Am Freitag dieser Woche ist Equal Pay Day, der Tag der Lohngleichheit zwischen Männern und Frauen. In vielen Ländern finden Aktionen statt, weil Männer – auch bei gleicher Qualifikation im gleichen Beruf – noch immer mehr verdienen. Ich nehme den Tag zum Anlass, Ihnen zu schreiben, was aus meiner Sicht beim deutschen Feminismus schiefgelaufen ist. Ich finde, Ihr Problem ist, dass Sie denselben Fehler machen, den Sie Männern gern vorwerfen: Sie interessieren sich nur für Sex.

Vor Kurzem haben Sie selbst im Feuilleton der ZEIT noch einmal festgestellt, wie sehr die Sexualpolitik "der Dreh- und Angelpunkt im Verhältnis der Geschlechter" sei. Das sei das Besondere an dem "neuen Feminismus", für den Sie stehen. Und bei all den Machtfragen rund um den weiblichen Körper hat die Frauenbewegung ja viel bewegt: Abtreibung, Vergewaltigung in der Ehe, Pornografie und Prostitution – für all das gibt es Gesetze und Regeln. Die meisten sind vernünftig und maßvoll.

Prostitution beispielsweise will keine im Bundestag vertretene Partei komplett verbieten, in der aktuellen Debatte streiten die Parteien um Details, nicht ums Prinzip. Zum Beispiel, ob die Altersgrenze für Prostitutionseinsteigerinnen von 18 auf 21 Jahre angehoben werden sollte. Alle, von den Linken und Grünen bis zur CSU, wollen schärfere Maßnahmen gegen Zwangsprostitution. Alle fürchten aber auch im Gegensatz zu Ihnen, dass ein Totalverbot der Prostitution die Sexarbeiterinnen am Ende in die Illegalität treibt.

Ähnlich verhält es sich nach meinem Empfinden mit dem Sexismus im Land. So lästig plumpe Herrenwitze, Grapschereien und schwüle Komplimente sind – im Großen und Ganzen ist Deutschland ein Land, in dem Männer und Frauen entspannt miteinander umgehen. Ich wünsche mir keine Verhältnisse wie in den USA, wo eine Mischung aus Misstrauen und Prüderie den Umgang zwischen den Geschlechtern erschwert und sich manche Chefs nicht trauen, mit Kolleginnen einen Fahrstuhl zu betreten – aus Sorge, anschließend beschuldigt zu werden. Andererseits finde ich es angenehm, weniger Übergriffen und Anmachen ausgesetzt zu sein als Frauen in einigen osteuropäischen Ländern.

Erinnern Sie sich noch an die Verhaftung von Dominique Strauss-Kahn, jenes früheren Chefs des Internationalen Währungsfonds, dem vorgeworfen wurde, in New York über ein Zimmermädchen hergefallen zu sein? Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem Männer, auf denen ein solcher Verdacht lastet, in Handschellen vor Fotografen abgeführt werden. Aber auch nicht in Ländern, in denen Frauen nach Übergriffen aus Angst schweigen. Mit dem deutschen Mittelweg zwischen diesen Welten lässt es sich nach meinem Geschmack gut leben.

Viele Feministinnen in Deutschland regen sich über die Allgegenwart von Sexualität auf, die Reduzierung von Frauen auf ihren Körper. Auch Mütter aus meinem Freundeskreis haben damit Probleme, sie wollen nicht, dass ihre Töchter Mädchen in Pudelstellung in der Werbung sehen, und fürchten den Einfluss von Germany’s next Topmodel.

Das verstehe ich, aber das ist nichts für den Gesetzgeber. Was das Aussehen angeht, so haben es Männer inzwischen auch nicht viel leichter. Erinnern Sie sich an den Start des neuen grünen Fraktionschefs Toni Hofreiter? Ständig wurde seine Frisur thematisiert, und die Haartransplantation bei FDP-Chef Christian Lindner war ein ganz großes Medienthema. Es war genau die Zeit, in der Angela Merkel und Hannelore Kraft – also zwei mächtige Frauen – in den Koalitionsverhandlungen um die Zukunft des Landes rangen.