Russland verleibt sich die Krim ein: Das Ereignis enthält gleich drei Geschichten. Die eine handelt von der zerrissenen Ukraine, die zweite von Wladimir Putin, dem kaltblütigen Eroberer. Die dritte aber handelt von uns: von Europa und der Europäischen Union, die im Laufe der Zeit immer größer geworden ist und die sich immer kleiner gemacht hat.

Wladimir Putin hat einen Konflikt entfacht, der Europa vor grundsätzliche Fragen stellt: Wofür stehen wir? Wofür setzen wir uns ein? Und welche Mittel stehen uns zur Verfügung? Die Antworten, die darauf in Brüssel und Berlin, in Warschau und Paris gegeben werden, verändern das Bild der EU in der Welt. Und sie schärfen die Vorstellung, die wir Europäer von uns selbst haben.

Die hatte zuletzt arg gelitten. Aus dem europäischen Einigungswerk schien ein Club schlecht gelaunter Anteilseigner geworden zu sein, die eine Währung teilen, aber den Glauben an sich verloren haben. Ausgelaugt, zerstritten, von der Finanzkrise erschüttert – so hat Europa irgendwann sich selbst betrachtet. Und nun? Erscheint dieselbe ausgelaugte EU plötzlich als ein Ort der Sehnsucht und der Freiheit. Nicht nur auf dem Maidan in Kiew und in weiten Teilen der Ukraine, auch in Georgien, Moldawien oder den baltischen Staaten leuchten die gelben EU-Sterne besonders hell. Sogar der weißrussische Außenminister sagte kurz nach der Besetzung der Krim, er wolle einen Beitritt seines Landes zur EU nicht für immer ausschließen.

Wladimir Putins Militäraktion erinnert die Europäer daran, was sie an der EU haben: Freiheit, Rechtssicherheit, offene Gesellschaften und einen Wohlstand, den vergleichsweise viele miteinander teilen. Gegen diese stille Kraft hat der Kreml seine Luftlandetruppen ins Feld geschickt. In dieser Krimkrise entsteht eine neue Erzählung von dem, was Europa ist – just danach hat die EU in den vergangenen Jahren vergeblich gesucht.

Doch Europa wäre nicht Europa, wenn es nicht auch jetzt erst einmal an sich zweifeln und sich mit Nebensächlichkeiten beschäftigen würde. Martin Schulz und Jean-Claude Juncker, die beide Präsident der EU-Kommission werden wollen, führten in dieser Woche ein langes Streitgespräch im Spiegel. Sie diskutierten über Brüsseler Befindlichkeiten, bevor sie am Ende ein paar nichtssagende Sätze über die Ukraine verloren. Zwei Männer mit dem Rücken zur Geschichte.

Die Krimkrise und die Euro-Krise unterscheiden sich stark voneinander. Die kritischen Kommentare indes klingen in beiden Fällen ähnlich. Wieder mal sei Europa zu schwach, zu zögerlich, zu uneinig. Und wieder einmal wird die vermeintliche Entschiedenheit der USA ins Feld geführt.

Bloß: Wer war es denn, der vor vier Wochen mit Viktor Janukowitsch verhandelt und so einen Bürgerkrieg verhindert hat, zumindest fürs Erste? Barack Obama jedenfalls nicht. Seine Europabeauftragte fiel erst auf, als ein Telefongespräch bekannt wurde, in dem sie die EU beschimpfte.

Es stimmt schon, viele Mitgliedsländer der EU haben sich lange Zeit nicht für die Ukraine interessiert. Und fast alle haben unterschätzt, welche gewaltigen Emotionen das Assoziierungsabkommen mit der Ukraine auslösen würde – zunächst in Moskau und dann, als der ukrainische Präsident seine Unterschrift verweigerte, in Kiew. Aber seit der Konflikt eskaliert ist, hat die EU vieles richtig gemacht. Vor allem ist es ihr gelungen, dass alle 28 Mitgliedsländer gemeinsam gegen die russische Führung vorgehen. Das ist keine geringe Leistung, bedenkt man, wie gegensätzlich die Interessen, die Abhängigkeiten und die Erfahrungen mit Moskau sind.