Wenn man den Stadtrat Norbert Mayer fragt, warum er aus der CDU austrat, erzählt er, was ihn am meisten aufregt: die Sache mit dem Wasser. Die Wasserwerke seiner Heimatstadt Freital südlich von Dresden machen seit Jahren Miese. Damit es sauberes Wasser gibt, nimmt die Stadt Kredite auf, seit Jahren schon. 60 Millionen Euro Schulden habe die städtische Wasserfirma angehäuft, sagt Norbert Mayer – zu viel. "Wir können doch nicht Schulden machen auf Kosten der Steuerzahler", sagt er. "Wir müssen sparen." Die Mehrheit im Stadtrat sieht das anders. Und das trieb Mayer zur AfD.

Schon in mehreren sächsischen Städten sind CDU-Abgeordnete zur AfD übergelaufen, in Freital sogar drei auf einmal, genug für eine eigene Fraktion. Nirgendwo sind die Euro-Gegner so stark wie in Sachsen, 6,8 Prozent der Stimmen bekamen sie hier bei der Bundestagswahl. Die AfD ist hier nicht die Apo, sie macht schon Politik, und zwar vor Ort – dort, wo es die Wähler sehen können. Im August sind hier Landtagswahlen.

Wenn die AfD dann mehr als fünf Prozent bekommt, muss die CDU eine Frage beantworten, der sie bislang ausgewichen ist: Wie hält sie’s mit der AfD? Ist die tabu, so wie die NPD? Oder ein willkommener Koalitionspartner, jetzt, da die FDP schwächelt wie noch nie?

Im Freitaler Stadtrat ist die CDU noch die mit Abstand stärkste Kraft, wie fast überall in Sachsen. Der Freistaat ist schwarz, Kurt Biedenkopf regierte hier zwölf Jahre lang mit absoluter Mehrheit. Auch Norbert Mayer saß viele Jahre lang für die Christdemokraten im Stadtrat. Bis es anfing zu kriseln zwischen ihm und der Partei. Mayer hat nicht nur ein Problem mit der Wasserfirma, er hat auch ein Problem mit Angela Merkel und mit der CDU ganz allgemein. "Merkels Euro-Rettung ist ein Fehler, aber das darf man in der CDU ja nicht laut sagen", meint er. Dass die Partei nach links gedriftet ist, schmeckt Mayer nicht. "Ich bin ein konservativ-bürgerlicher Mensch, ich bin Christ, ich bin für die Familie, für Recht und Ordnung", sagt Mayer. "Aber wo ist in der CDU das C geblieben?" Anfang des Jahres verließ Norbert Mayer die CDU. Ein paar Tage später unterschrieb er seinen Mitgliedsantrag bei der AfD. Er hatte von der neuen Partei im Internet gelesen, von ihrem Chef Bernd Lucke, dem Wirtschaftsprofessor, der vor dem Euro warnte und vor riesigen Schuldenbergen. Sein Mandat im Stadtrat durfte Mayer behalten. Stadtratswahlen sind Personenwahlen; man wählt den Menschen, nicht die Partei.

Wohin die AfD langfristig steuern wird, weiß Mayer nicht. Niemand weiß das. Seit der Gründung vor einem Jahr vermeiden es die Euro-Gegner, sich politisch zu verorten. Sie bewegen sich nicht zwischen rechts und links, sondern zwischen alt und neu. "Altparteien" nennen AfD-Mitglieder die Parteien im Bundestag. Sich selbst verkaufen sie als Underdogs, Bernd Lucke bemüht in seinen Reden den Kampf von David gegen Goliath. Aus diesem Selbstverständnis schöpft die AfD ihre Identität; bei der Bundestagswahl haben 57 Prozent der AfD-Wähler der neuen Partei vor allem deshalb ihre Stimme gegeben, weil sie mit den alten Parteien unzufrieden sind. Wenn die AfD bald in Parlamenten sitzen sollte, wird man ihr die Underdog-Attitüde nicht mehr abkaufen. Dann wird David in der Welt von Goliath um Macht und Einfluss ringen, dann wird auch die AfD zu "denen da oben" gehören. Dann muss die AfD einen neuen Markenkern finden. Ein liberaler Markenkern wird das vermutlich nicht. Kürzlich trat die AfD-Mitgründerin Dagmar Metzger vom Vorstand der Partei zurück, sie galt als liberale Stimme. Ein Berliner Bezirksvorsitzender verließ im Januar die Partei, in seiner Austrittserklärung schreibt er: "Die AfD geht den Weg in die Unfreiheit von rechts, mit starken Tendenzen, Randgruppen zu diskriminieren."