hat, hat sich zu meinem Feind gemacht. Und mich zu seinem."

Wie alle Armeen zählt auch die Bundeswehr nur ihre eigenen Toten: In Afghanistan starben 55 deutsche Soldaten, wurden erschossen, zersprengt, manche brachten sich um. Quatliam verließen alle lebend.

Heute begegnen sie sich manchmal noch auf Facebook, als virtuelle Gestalten, die sich immer weniger zu sagen haben.

Muli darf nicht von seinen high value targets erzählen.

Tim Focken, der Schütze, hat Clairs Buch nach ein paar Seiten weggelegt.

Christian Haupt hat, als er wieder zu Hause war, nach dem Aufwachen noch wochenlang unters Bett gegriffen, nach seinem Gewehr. "Ich will behaupten, im Krieg verändert sich der Kern des Menschen", sagt er. Zu seinen Theateraufführungen ist keiner der anderen gekommen.

Die lebenslange Kameradschaft unter Waffenbrüdern, hier blieb sie ein Klischee.

Johannes Clair sitzt viel zu Hause und schärft in inneren Monologen weiter seine Argumente: "Das Militär kann einen Einsatz nicht gewinnen. Soldaten können der Politik nur eine Atempause verschaffen, Konfliktparteien trennen, bis die Herren hinter ihnen eine Lösung gefunden haben." Genau das, findet er, sei in Afghanistan nicht gelungen.

Clair geht nur ungern raus, weil er sich da dauernd über "first world- Probleme" der Zivilgesellschaft ärgert, "über dieses: Scheiße, Cola ist alle? Muss ich Fanta nehmen?" Der Krieg hat ihm einen Standpunkt abgerungen – und den Halt geraubt. Er hasst Warteschlangen, weil er da keine Deckung findet. Er fährt nicht mehr U-Bahn, weil an jeder Station Fremde einsteigen und sich dauernd die "Bedrohungslage" ändert. Die vier Tage im November sind für ihn noch nicht vorbei. Er macht jetzt eine Therapie.

Erich Maria Remarque, der vor knapp einhundert Jahren in den Krieg zog, hat in seinem Roman Im Westen nichts Neues geschrieben: "Und selbst wenn man sie uns wiedergäbe, diese Landschaft unserer Jugend, wir würden wenig damit anzufangen wissen."

Johannes Clair versucht dennoch, sie zurückzubekommen, die heile Welt des Davor, auch wenn er ahnt, dass es nicht gelingen wird. Abends im Bett hört er Benjamin Blümchen- Geschichten, den Soundtrack seiner Kindheit, weil er dann besser einschläft.

So versuchen alle vier – jeder für sich allein –, das existenzielle Erlebnis Krieg in die eigene Biografie einzubauen. Muli, der unbekannte Soldat in dieser Geschichte, bereitet sich irgendwo auf seinen sechsten, siebten, achten Einsatz vor, eine "Operation tief im Hinterland des Feindes", von der die Bürger nichts erfahren werden und wohl auch nichts erfahren wollen. Christian Haupt liest Brecht, seine Freundin sagt ihm eine große Karriere voraus, "weil er einen Koffer voller Leben mitbringt". Tim Focken hat im Training 638,5 Ringe geschossen, er liegt nur noch einen Punkt unter dem Weltrekord. Johannes Clair schreibt einen Roman, der von einem Kriegsheimkehrer handelt.

Die Menschen in Quatliam, heißt es bei der Bundeswehr, haben jetzt Strom. Die deutschen Soldaten sind aus Kundus abgezogen, den combat outpost haben sie der afghanischen Armee übergeben. In wessen Händen er heute ist, kann im Verteidigungsministerium niemand sagen.