Thematische Aktualität sagt, streng genommen, über die künstlerische Qualität eines Films, eines Buchs noch nichts aus. Ganz unwesentlich ist sie aber auch nicht. Denn über die Wachheit des Künstlers für seine Gegenwart, über sein Gefühl für ihre relevanten Geschichten und schlummernden Stoffe sagt sie schon etwas. Wie brandaktuell Die Frau des Polizisten, Philipp Grönings in Cannes mit dem Spezialpreis der Jury prämierter Film, beim deutschen Kinostart sein würde, konnte der Regisseur nicht wissen, geschweige denn planen. Aber sein Film kommt haarscharf zum richtigen Zeitpunkt.

Es geht darin um Gewalt in der Ehe. Um einen durchschnittlichen jungen Mann aus dem Kleinbürgertum, der seine junge Frau so brutal und regelmäßig schlägt, dass einige Bilder vom nackten, mit tellergroßen Hämatomen übersäten Leib genügen, um den Exzess zu vermitteln. Und es ist unvermeidbar, Grönings Werk, das er über viele Jahre mithilfe vieler persönlicher Erzählungen geschlagener Frauen vorbereitet hat, im Zusammenhang mit dem kürzlich veröffentlichten Bericht der EU-Agentur für Grundrechte zu sehen, dem zufolge jede dritte europäische Frau schon einmal Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt wurde. Das horrible Ergebnis der Studie hat Kritik hervorgerufen, Zweifel an den Kriterien und Formulierungen der Fragebögen geweckt. Aber selbst wenn man die Statistik absenkt, selbst wenn man davon ausgeht, dass es sich nicht um jede dritte, sondern, beispielsweise, nur um jede fünfte Frau handelt, bleibt das Ergebnis: unfassbar. Wir reden über Quotenregelungen in den Chefetagen der Medien und im Führungsmanagement der Wirtschaft und stecken knietief im Sumpf der Geschlechterbarbarei.

Keine Frage: Für Die Frau des Polizisten sprechen sowohl die thematische Brisanz als auch die Entschlossenheit des Regisseurs, seinen Stoff jeder konventionellen Erzähl- und Einfühlungsdramaturgie zu entreißen. In größtmöglichem Abstand zum gefälligen Gefühlsgrusel kleiner Fernsehspiele entwirft Philipp Gröning das Drama des Polizisten Uwe, der Hausfrau Christine und der vierjährigen Clara als Filmexperiment im Arthouse-Stil. Das ist die Stärke des dreistündigen Films. Daraus ergibt sich aber auch seine nicht zu unterschlagende Schwäche. Er ist ein wirklich schwieriger Fall. Wer über diesen Film nachzudenken beginnt, streitet lange mit sich selbst herum.

Gröning erzählt und inszeniert keine fortlaufende Handlung. Er setzt ein Mosaik aus szenischen Miniaturen zusammen, 59 an der Zahl, die mit Schwarzblenden und nummerierenden Titeln wie Kapitel 13 Anfang, Kapitel 13 Ende voneinander getrennt sind. Sie zeigen hauptsächlich – aber nicht nur – Sequenzen aus dem Alltag der Kleinfamilie, die seit Kurzem im Klinkerhaus einer nordrhein-westfälischen Kleinstadt lebt, wo Uwe bei der örtlichen Polizei als Streifenpolizist arbeitet. Man sieht Uwe im ersten Kapitel morgens von der Nachtschicht nach Hause kommen. Er bringt frische Brötchen mit, hängt auffällig penibel sein Diensthemd zum Lüften über die Wäscheleine, schiebt die Dienstpistole oben auf den Kleiderschrank. Man sieht Mann, Frau und Kind im sonnendurchfluteten Wald beim Ostereiersuchen, beim abendlichen Herumalbern vor dem Schlafengehen, man sieht Christine und Clara vergnügt in der Badewanne, Uwe und Christine zärtlich aneinandergeschmiegt im Bett. Man sieht, wozu es keine Worte braucht, die Arbeit an der perfekten Liebesidylle und, Kapitel um Kapitel, den Übergang von der Idylle zur Übersymbiose, von ihr zu Uwes explosivem Innendruck. Bis irgendwann, etwa in der Mitte des Films, zum ersten Mal ein Hämatom auf Christines Schulter ins Bild kommt. Bis Gewalt und Ohnmacht, Kontrollsucht und Angst, Exzess und hilflose Abhängigkeit immer mehr einbrechen in diese Szenen, die an keiner Stelle die Grenze zur überlegenen Moralisierung oder zur soziologischen Interpretation überschreiten, auch nicht die zur filmisch ausagierten Gewaltdarstellung.

Es ist ebendeshalb schwer verständlich, weshalb der Regisseur dieser Kunst der Reduktion nicht konsequent vertraut. Denn was er dem Film an psychologischem Gefuchtel, an Klischeedialogen und Füllepisoden erspart, mutet er ihm andererseits an Symbolik aus der Zeichenwelt deutscher Märchen und Mythen und aus der verbrauchten Bilderwelt deutscher Spießer- und Provinzhöllen wieder zu. Kamera, Bildaufbau, Bildführung sperren die drei Menschen unentwegt in ihre Wohnräume wie in Zellen, machen aus dem Klinkerhaus einen Gefängnisbau, aus dem Asphaltweg vor dem Haus einen Gefängnishof, aus der menschenleeren Straße, in der sich ein Klinkerhaus ans nächste reiht, eine regelrechte Strafanstalt. Das ist nicht nur stark übertrieben und überstilisiert. Es bringt auch die Gewalt des Ehemanns und seine Funktion als staatlicher Ordnungshüter in einen sowohl naiven als auch suggestiven Zusammenhang, der das Niveau des Films unterschreitet.

Kino - "Die Frau des Polizisten" ( Ausschnitt) "Die Frau des Polizisten" ( Ausschnitt)

Zu viele der 59 Kapitel beladen den Film mit ganz und gar assoziativem Bildmaterial. Ein alter einsamer Mann in seiner Wohnung taucht immer wieder auf. Viel Wald, Wiese, Naturstillleben, Fuchs und Reh und Vogel treten in Erscheinung, altdeutsches Liedgut kommt zu Gehör. Und man weiß im Grunde nicht, warum. Man weiß nur, dass die formale Strenge des Films unter dieser ornamentalen Aufbauschung leidet. Sein Thema, die Gewalt, gerät dabei unversehens, unwillkürlich zum Mysterium. Das aber ist Gewalt nicht.